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Ewige Anleihen : Ein Markt für Langatmige

Geld auf Eis: Ewige Anleihen, eine englische Erfindung, sind etwas für Anleger mit Weitsicht. Bild: Picture-Alliance

Die Ewigkeit ist dieses Jahr zu Ende, denn es werden ewige Anleihen getilgt. Die Idee der Anleihe ohne Laufzeitbegrenzung ist keine neue. Sie gibt es schon sehr lange – quasi eine kleine Ewigkeit.

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          Die Idee der griechischen Regierung, einen Teil ihrer im Umlauf befindlichen Staatsanleihen in Anleihen mit unbegrenzter Laufzeit zu verwandeln, würde im Falle ihrer Umsetzung keine Finanzinnovation erzeugen. Anleihen ohne Laufzeitbegrenzung, an den Finanzmärkten auch ewige Anleihen, Konsols oder Perpetuals genannt, sind zwar nicht sehr häufig, aber sie sind schon seit mehr als 250 Jahren bekannt. Noch heute laufen einiger dieser Anleihen um.

          Die Geschichte der „ewigen Anleihen“ hat ihren Anfang in London genommen. Im Jahre 1752 fasste der damalige britische Schatzkanzler und Premierminister Sir Henry Pelham alle umlaufenden britischen Staatsanleihen mit fester Laufzeit in eine „ewige“, mit einem Zinskupon von 3,5 Prozent ausgestattete neue Staatsanleihe zusammen.

          Schon die damalige ewige britische Anleihe besaß ein Konstruktionsmerkmal, mit dem sie der Schuldner in eine befristete Anleihe verwandeln konnte: Der Staat besaß ein Kündigungsrecht für diese Anleihe. Mit einem solchen Kündigungsrecht, das vorzeitige Tilgungen und Änderungen des Kupons gestattet, sind auch die meisten heute noch umlaufenden ewigen Anleihen ausgestattet.

          Ewige Anleihe wird dieses Jahr getilgt

          So existiert auch Sir Henry Pelhams ewige Anleihe aus dem Jahre 1751 in ihrer damaligen Form nicht mehr. Schon 1857 wurde ihr Kupon auf 3 Prozent reduziert, und im Jahre 1923 wurde die Tilgung eines Teils der Anleihe beschlossen, die seinerzeit nur noch mit einem Kupon von 2,5 Prozent ausgestattet war. Der damals nicht getilgte Teil der Anleihe läuft noch immer um.

          Anders erging es einer weiteren ewigen Anleihe Großbritanniens, die im Jahre 1927 mit einem Kupon von 4 Prozent aufgelegt wurde, mit deren Aufkommen eine Anleihe aus dem Ersten Weltkrieg zurückgezahlt wurde. Die ewige Anleihe des Jahres 1927 wird in diesen Wochen getilgt. Danach werden noch ewige Anleihen Großbritanniens im Wert von rund 2 Milliarden Pfund im Umlauf sein.

          Heute werden ewige Anleihen oft von Finanzunternehmen begeben. So befinden sich solche Papiere von der Deutschen Bank wie von der Allianz am Markt. Viele dieser Papiere sind nur nachrangig besichert und für die ersten Jahre mit einem festen Kupon und anschließend mit einem variablen Kupon ausgestattet. Derartige Papiere werden nicht vom Emittenten nach einigen Jahren gekündigt und zurückgezahlt. Ewige Anleihen sind aber auch von Industrieunternehmen und Versorgern an den Markt gebracht worden. In den Vereinigten Staaten wurde sogar ein ewiges Papier plaziert, dessen Kupon null Prozent beträgt. Hier kann eine positive Rendite nur als Folge von Kursgewinnen entstehen.

          Eine 100 Jahre alte Anleihe

          Eine in der Praxis nicht selten längere Laufzeit als die häufig vorzeitig gekündigten ewigen Anleihen besitzen Anleihen mit offiziellen Laufzeiten von 50 oder 100 Jahren. Derartige Papiere sind in den vergangenen Jahren von Staaten und Unternehmen, die sich die historisch niedrigen Renditen sichern wollten, begeben worden. Nicht zu den Emittenten solch extremer Langläufer zählt der Bund, der sich mit dreißigjährigen Anleihen begnügt.

          China und Mexiko haben in den vergangenen Jahren mit Erfolg hundertjährige Anleihen ebenso an den Markt gebracht wie in Europa die Unternehmen Bayer, Rabobank und GDF Suez. Populärer sind „Hundertjährige“ in den Vereinigten Staaten, wo sie unter anderem von Coca-Cola, Ford, IBM, Motorola und der regionalen Eisenbahngesellschaft Norfolk Southern begeben wurden. Anleihen mit einer Laufzeit von 50 Jahren wurden unter anderem von Frankreich, Österreich, Kanada, der Schweiz und Großbritannien plaziert.

          Langläufige Anleihen bleiben Nischenprodukt

          Gekauft werden Anleihen mit sehr langer Laufzeit vor allem von Großanlegern wie Versicherern und Pensionskassen, die ihre Auszahlungsverpflichtungen lange Zeit im Voraus planen können. Ein Nachteil solcher Papiere besteht in der Illiquidität des Marktes: Die Handelsumsätze sind gering, womit diese Anleihen weniger interessant für Anleger sind, die sich nicht unbedingt lange binden wollen.

          Extrem langlaufende Anleihen dürften auch in Zukunft kaum mehr als einen Nischenmarkt bilden. Angesichts der heute sehr niedrigen Renditen mag es für Emittenten interessanter werden, sich langfristig zu günstigen Konditionen zu verschulden. Aber für den Käufer sieht das Geschäft angesichts der niedrigen Renditen ungünstiger aus, denn er muss im Falle eines vorzeitigen Verkaufs ein Kursrisiko einkalkulieren. Zudem lässt sich das langfristige Bonitätsrisiko schwer schätzen.

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