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Anleihekäufe : Die EZB erkauft sich immer mehr Marktmacht

Der Präsident der Europäischen Zentralbank bei einer EZB-Ratssitzung Bild: dpa

Bei Pfandbriefen und Verbriefungen trocknet der Markt aus. Grund sind die Käufe der Notenbank. Private Investoren fühlen sich von ihr verdrängt.

          5 Min.

          Die Marktmacht der Europäischen Zentralbank (EZB) wächst von Tag zu Tag. Das bereitet privaten Investoren Unbehagen. Denn sie befürchten, von der EZB aus Pfandbriefen und Kreditverbriefungen verdrängt zu werden. Darüber hinaus trocknen die Märkte aus, da kaum noch Titel unter Investoren gehandelt werden. Diese Entwicklung wird durch die EZB-Käufe verschärft. Die Folgen der geringen Liquidität waren in den vergangenen Tagen am Anleihemarkt mit den enormen Kursschwankungen zu beobachten.

          Markus Frühauf
          (maf.), Wirtschaft

          Ein Fünftel der Wegstrecke hat die EZB in ihrem Kaufprogramm schon zurückgelegt. Bislang hat sie Staatsanleihen, mit Hypotheken- oder Staatskrediten unterlegte Bankanleihen (Covered Bonds) sowie Kreditverbriefungen im Wert von 240 Milliarden Euro erworben. Insgesamt hat das Kaufprogramm ein Volumen von 1,14 Billionen Euro, wenn bis September 2016 Anleihen im Wert von 60 Milliarden Euro Monat für Monat gekauft werden.

          Schwerpunkt sind die Schuldtitel der Euro-Mitgliedstaaten. Dafür hat die EZB bislang 146,7 Milliarden Euro aufgewendet. Die im Oktober 2014 begonnenen Käufe von Covered Bonds, zu denen der deutsche Pfandbrief gehört, belaufen sich inzwischen auf 85 Milliarden Euro. Das sind mehr als 10 Prozent des gesamten Marktvolumens im Euroraum an Covered Bonds, die ein Emissionsvolumen von mindestens 500 Millionen Euro aufweisen. Zudem hat die EZB schon fast 8 Milliarden Euro mehr erworben, als sie in ihren zwei abgeschlossenen Kaufprogrammen an Covered Bonds bis November 2012 gekauft hatte.

          Auf ebenfalls mehr als ein Zehntel des Umlaufs beläuft sich der Anteil der Käufe von Kreditverbriefungen, also von mit Forderungen der Banken unterlegten Wertpapieren, sogenannten Asset Backed Securities (ABS). Hier hat die EZB seit Ende November 2014 Titel über 7,2 Milliarden Euro erworben. Das Gesamtvolumen der dafür in Frage kommenden ABS-Titel beträgt 684 Milliarden Euro.

          Analystenvereinigung fordert schnellstmöglichen Rückzug der EZB aus dem ABS-Markt

          In einem Positionspapier der deutschen Analystenvereinigung DVFA, das dieser Zeitung vorliegt, werden die Auswirkungen des EZB-Kaufprogramms auf den ABS-Markt untersucht. Die beiden Autoren, der Wirtschaftswissenschaftler Stephan Paul (Ruhruniversität Bochum) sowie DVFA-Geschäftsführer Ralf Frank, werten es als kritisch, dass die EZB in den Markt eingreift und Preisverzerrungen auslösen kann. Dies seien jene Effekte, die Aufsichtsbehörden mit ihren nach der Finanzkrise deutlich strengeren Vorgaben an Kreditverbriefungen vermeiden wollten. Paul und Frank sprechen sich für einen möglichst frühzeitigen Rückzug der EZB aus dem ABS-Markt aus, um Marktverzerrungen zu reduzieren. Ein Indiz für die Preisverzerrung sind die seit Beginn der EZB-Käufe deutlich geringeren Risikoaufschläge von Verbriefungen. Nach Angaben der DZ-Bank-Analysten sind die Risikoaufschläge (Spreads) auf Niveaus gesunken, die an das Niveau vor der Finanzkrise im Jahr 2007 erinnern.

          Umfang der EZB-Käufe
          Umfang der EZB-Käufe : Bild: F.A.Z.

          Damals war der Markt überhitzt. Kreditverbriefungen gelten zudem als Ursache für die Finanzkrise, die nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 eskaliert war. Denn amerikanische Banken haben Immobilienkredite, zum Teil an zweifelhafte Schuldner, in diesen Wertpapieren verpackt und an andere Investoren in der ganzen Welt verkauft. Danach erlitten diese Anleger – in Deutschland zum Beispiel einige Landesbanken, die Commerzbank oder die Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB – empfindliche Verluste. Staatliche Rettungsmaßnahmen wurden notwendig.

          Der Markt für ABS-Papiere, in denen Forderungen aus Immobilien-, Unternehmens- oder Autokrediten stecken können, brach zusammen, weil kein Investor mehr Vertrauen hatte. Die EZB will diesen Markt für europäische Banken wieder öffnen, um die Kreditvergabe vor allem in den südeuropäischen Krisenländern anzukurbeln. Denn die Banken können mit der Verbriefung von zum Teil Tausenden Krediten ihre Bilanzen und ihr Eigenkapital entlasten, was ihnen mehr Spielraum zur Kreditvergabe verschafft.

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