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Anleihemarkt : Der Renditeanstieg ist ein globales Phänomen

Die relativ hohen Zinsen in Australien haben Anleger zu sogenannten Carry-Trades verleitet. Bild: dpa

Die amerikanische Notenbankpräsidentin warnt vor zu hohen Kursen für Aktien und Anleihen. Nicht nur im Euroraum fällt der Wert von Staatsanleihen.

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          Am vergangenen Dienstag hat die australische Zentralbank ihren Leitzins von 2,25 auf 2 Prozent gesenkt. So tief war der Leitzins, der für sehr kurzfristige Über-Nacht-Kredite von Geschäftsbanken bei der Zentralbank gilt, noch nie. Der Präsident der Reserve Bank of Australia, Glenn Stevens, sagte, der niedrigere Leitzins solle eine weitere Abwertung des australischen Dollars am Devisenmarkt befördern. Die Leitzinssenkung sei möglich, weil es keine Anzeichen für einen unerwünscht starken Anstieg der Inflationsrate in den kommenden zwei Jahren gebe.

          Das sahen die Teilnehmer am Anleihemarkt, dem Markt für mittel- und langfristige Ausleihungen, ganz anders. Dort setzte sich der Anstieg der Renditen australischer Staatsanleihen auch nach Stevens’ Ankündigung fort. Die Rendite zehnjähriger Staatspapiere stieg bis auf 2,99 Prozent, den höchsten Stand seit der ersten Dezemberhälfte 2014; gleichzeitig wertete am Devisenmarkt der australische Dollar leicht auf und nicht leicht ab wie von Stevens erhofft. An den Märkten für Anleihen und Devisen zeigte man sich von starken Konjunkturdaten beeindruckt. Sie führten zu der Ansicht, dass die noch vor wenigen Wochen herrschende Deflationsangst übertrieben war. Anleger, die auf einen Fall der Inflationsrate spekuliert hatten, lösen Positionen auf und tragen so zum Anstieg der Renditen bei.

          „Die Bewegung ist brutal“

          Australien ist kein Einzelfall. Auch in anderen Ländern sind die Renditen von Anleihen in den vergangenen zwei Wochen deutlich gestiegen, auch wenn am Donnerstag eine kleine Entspannung zu beobachten war. „Die Bewegung ist brutal“, heißt es bei der Rabobank. Dort verweist man auf eine sich ändernde Stimmung am Markt sowie auf sich ändernde Wirtschaftsdaten. So sind Anleger dabei, früher eingegangene Spekulationen auf weiter sinkende Renditen aufzulösen, da sich das an den Märkten oft debattierte Deflationsgespenst zu verziehen scheint. Die Kursbewegungen sind aus Sicht vieler Marktteilnehmer unerwartet groß, weil in den vergangenen Monaten die Liquidität auch an den Märkten für Staatsanleihen zurückgegangen ist. Ein wichtiger Grund hierfür sind die Käufe der Europäischen Zentralbank. Preise spezialisierter Finanzprodukte am Terminmarkt zeigen, dass viele Anleger in den kommenden Wochen starke Kursbewegungen bei deutschen Staatsanleihen erwarten.

          Bild: F.A.Z.

          Eine Warnung sandte Janet Yellen, die Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Fed, aus. Die Gefahr bestehe, dass Käufer von Anleihen mit langen Laufzeiten eine höhere Rendite für die mit solchen Papieren verbundenen Risiken fordern könnten. Yellen bezeichnete die Bewertung von Aktien als „ziemlich hoch“. Das niedrige Zinsniveau veranlasse Anleger zu Investitionen in Märkten für andere Finanzprodukte wie Aktien. Werde es unruhig, könne starker Verkaufsdruck die Folge sein. An der Börse wurden Yellens Äußerungen als ein Aufruf an die Marktteilnehmer verstanden, nach einer Leitzinserhöhung der Fed im weiteren Jahresverlauf nicht die Nerven zu verlieren.

          Weiterhin glauben viele Marktteilnehmer nicht, dass es sich bei den seit rund zwei Wochen steigenden Renditen um einen Trend handelt. „Wir sehen am Markt für Bundesanleihen eine Korrektur nach einer vorangegangenen Überbewertung, sagte Frank Naab vom Geschäftsbereich Private Banking des Frankfurter Bankhauses Metzler. „Es handelt sich aber nicht um eine Trendwende. Der Markt bleibt im Banne der Europäischen Zentralbank.

          „Markttechnische Gründe“ dürften für die fallenden Kurse an Anleihe- und Aktienmärkten verantwortlich sein, heißt es bei der DZ Bank. In den vergangenen Monaten hätten viele Teilnehmer, angefeuert durch das Ankaufprogramm der Europäischen Zentralbank, ähnliche Strategien verfolgt und damit die Kurse von Anleihen auf Höhen getrieben, die nun nicht mehr als nachhaltig betrachtet würden. „Wir rechnen mit einer baldigen Gegenbewegung“, schlussfolgern die Fachleute der DZ Bank. „Der Kursrutsch im Mai ändert unser Weltbild jedoch nicht. Vieles spricht dafür, dass es sich bei den jüngsten Abwärtsbewegungen um Korrekturen in einem langfristigen Aufwärtstrend handelt, nicht jedoch um eine generelle Trendumkehr.“ Allerdings bestehe unter anderem wegen der vorsichtig steigenden Inflationsraten die Möglichkeit, dass die Rekordtiefs bei den Renditen nicht noch einmal erreicht würden.

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