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Anleihen : Was steckt hinter dem Anstieg der Zinsen?

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Bei Anleihen zählt nicht nur der Kupon Bild: @unit

Die steigenden Anleiherenditen drücken die Stimmung an der Wall Street. Peter Coy von Business Week erläutert die Gründe für diese Entwicklung und ihre möglichen Auswirkungen auf Wirtschaft und Märkte.

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          Die steigenden Anleiherenditen drücken die Stimmung an der Wall Street. Peter Coy von Business Week erläutert die Gründe für diese Entwicklung und ihre möglichen Auswirkungen auf Wirtschaft und Märkte.

          Was geht hier vor sich?

          Eine Phase außergewöhnlich niedriger Zinssätze scheint sich dem Ende zuzuneigen. Die Zinsen befinden sich weltweit im Aufwärtstrend - in den Vereinigten Staaten, in Europa, China, Neuseeland und selbst im Niedrigstzinsland Japan. Am 7. Juni kletterte die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen auf 5,1 Prozent, dem höchsten Wert seit vergangenem Juli.

          Warum steigen die Zinssätze?

          Während das amerikanische Wirtschaftswachstum gegenwärtig schwächelt, boomen die meisten Volkswirtschaften im Rest der Welt. Die Zentralbanken jener Länder sorgen sich um steigende Inflationsraten und erhöhen daher die Leitzinsen, um ihre Märkte abzukühlen. Nachdem die Europäische Zentralbank am 6. Juni ihren Leitzins, den Hauptrefinanzierungssatz, um einen Viertelpunkt auf vier Prozent anhob, gingen die langfristigen Zinssätze auf dem Rentenmarkt nach oben, obwohl dort mit dem Zinsschritt gerechnet wurde. Sie zogen weiter an, als die neuseeländische Zentralbank den Leitzins am 7. Juni überraschend erhöhte. Die Bank of England hält sich die Tür für weitere Zinssteigerungen offen, während die amerikanische Notenbank (Fed) eher zu einer Anhebung denn zu einer Senkung der Zinsen tendiert. Höhere Zinssätze liegen also in der Luft.

          Bietet die Inflation wirklich Anlass zur Sorge?

          Ja. Wächst ein Großteil der Welt in rasantem Tempo, besteht die Gefahr von Engpässen. Starke Nachfrage treibt die Preise für Rohstoffe wie etwa Öl nach oben. Niedrige Arbeitslosenraten können Arbeitnehmern mehr Macht bei ihrer Forderung nach höheren Löhnen und Gehältern verleihen. In den Vereinigten Staaten löste die Regierung bei den Marktteilnehmern Inflationsängste aus, als sie verkündete, dass die Lohnstückkosten - die Lohnkosten je Produktionseinheit - im ersten Quartal mit einer Jahresrate von 1,8 Prozent stiegen und damit deutlich über der vorläufigen Schätzung von 0,6 Prozent lagen. Darüber hinaus üben höhere ausländische Zinssätze Abwärtsdruck auf den Wert des Dollars aus, wodurch die Importpreise steigen und die Inflation weiter angeheizt wird.

          Ist die Inflation aktuell ein Problem?

          Im Moment noch nicht. Die Inflation ist zwar leicht gestiegen, konnte bis dato jedoch in Schach gehalten werden, zum Teil aufgrund des Vertrauens der Marktteilnehmer in die Wachsamkeit der für Preisstabilität sorgenden Zentralbank. So stieg im April der von der Fed bevorzugte Inflationsindikator, der Deflator des privaten Konsums ohne Energie und Nahrungsmittel, um winzige 0,1 Prozent und lag damit nur zwei Prozent über dem Vorjahreswert. Er befand sich demnach innerhalb des Zielkorridors der Fed, wenngleich an dessen oberem Ende, bemerkt Alexander Paris, Vorsitzender der in Chicago ansässigen Broker-Gesellschaft Barrington Research Associates. Als weiteres positives Zeichen gilt, dass die von den Märkten erwartete Inflationsrate - in Gestalt der Rendite-Differenz zwischen normalen und inflationsgeschützten Anleihen - nach wie vor deutlich unter dem Vorjahresniveau liegt.

          Warum fallen die Kurse am amerikanischen Aktienmarkt?

          Nach einer langen Reihe immer neuer Rekordschlussstände war der Aktienmarkt anfällig für jede Art von schlechten Nachrichten. Höhere ausländische Zinssätze wirken sich aus zweierlei Gründen negativ auf amerikanische Aktien aus: Zum einen entstehen durch höhere Anleiherenditen in den Vereinigten Staaten und im Ausland attraktive Alternativen zu Aktien. So erlitten etwa Aktien mit hoher Dividendenrendite (die somit am ehesten mit Anleihen konkurrieren), beispielsweise jene von Versorgern, am 7. Juni die stärksten Einbußen, als der Dow Jones Industrial Average Index um rund 200 Punkte absackte. Zum anderen können höhere Zinssätze durch Verlangsamung des Wirtschaftswachstums letztlich zur Schmälerung der Unternehmensgewinne beitragen. Als Beispiel sei der auf amerikanische Nebenwerte spezialisierte S&P 600 SmallCap Index angeführt. Selbst wenn die in diesem Index zusammengefassten Aktien die Gewinnerwartungen für dieses Jahr erfüllen, sind ihre Kurs-Gewinn-Verhältnisse in einer Welt mit Anleiherenditen von über fünf Prozent ziemlich hoch, meint Keith Hembre, Chefvolkswirt der Finanzgesellschaft First American Funds aus Minneapolis, die über 100 Milliarden Dollar in Form von Investmentfonds und institutionellem Vermögen verwaltet. Hembre zeigt sich auf mittlere Sicht optimistisch, ist jedoch der Ansicht, dass sich höhere Zinssätze kurzfristig „als relativ bedeutende Herausforderung“ für den Aktienmarkt erweisen werden.

          Wie groß ist die Chance, dass die Fed dem Beispiel anderer Zentralbanken folgt und die Zinsen anhebt?

          Gegenwärtig ist diese Chance noch immer gering. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird die Fed den Leitzins in ihrer nächsten Sitzung Ende Juni unverändert belassen. Der Markt spekuliert darauf, dass die Chancen für Zinserhöhungen in der August-Sitzung der Zentralbank nur 2,2 Prozent und in der September-Sitzung weniger als sechs Prozent betragen. Diese Zahlen basieren auf einer von Bloomberg Financial Markets vorgenommen Analyse des Handels mit Optionen und Futures auf den amerikanischen Tagesgeldsatz. Notenbankpräsident Ben Bernanke weist zwar darauf hin, dass die Fed die hohe Inflation mehr sorge als eine Konjunkturabschwächung, die Beibehaltung der Zinsen ist auf absehbare Zeit jedoch der für die Währungshüter wahrscheinlichste Kurs. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt - während sich die Wirtschaft noch immer mit dem kriselnden Häusermarkt herumplagt - würde eine Zinsanhebung das Wachstum gefährden.

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