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Anleihemarkt : Amerikanischer Anleihemarkt ist technisch angeschlagen

  • Aktualisiert am

Bild: Commerzbank

Mit immer weiteren geldpolitischen Stützungsmaßnahmen ist es der amerikanischen Notenbank lange gelungen, die Anleiherenditen tief zu halten. Doch neuerdings steigen die Renditen selbst dann, wenn die Fed zusätzliche Markteingriffe ankündigt.

          Hochgradig nervös sind derzeit die Teilnehmer am Anleihemarkt. Das unterstreichen die volatilen Tagesausschläge. Anders als zuvor setzt es dabei nun zumeist Verluste. Will heißen, die Kurse der Anleihen fallen und die Renditen steigen.

          Selbst in Amerika haben die Renditen zu einem rasanten Sprung nach oben angesetzt. Zehnjährige amerikanische Staatsanleihen werfen am Freitagnachmittag 3,25 Prozent ab, nach 3,20 Prozent am Vortag. Und in der Spitze waren es in dieser Woche schon 3,3 Prozent.

          Gegenüber dem am 11. Oktober markierten Zwischentief von 2,41 Prozent ist das ein deutlicher Anstieg. Überraschend daran ist, dass der Anstieg nach der zuvor erfolgten Ankündigung der Federal Reserve erfolgte, bis Juni 2011 für weitere 600 Milliarden Dollar Staatsanleihen aufkaufen zu wollen. Selbst die jüngst von Notenbankchef Ben Bernanke gemachte Aussage, wonach auch darüber hinaus noch weitere quantitative geldpolitische Lockerungen denkbar seien, brachte dem Anleihemarkt keine Unterstützung.

          Steuerpaket sorgt für Renditeschub

          Vielmehr scheinen Ankündigungen dieser Art inzwischen eher das Gegenteil zu bewirken und die Marktteilnehmer zu verunsichern. Derzeit werden dadurch vor allem Inflationsängste geschürt. Und diese Ängste wurden dadurch nicht kleiner, dass der amerikanische Präsident Obama in dieser Woche auch noch eine Verlängerung von Steuererleichterungen beschlossen hat. Glaubhafte Sparpolitik sieht gewiss anders aus. Außerdem nährt das Vorgehen die Hoffnung auf einen doch besseren konjunkturellen Ausblick als zuletzt angenommen. Durch das Steuerpaket wurde das Restrisiko einer Doppel-Rezession weitestgehend ausgepreist, schreibt dazu Rainer Guntermann von der Commerzbank.

          Allerdings fachen die Konjunkturhoffnungen erst Recht die Inflationsbefürchtungen an. Aktuell ist der Preisdruck allerdings in Amerika noch sehr gering. Im Oktober zeigten die Preisdaten bereinigt um die volatilen energie- und Nahrungsmittelkomponenten einen außergewöhnlich niedrigen Inflationsdruck. Nie zuvor seit Berechnung der Zeitreihe wurde bei der Kernrate im Jahresvergleich mit 0,6 Prozent ein so niedriger Wert gemessen. Und die Analysten bei HSBC Trinkaus gehen davon aus, dass auch die in der kommenden Woche anstehenden November-Daten einen weiterhin nur äußerst moderaten Preisdruck zeigen werden.

          Gegen ein zu schnelles Anziehen der Preise spricht auch die nach wie vor relativ angespannte Lage auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt. Im November war die Arbeitslosenquote mit 9,8 Prozent auf einen zuletzt im April erreichten Wert gestiegen. Zudem waren nur 39.000 neue Stellen entstanden. Der Datenkranz aus einem schwachen Arbeitsmarkt und kurzfristig nicht gebannten Deflationsrisiken führen bei Guntermanns Kollegen Bernd Weidensteiner zu der Annahme, dass die Fed ihre expansive Geldpolitik auf der Sitzung am 14. Dezember ohne Abstriche bestätigen wird. Der Zielkorridor für die Federal Funds Rate würde demnach bei 0,00 Prozent bis 0,25 Prozent belassen.

          Experten rechnen verstärkt mit steigenden Renditen

          Falls diese Prognose stimmt, wird es spannend sein zu beobachten, ob der Trend zu steigenden Renditen danach wieder nachlässt. Khoon Goh, Leiter Volkswirtschaft und Strategie bei der ANZ National Bank im neuseeländischen Wellington erwartet aber, dass die Renditen in Amerika ab jetzt steigen werden. „Bessere Konjunkturdaten bedeuten, dass die Leute anfangen, ihre Prognosen für das amerikanische Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr nach oben zu revidieren.“

          Ähnlich wird das auch bei Raiffeisen Research gesehen. Mit dem zusätzlichen Fiskalstimulus steigt laut den Österreichern die Wahrscheinlichkeit, dass die eigenen Renditeziele für die nächsten Quartale bereits deutlich früher erreicht werden. Das bisherige Ziel für März 2011 (Zehnjährige Renditen bei 3,0 Prozent) bereits in der Vorwoche erreicht wurde, dürfte auch das bisherige Juni-Ziel von 3,5 Prozent bereits bis März erreicht werden. Kurzfristig habe der jüngste starke Renditeanstieg zwar schon viel vorweggenommen, weshalb die kurzfristige Empfehlung von Raiffeisen Research nur „neutral“ lautet. Längerfristig auf Sicht von 6-12 Monaten werden lange Laufzeiten aber weiterhin als ein Verkauf eingestuft (siehe Grafik).

          Eingriffe schränken Aussagekraft der Preise am Anleihemarkt ein

          Gestützt wird diese Vorhersage auch von der Charttechnik. Laut HSBC gilt es beim T-Bond darauf zu achten, ob es zu einem nachhaltigen Sturz unter den Unterstützungsgürtel aus den markanten Verlaufshochs des Jahres 2009 zwischen 123 25/32 Prozent und 123 18/32 Prozent kommt. Sollte das passieren, wären demnach die Weichen für eine Fortsetzung der negativen Laufrichtung endgültig gestellt, denn die angeführten Marken seien der letzte Schutz vor einer Rückkehr in die ehemalige Schiebezone aus dem Jahr 2009, die sich bis zu den zyklischen Tiefpunkten bei 114 30/32 zu 114 24/32 erstreckt. Die technischen Indikatoren sorgen dabei kaum für einen Hoffnungsschimmer. Vielmehr warnen die Ausstiegssignale des Stochastik und des MACD vor neuerlichen Rückschlägen. Für Analystin Jana Meier ist mit Blick auf den US-T-Bond-Future deshalb derzeit weiterhin äußerste Vorsicht geboten.

          Das klingt plausibel, allerdings ist auch nicht ausgeschlossen, dass sich die Renditen trotz aller Aufwärtsrisiken mittelfristig noch einmal ermäßigen werden. Denn man darf nicht vergessen, dass die Aussagekraft der Marktpreise angesichts der immer umfangreicheren Markteingriffe von Seiten der amerikanischen Notenbank derzeit stark eingeschränkt ist, wie es die Experten der Raiffeisen Centrobank in einer Markteinschätzung treffend formulieren.

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