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Anleihemarkt : Experten für amerikanische Staatsanleihen sehen Ratingwarnung gelassen

  • Aktualisiert am

Bild: Sarasin

Ratingagenturen haben zuletzt die Bestnote für amerikanische Staatsanleihen in Frage gestellt. In den Medien verursachte das viel Wirbel. Doch am Anleihemarkt reagierte man gelassen. Und wenn es nach Experten geht, dann soll das zunächst auch so bleiben.

          Mitte Juli war es, dass hatten den Verantwortlichen bei Moody´s genug. Wegen dem festgefahrenen Streit um eine Anhebung der Schuldenobergrenze in Amerika drohte die Ratingagentur mit einem Entzug der Bestnore Aaa für die Staatsanleihen der weltgrößten Volkswirtschaft in Frage. Und man befindet sich damit in bester Gesellschaft: Denn schon Mitte April hatte auch der Konkurrent Standard & Poor's mit dem Entzug der Topnote gedroht.

          Was anschließend vielerorts heiß diskutiert wurde und einige Wellen schlug, wurde am Anleihemarkt selbst relativ gelassen aufgenommen. Die Rendite für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen hat sich seit Bekanntgabe der Moody´s-Meldung unter dem Strich praktisch nicht bewegt.Und für Marktkenner kommt diese Entwicklung auch nicht überraschend.

          So rechnet die Investmentgesellschaft ACM Bernstein wegen der angedrohten Maßnahme nur moderate Auswirkungen. Zur Begründung für diese These greift man auf Beispiele aus der Vergangenheit zurück. Konkret untersucht wurden dabei die Veränderungen der Risikoaufschläge von Ländern, deren Ratings seit 1990 um eine bis drei Stufen heruntergesetzt wurden. Und dabei zeigte sich, dass die Veränderungen der Risikoaufschläge bei Ländern mit guten Ratingnoten tendenziell moderat ausgefallen sind.

          Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen auch die Analysten von Capital Economics. Dort stellt man auf das Beispiel Japans ab. Denn als dieses Land von 1998 bis 2002 von Moody´s gleich mehrfach zurückgestuft wurde, ist die Rendite für die zehnjährigen japanischen Staatsanleihen in diesem Zeitraum per saldo sogar gefallen (siehe Grafik).

          Historische Erfahrungen decken die kurzfristige Gelassenheit

          Vor dem Hintergrund dieser historischen Erfahrung bleibt Capital Economics-Analyst John Higgins bei seiner Prognose, dass die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen bis Ende 2011 von derzeit 2,98 Prozent auf 2,50 Prozent fallen wird. Die Voraussetzung dafür sei allerdings weiterhin tiefe kurzfristige Leitzinsen und ein nach außen hin demonstrierter Wille zu künftig mehr Haushaltsdisziplin.

          Relativ gelassen mit Blick auf die weitere Renditeentwicklung geben sich auch die Experten vom Bankhaus Sarasin. Und auch die Schweizer greifen zur Begründung für ihre Haltung auf das Beispiel Japans zurück. In einer Studie vom Donnerstag heißt es dazu, Japan habe sein Dreifach-A-Rating bereits im Jahr 2001 verloren und die Brutto-Verschuldung betrage mittlerweile über 200 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Trotzdem notierten die 10-jährigen Renditen nur knapp über 1 Prozent.

          Auf den Einwand, Japan sei nicht mit Amerika vergleichbar, weil einer der Hauptgründe für die dort tiefen Zinsen die starke Nachfrage nach japanischen Staatsanleihen aus dem Inland sei und außerdem könne sich das Land ebenfalls anders als Amerika auf eine hohe Sparrate stützen, weiß Analyst Alessandro Bee ebenfalls eine Antwort. Er verweist auf die seit Jahren anhaltenden Käufen der Zentralbanken aus China und Japan. „Und selbst wenn amerikanische Staatsanleihen als weniger kreditwürdig eingestuft würden, stellen sie im Vergleich mit Unternehmensanleihen oder gar Aktien die noch immer sicherste Anlage dar. Wegen der heutigen Ausrichtung der Wirtschaft sind die Zentralbanken Asiens praktisch «gezwungen» Staatsanleihen aus Amerika zu kaufen,“ ist sich Bee sicher.

          Langfristig wird die Schuldensituation deutlich kritischer gesehen

          Trotz ihrer kurzfristigen Gelassenheit weisen die erwähnten Experten aber auch unisono ausdrücklich auf den bestehenden Handlungsbedarf in Sachen Schuldenreduzierung hin. Denn wenn beispielsweise die Inflation deutlich anziehen sollte und deswegen die Finanzierungskosten steigen würden, dann könnte das eine dramatische Verschlechterung der amerikanischen Haushaltsperspektiven auslösen, gibt man bei Bernstein zu bedenken. „Wenn es soweit kommt, würde sich unsere Analyse deutlich verändern. Amerika könnte dann zu jenen Ländern gehören, bei denen die Herabstufung des Ratings eine ohnehin schlechte Haushaltslage weiter verschlimmert, warnt ACM Bernstein-Analyst Douglas Peebles.

          Ebenfalls warnende Worte an die Adresse der Amerikaner hat auch Bee parat. „Langfristig wird die Nachfrage aus Asien aber zurückgehen, weil sich die Wirtschaftsstruktur ändert und weil in Märkten wie China auch leistungsfähige Kapitalmärkte entstehen werden. Das bedeutet für Amerika, dass sie sich langfristig um eine Konsolidierung der Staatsfinanzen kümmern müssen, um nicht einen starken Zinsanstieg zu riskieren“, so der Sarasin-Analyst.

          Unabhängig davon bleibt auch abzuwarten, wie sich eine mögliche Ratingabstufung in einem Umfeld auswirkt, in dem sich viele Staaten weltweit mit einer hohen Schuldenlast herumplagen müssen. Im Kontext größerer Wirtschafts- oder Finanzkrisen sind die Renditen der von Rückstufungen betroffenen Anleihen jedenfalls auch schon in der Vergangenheit oft deutlich gestiegen. Zu sicher sollten sich die Amerika deshalb auch kurzfristig nicht fühlen.

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