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Anleihemarkt : Die Anleiherenditen purzeln immer tiefer

  • Aktualisiert am

Bild: Tai-Pan

Kaum zu glauben, aber wahr. Obwohl die Wirtschaft in Deutschland derzeit brummt, fallen die Renditen auf immer neue Rekordtiefs. Experten warnen deshalb bereits vor einer neuen Blase.

          Nach einer kurzen Verschnaufpause am Montag sprang der für den deutschen Anleihenmarkt richtungsweisende Euro-Bund-Future erstmals über 133 Punkte und notierte im Nachmittagshandel bei einem Rekordwert von 133,49 Punkten. Dagegen lag die Rendite der Bundesanleihe mit einer Laufzeit von zehn Jahren bei einem Rekordtief von 2,18 Prozent und die Umlaufrendite erreichte mit 1,92 Prozent einen Tiefststand. Auch amerikanische Treasuries mit einer von zehn Jahren Laufzeit rentierten acht Basispunkte niedriger bei 2,52 Prozent.

          Getrieben werden die Kurse von anhaltenden Sorgen um die Konjunkturerholung in Amerika und Europa. Zum Ausdruck kamen diese Sorgen unter anderem in einer Aussage des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz, der davor gewarnt hat, die Euro-Zone könne wegen der Sparmaßnahmen der Regierungen wieder in eine Rezession zurückfallen. Zudem hatte sich in der Eurozone das Wachstum beim Auftragseingang in der Industrie im Juni auf 2,5 Prozent abgeschwächt, wie Europäische Statistikamt in Luxemburg mitteilte.

          Außerdem wird über ein künftig dauerhaft niedriges Wirtschaftswachstum in Amerika und einem aufkommenden deflationären Druck in der größten Volkswirtschaft der Welt spekuliert. Sorgen um ein Zurückrutschen Amerikas in die Rezession haben die Notenbank Fed schon dazu bewegt, über Käufe von Staatsanleihen erneut Geld in die Wirtschaft zu pumpen.

          Anleihezwang und Sicherheitsbedürfnis treibt die Kurse

          Trotz all dieser Bedenken ist es aber nun einmal so, dass die deutsche Wirtschaft zuletzt so rasant gewachsen ist wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Das Bruttoinlandsprodukt legte im zweiten Quartal bekanntlich um 2,2 Prozent zum Vorquartal zu. Vor diesem Hintergrund verwundern die rekordniedrigen Renditen schon. Zumal als Bürde auch noch das Problem der in vielen Ländern immer mehr ausufernden Staatsverschuldung hinzukommt. Denn das führt zu tendenziell schlechteren Kreditwürdigkeitsnoten und das müsste eigentlich wegen der höheren Risiken zu steigenden Anleiherenditen führen.

          Trotzdem sprechen die intakten charttechnischen Trends und das große Sicherheitsbedürfnis der Marktteilnehmer dafür, dass die Renditen zunächst tief bleiben werden. Insbesondere Bundesanleihen mit einer langen Laufzeit von zehn oder 30 Jahren dürften auf den Kaufzetteln der Händler weiterhin ganz oben stehen, glaubt etwa Analyst Volker Brokelmann von der HSH Nordbank. Vor dem Hintergrund der kräftigen Kursverluste an den Aktienmärkten falle es den Sicherheit suchenden Anlegern schwer, in etwas anderes zu investieren. Nach Einschätzung von Ulf Krauss von der Landesbank Hessen-Thüringen dürften vor allem große institutionelle Anleger wie Versicherungskonzerne bestrebt sein, sich noch relativ akzeptable Zinssätze bei Anleihen mit langen Laufzeiten zu sichern.

          Ähnlich hohe Mittelzuflüsse wie während der Dot.com-Blase

          Dennoch drängt sich automatisch die Frage auf, ob sich bei den Staatsanleihen in Amerika und Deutschland nicht so etwas wie eine Blase herausbildet. Die enormen Mittel, die von Anlegerseite in dieses Segment gepumpt wird, lassen jedenfalls keinen anderen Schluss als eine massive Übertreibung zu.

          Dazu ein paar Zahlen gefällig? In den 24 Monaten bis Juni haben Anleger 480,2 Milliarden Dollar in Investmentfonds gesteckt, die in Schuldverschreibungen investieren. Zum Vergleich: In den Jahren 1999 und 2000 flossen 496,9 Milliarden Dollar in Aktienfonds. Dies geht aus Zahlen hervor, die Bloomberg und das Investment Company Institute in Washington zusammengetragen haben. Damals folge ein Kurssturz, der an der Börse rund 6 Billionen Dollar an Marktkapitalisierung vernichtete.

          Nicht wenige Experten bestreiten zwar, dass man eine direkte Parallele ziehen kann und weil sich die konjunkturelle Lage in den nächsten Monaten weiter eintrüben dürfte, kann sich der Trend hin zu fallenden Renditen durchaus noch weiter fortsetzen. Aber selbst wenn sich das dafür mitverantwortlich gemachte Horrorszenario eines konjunkturellen Rückfalls und einer Deflation bewahrheiten sollte, stellt sich die Frage, ob Staatsanleihen dann wirklich so ein Hort der Sicherheit sein werden, wie es die tiefen Renditen derzeit vorgaukeln. Die enormen Staatsschulden würden unter normalen Umständen eher zu einer anderen Schlussfolgerung verleiten.

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