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Argentinien : Anleger zittern um Wachstumsprämien

  • Aktualisiert am

Die Präsidentin von Argentinien, Cristina Fernández de Kirchner Bild: dpa

Die amtlichen Wirtschaftsdaten gelten in Argentinien als geschönt. Das hat Auswirkungen auf Wertpapiere - besonders auf die sogenannten BIP-Kupons, die auch viele ausländische Anleger halten.

          Argentiniens Finanzmarkt gilt seit langem als ein unsicheres Pflaster. Neben den starken Ausschlägen der wirtschaftlichen Entwicklung müssen Anleger in der zweitgrößten Volkswirtschaft Südamerikas noch ein besonderes Risiko berücksichtigen: Die amtliche Statistik gilt seit Jahren als manipuliert. Im Jahr 2007 hatte die Regierung die Führungsmannschaft des bis dahin weitgehend unabhängigen Statistikinstituts Indec ausgetauscht.

          Seither werden amtliche Daten zu Inflation, Wirtschaftswachstum und sozialen Indikatoren systematisch geschönt, meinen Experten. Die Inflation ist nach Schätzung unabhängiger Ökonomen seit Jahren mindestens doppelt so hoch wie die offiziell ausgewiesene Preissteigerungsrate. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wird dagegen von der amtlichen Statistik regelmäßig um ein bis zwei Prozentpunkte zu hoch ausgewiesen, meinen Fachleute. Das hat Auswirkungen auf Wertpapiere.

          BIP-Kupons profitieren

          Argentinische Anleihen in lokaler Währung, deren nominelles Kapital meist nach Maßgabe der amtlichen Inflationsrate angepasst wird, verlieren durch die zu niedrig ausgewiesene Preissteigerung an Wert. Eine besondere Spezies argentinischer Wertpapiere, die auch von vielen ausländischen Anlegern gehalten wird, profitiert dagegen von der geschönten Statistik. Dabei handelt es sich um die sogenannten BIP-Kupons.

          Im Rahmen der 2005 erfolgten Umschuldung von Anleihen, die bei Argentiniens Staatspleite 2002 notleidend geworden waren, hatte die Regierung anleiheähnliche Papiere ausgegeben, deren Kupons an das Wachstum des BIP gekoppelt sind. Damit sollten die Gläubiger wenigstens teilweise für ihre hohen Zins- und Kapitalverluste von mehr als zwei Dritteln des Nominalwerts entschädigt werden.

          Die auf Dollar, Euro, Yen oder Pesos lautenden BIP-Kupons gewähren ihren Besitzern eine jährliche Auszahlung, deren Höhe davon abhängt, ob und in welchem Ausmaß das Niveau und das Wachstum des BIP bestimmte vorgegebene Mindestwerte überschreitet.

          Heftige Spekulationen über die Auszahlung 2014

          Zuletzt lag die für eine Ausschüttung erforderliche Mindestwachstumsrate bei 3,2 Prozent. Je höher das Niveau und das Wachstum des BIP ausfällt, desto höher ist die Auszahlung. Aufgrund des kräftigen Wachstums der argentinischen Wirtschaft haben die Besitzer der BIP-Kupons in den acht Jahren seit der Umschuldung stattliche Wachstumsprämien kassiert, die sich auf insgesamt rund 18 Prozent des ursprünglichen Nominalwerts der umgeschuldeten Anleihen addieren.

          Über die Auszahlungen für das BIP-Wachstum des Jahres 2013, die gegebenenfalls im Dezember 2014 fällig werden, wird derzeit heftig spekuliert. Denn während das Wirtschaftswachstum in früheren Jahren trotz aller Zweifel an den amtlichen Daten immer klar über oder klar unter der Auszahlungsschwelle gelegen hatte, bewegen sich die unterschiedlichen Wachstumsschätzungen für 2013 gerade im kritischen Bereich.

          Während die Regierung bisher Daten ausweist, die auf ein BIP-Wachstum um fast 5 Prozent im Jahr 2013 hinauslaufen, liegen die privaten Schätzungen für den BIP-Zuwachs bei bestenfalls 3 Prozent. Den offiziellen Daten zufolge würde 2014 somit eine Wachstumsprämie fällig. Die Schätzungen unabhängiger Ökonomen liegen dagegen unterhalb der Auszahlungsschwelle von 3,2 Prozent. So kalkuliert die amerikanische Bank JP Morgan für 2013 ein „genuines“ BIP-Wachstum von 2,9 Prozent.

          Die Regierung habe einen großen Anreiz, die BIP-Daten nach unten zu korrigieren

          Ausschlaggebend für die Auszahlung der Kupons sind die endgültigen offiziellen BIP-Zahlen, wie sie von der Regierung Mitte November 2014 ausgewiesen werden. Die Regierung habe einen großen Anreiz, bis dahin die BIP-Daten nach unten zu korrigieren, meinen Volkswirte von JP Morgan. Denn wenn die Regierung bei den überhöhten Wachstumsdaten bleibe, müsse sie im Dezember 2014 rund 3 Milliarden Dollar an die Anleger ausschütten. Das entspräche etwa zehn Prozent der gegenwärtigen Devisenreserven des Landes.

          Schon jetzt sind Devisen in Argentinien so knapp, dass die Regierung Warenimporte und Devisen für Auslandsreisen rationieren muss. Tatsächlich hat die Regierung für März 2014 bereits eine größere Revision der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung angekündigt. Strategen der Deutschen Bank glauben indes nicht, dass die Regierung die BIP-Zahlen so stark korrigieren wird, dass 2014 keine Ausschüttung anfällt. Sie raten zum Kauf der BIP-Papiere, deren Kurs im Fall des Euro-Kupons innerhalb Jahresfrist bereits um 48 Prozent gestiegen ist.

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