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Anleihen : Überraschungseier aus dem Osten

Osteuropa will den Euro einführen. Da die wirtschaftliche Solidität Voraussetzung ist, profitieren Anleihen aus diesen Ländern. Interessant sind Polen, Bulgarien und Rumänien. Für Anleger mit langem Atem.

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          Litauen sucht kreative Köpfe. Die Regierung hat gerade angekündigt, die Gestaltung der nationalen Seite der Euro-Münzen in einem Wettbewerb auszuschreiben. Ob die Metallstücke künftig das Nationalsymbol, den Vytis (Weißer Ritter), den bisher einzigen König Mindaugas, oder die älteste Universität Osteuropas in Wilna zeigen, ist aber zweitrangig. Entscheidend ist das Aufbruchsignal: In rund zwei Jahren will das Land den Litas durch den Euro ersetzen, und schon von Mitte 2005 an sollen die neuen Münzen produziert werden.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Litauen ist damit nicht allein. Estland und Slowenien haben den gleichen Zeitplan. Alle drei läuteten in dieser Woche die heiße Phase dafür ein. Sie traten dem Europäischen Wechselkurs-Mechanismus bei. Damit verpflichten sie sich zusammen mit den anderen EU-Ländern und der Europäischen Zentralbank, die Wechselkurse maximal 15 Prozent nach oben und unten um den vereinbarten Mittelkurs schwanken zu lassen. Für Litauen und Estland ändert sich dadurch kaum etwas, denn sie haben schon jetzt ihre Währung fest an den Euro gekoppelt. Nur in Slowenien schwankt der Tolar zum Euro. Im kommenden Jahr dürfte sich Lettland ebenfalls dem Mechanismus unterwerfen. Zypern und Malta könnten später folgen. Die letzten werden wohl frühestens 2006 Polen, Ungarn und Tschechien sein.

          Voraussetzung für Euro-Einführung ist wirtschaftliche Solidität

          Wann auch immer der Beitritt erfolgt, die Richtung ist klar: Alle osteuropäischen Länder werden in wenigen Jahren den Euro einführen. Voraussetzung dafür sind aber die Reduzierung der Inflation und des Haushaltsdefizits sowie keine Turbulenzen bei den Währungskursen. Das ist nur mit Reformen zu erreichen. Von diesen Verbesserungen werden auch die Anleihen solcher Länder profitieren. Denn bekommen die Länder ihre Probleme in den Griff, nähern sich die Renditen dem westeuropäischen Niveau - Fachleute sprechen von Konvergenz -, und die Kurse steigen entsprechend.

          Seit Jahren schon läßt die Phantasie auf den Euro-Beitritt mit dessn positiven Folgen die Anleihepreise steigen. Zusammen mit hohen Zinskupons und Währungsgewinnen erzielten Anleger satte Zuwächse. Mit lang laufenden polnischen Staatsanleihen in Zloty waren es in den vergangenen vier Jahren stolze 70 und mit ungarischen und tschechischen Papieren in Landeswährung etwas mehr als 30 Prozent.

          Das soll es noch nicht gewesen sein. "Durch den noch nicht beendeten Konvergenzprozeß werden die Renditen weiter sinken", erwartet Michael Ganske, der für die Fondsgesellschaft DWS den Euro Convergence Bonds-Fonds leitet, der in osteuropäische Anleihen investiert. Und das, obwohl er Gegenwind durch steigende Renditen an den westeuropäischen Anleihemärkten bekommt. "Fünf Prozent Wertzuwachs im Jahr sind dennoch mindestens drin", erwartet Ganske. Er hat Polen und die Slowakei in seinem Fonds übergewichtet. So bietet Polen derzeit in Zloty-Anleihen Renditen von rund sieben Prozent. Zudem hat er mit Bulgarien und Rumänien schon die nächsten Beitrittsländer im Blick, bei denen die Konvergenz noch nicht so weit vorangeschritten ist.

          Konvergenz zum Teil schon vollzogen

          In die drei Vorreiter, die jetzt dem Wechselkurs-Mechanismus beigetreten sind, investiert Ganske fast nichts. Sie haben zuwenig Anleihen in lokaler Währung emittiert, und die Konvergenz ist schon zu einem großen Teil vollzogen. Sein Fonds könnte dennoch von dem Beitritt der drei Länder profitieren. Denn er erhöht den Druck auf andere Staaten, Inflation und Defizit zu reduzieren, weil niemand das Schlußlicht sein will.

          Doch das langfristig interessante Investment in osteuropäische Staatsanleihen ist kurzfristig mit großen Unsicherheiten behaftet. Sorge machen zum Beispiel die hohen Haushaltsdefizite in Ungarn, die die Renditen seit einem Jahr kräftig ansteigen und die Kurse purzeln ließen. "Wir empfehlen die Titel derzeit nicht zum Kauf, denn die Regierung wird die Budgetziele in diesem Jahr wohl verfehlen", sagt Walter Demel, Osteuropa-Analyst von der österreichischen Raiffeisen Zentralbank in Wien. Allerdings sei mit einem Rückgang der Inflation im zweiten Halbjahr zu rechnen.

          Auch Polen bietet für seine hohen Renditen entsprechend große Risiken. Das Haushaltsdefizit ist hoch. "Und die politische Unsicherheit belastet, weil sie Budgeteinschnitte unwahrscheinlicher macht", sagt Miroslav Plojhar von der Ersten Bank in Wien. Langfristig seien die Papiere aber interessant, weil durch das Wirtschaftswachstum Währungsgewinne lockten, die die Gesamtwertentwicklung der Anleihen weiter aufbessern. Für schwache Nerven ist das aber nichts.

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