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Staatspapiere : Heißes Verlangen nach Sicherheit

Safety first! Bild: Picture Press/David C. Chen

Eine starke Nachfrage nach amerikanischen Anleihen fördert die globalen Ungleichgewichte und hält die Zinsen niedrig. Damit lässt sich auch die jüngste Finanzkrise erklären.

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          In unsicheren Zeiten ist das Interesse an Kapitalanlagen groß, die als besonders sicher wahrgenommen werden. Als besonders zuverlässig gelten Anleihen und Obligationen des Bundes. Als wie sicher sie in der ganzen Welt angesehen werden, zeigt eine Analyse der Commerzbank für das dritte Quartal 2016. Danach befanden sich trotz umfangreicher Käufe durch die Deutsche Bundesbank im Rahmen des EZB-Anleihekaufprogramms fast 70 Prozent aller Bundespapiere in den Händen ausländischer Kapitalanleger. Die Mehrzahl unter ihnen hat ihren Sitz außerhalb der Eurozone. Bundespapiere gelten seit langem als verlässliche Kapitalanlagen wie übrigens, trotz hoher Staatsverschuldung, auch japanische Staatspapiere.

          Aber die ultimative und mit weitem Abstand wichtigste sichere Kapitalanlage in der Welt sind amerikanische Staatspapiere. Und die seit Jahrzehnten sehr starke internationale Nachfrage nach amerikanischen Staatsanleihen ist nach Ansicht mancher Ökonomen der wahre Grund, warum die Amerikaner ein Defizit in ihrer Leistungsbilanz haben und warum sie sehr hoch im Ausland verschuldet sind. Nebenbei lässt sich mit der starken Nachfrage nach amerikanischen sicheren Anlagen auch die jüngste Finanzkrise erklären.

          Mehr exportieren, als importieren

          Sichere Kapitalanlagen sind üblicherweise Finanzprodukte mit festen Rückzahlungszusagen, über die man nicht viel wissen muss, um sie als sicher einzuschätzen. Anleihen wirtschaftlich potenter Staaten und mit gut ausgebauten Finanzmärkten zählen zu diesen Produkten. Sie sind zwar nicht direkt besichert, aber solange der jährliche Zins- und Tilgungsaufwand für Staatspapiere nicht in einem groben Missverhältnis zum Potential eines Staates steht, Steuern zu erheben, machen sich Anleger üblicherweise wenig Gedanken um solche Papiere. Statistiken belegen seit den achtziger und neunziger Jahren eine stark wachsende Auslandsnachfrage nach amerikanischen Staatsanleihen, für die sich mehrere Gründe finden lassen. Darunter befindet sich ein wachsendes Interesse aus Schwellenländern wie China oder Indien, in denen Anleger nach zuverlässigen Kapitalanlagen suchten, die es in ihren Heimatländern nicht gab. Nachgefragt werden solche Anleihen aber nicht nur als Kapitalanlage, sondern auch als Sicherheit für allerlei Finanzgeschäfte.

          Das führte dazu, dass die Vereinigten Staaten Jahr für Jahr mehr Kapital exportieren, als sie importieren. Im Gegenzug importieren die Amerikaner mehr Güter und Dienstleistungen, als sie exportieren. Das Defizit der amerikanischen Leistungsbilanz und die daraus folgende Auslandsverschuldung der Amerikaner sind zumindest zum Teil die Folge einer starken globalen Nachfrage nach amerikanischen Anleihen. „Wenn die Globalisierung zu einer stärkeren Integration von Ländern mit starken und schwachen Finanzbranchen führt, erlebt das Land mit der stärksten finanziellen Entwicklung – in diesem Falle die Vereinigten Staaten – eine Verschlechterung seiner Vermögensposition gegenüber dem Ausland, weil die weniger entwickelten Länder risikolose finanzielle Forderungen gegen dieses Land aufbauen“, schreiben die Ökonomen Davis Beckworth und Christopher Crowe.

          Nicht das Ergebnis einer lockeren Geldpolitik

          Erfahrene Ökonomen wie Ricardo Caballero oder Gary Gorton erkennen in dieser starken Auslandsnachfrage nach amerikanischen sicheren Anlagen auch einen wesentlichen Grund für die sinkenden Anleiherenditen sowie für den Ausbruch der jüngsten Finanzkrise. Dass eine sehr starke Nachfrage nach Anleihen die Kurse treibt und die Renditen senkt, ist nicht erstaunlich. Das Problem war, dass es für die starke Nachfrage nach amerikanischen Staatsanleihen um die Jahrtausendwende kein ausreichendes Angebot mehr gab. Und nun geschah etwas, das sich zu anderen Zeiten und in anderen Ländern auch schon beobachten ließ: Die Privatwirtschaft erhielt einen Anreiz, selbst in großem Stile sichere Kapitalanlagen zu produzieren und an die internationalen Anleger zu verkaufen. Das Ergebnis waren jene zu einem großen Teil mit AAA-Gütesiegeln der großen Ratingagenturen ausgestatteten Anleihen, in denen Immobilien-, Auto- und Studentenkredite verbrieft waren. „Im Ergebnis sahen wir die guten und die schlechten Seiten des dynamischsten Finanzsystems der Welt in voller Ausprägung“, meint Caballero. Die Krise brach aus – auch das war kein ganz neues Muster –, als die Anleger an der Qualität der vermeintlich sicheren privaten Anleihen zu zweifeln begannen.

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