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Anleihenmarkt : Wie sich hohe Staatsdefizite finanzieren lassen

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Die Flut der Rentenpapiere macht dem Markt zu schaffen Bild: REUTERS

In Europa und in Amerika weisen die öffentlichen Haushalte deutliche Defizite auf. Zur Deckung der Lücke werden massenweise Staatsanleihen emittiert. Doch Analysten argumentieren, dass die Finanzierung kein Problem sei.

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          Die schwache Konjunktur und die teuren Konjunkturpakete zur Ankurbelung der Wirtschaft führen zu deutlich steigenden Haushaltsdefiziten in den kommenden Jahren. Im Euroraum dürfte das Budgetdefizit nach Schätzung der Commerzbank dieses Jahr rund 5,5 Prozent ausmachen, 2010 sogar 8 Prozent. Deutschland werde keine Ausnahme sein. In Amerika müsse für 2009 ohnehin mit einem Rekorddefizit von 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gerechnet werden.

          Angesichts dieser Entwicklung fragen sich viele Marktteilnehmer, ob der Kapitalmarkt diese Belastungen schultern kann, ohne dass die Renditen massiv steigen. Schließlich müsste eine höhere Staatsverschuldung zu höheren Kapitalmarktzinsen führen. Denn wenn die Nachfrage nach Krediten zunimmt, steigt auch der Zins als Preis des Geldes. Berücksichtige man jedoch alle Akteure auf dem Kapitalmarkt, so Commerzbank-Analyst Christoph Balz, ergebe sich ein anderes Bild. So hätten private Haushalte und Unternehmen in der Summe deutlich mehr Kredite aufgenommen als der Staat. Im Euroraum entfalle auf den Staat nur etwa ein Drittel der Schulden außerhalb des Finanzsektors, in Amerika nur ein Viertel.

          Staatsverschuldung verhält sich antizyklisch

          Tatsächlich kompensierten sich Schwankungen in der staatlichen Kreditaufnahme und des Kreditvolumens an Private häufig. Weitete die amerikanische Regierung die Staatsverschuldung in den Rezessionen von 1974, 1980/82, 1991 und 2001 kräftig aus, so nahm gleichzeitig die Kreditdynamik im privaten Sektor ab. Im Abschwung müssen weniger neue Immobilien oder Konsumgüter finanziert werden, Unternehmen kürzen die Investitionen.

          Die Korrelation zwischen den Änderungen der Vorjahresraten der Kredite an Staat und Unternehmen beträgt -0,60, zwischen Staat und privaten Haushalten -0,40. Mit anderen Worten: Nimmt die Schuldendynamik beim Staat zu, nimmt sie typischerweise im privaten Sektor ab. In der Summe expandierte der Kreditmarkt daher in den vergangenen Jahren trotz der großen Schwankungen in den einzelnen Segmenten mit recht stabilen Raten zwischen 5 und 9 Prozent.

          Die Kreditwippe

          Dieses Phänomen lässt sich auch derzeit beobachten: Während 2008 die amerikanischen Staatsschulden um 24 Prozent nach oben schossen, haben Unternehmen und Haushalten anders als in den Vorjahren kaum neue Schulden gemacht. Daher nahm die Gesamtverschuldung der Volkswirtschaft 2008 nur noch um 5,8 Prozent zu, nach einem Anstieg um 8,6 Prozent im Vorjahr.

          Ein ähnliches Bild bietet sich im Euroraum. Während des Booms im Jahr 2000 verschuldeten sich die Unternehmen massiv, während der Staat kurzzeitig sogar ohne zusätzliche Schulden auskam. In der folgenden Rezession stärkten die Unternehmen ihre Bilanzen, während die Verschuldung des Staates stark zunahm. Im daran anschließenden Aufschwung war der Staat weniger auf Kredite angewiesen, während die Unternehmen und privaten Haushalte ihre Investitionen wieder erhöhten und mehr Kredite aufnahmen.

          In der jüngsten Vergangenheit kehrte sich das Bild dann erneut um, wie Balz in einer Studie erläutert: Die stärkere Nachfrage des Staates nach Krediten ging mit einer schwächeren Schuldendynamik im Rest der Wirtschaft einher.

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