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Anleihekäufe : EZB tastet sich am Anleihemarkt vor

Der Neubau der EZB im Frankfurter Ostend: Am Montag begannen die Anleihekäufe. Bild: Marc-Steffen Unger

Am ersten Tag ihrer Anleihekäufe ist die Notenbank zurückhaltend vorgegangen. Am Markt wird aber eine Verknappung des Angebots befürchtet. Durch ihr Kaufprogramm kommt die EZB dem heimlichen Ziel einer Euro-Abwertung immer näher.

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          Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Montag ihr Anleihekaufprogramm über insgesamt gut 1 Billion Euro begonnen. Doch Anleihehändler berichteten noch von einer eher geringen Nachfrage, die aber trotzdem ausreichte, um die Marktzinsen vieler Staatsanleihen weiter zu drücken. Gleichzeitig hielten sich nach der jüngsten Rekordjagd die Anleger am Aktienmarkt zurück. Der Dax legte bis zum späten Nachmittag um 0,1 Prozent auf 11.563 Punkte zu. Am Devisenmarkt fiel der Euro bis auf 1,0823 Dollar, das niedrigste Niveau seit September 2003.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zwar betont die EZB stets, dass sie kein Wechselkursziel verfolgt. Aber die Euro-Schwäche kommt EZB-Präsident Mario Draghi gelegen. Denn die Exporte europäischer Unternehmen verbilligen sich. Daneben treiben die höheren Importpreise die Teuerungsrate in die gewünschte Richtung von 2 Prozent. Die EZB will mit ihrem Kaufprogramm das Risiko einer Deflation – einer Spirale aus fallenden Preisen und rückläufigen Investitionen – abwehren. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn hält dies nur für vorgeschoben. Es gebe „keine Deflation im Euroland, sondern einen konjunkturell hochwillkommenen Absturz der Ölpreise“. Der EZB gehe es gar nicht um die Preisentwicklung, sondern um die Abwertung des Euro: „Doch das darf die EZB nicht sagen, denn eine Wechselkurspolitik ist nicht ihr Auftrag.“ Ähnlich sieht das Anton F. Börner, Präsident es Außenhandelsverbands BGA. Seiner Ansicht nach hat die EZB eine Tür geöffnet, hinter der die Gefahr eines Abwertungswettlaufes lauere. Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), warnte in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vor „hohen Ausfallrisiken für Anleger“. Weite Teile des Kapitalmarktes befänden sich „in einem Blindflug“ und Anleger könnten an einem Zins nicht mehr das Risiko eines Investments ablesen. Auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat sich gegen die Käufe mehrmals ausgesprochen.

          Deutlich sinkende Renditen der Euro-Staatsanleihen

          Am Montagvormittag fragten die EZB und die Notenbanken des Eurosystems über elektronische Handelsplattformen Anleihen nach. Der Bund-Future, der Terminkontrakt für die zehnjährige Bundesanleihe, stieg um einen Prozentpunkt auf 157,19 Prozent. Mit den Kursgewinnen einher gingen niedrigere Marktzinsen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe fiel von 0,39 Prozent am Freitag auf 0,32 Prozent. Die fünfjährige Rendite sank von negativen 0,053 auf minus 0,085 Prozent. Händler berichteten, dass sich die EZB vor allem auf die Staatspapiere konzentrieren, deren Rendite noch oberhalb des Einlagenzinses lag. Dieser beträgt minus 0,2 Prozent und ist ein Strafzins für Geschäftsbanken, wenn sie ihre überschüssige Liquidität bei der Notenbank parken. Draghi hatte am vergangenen Donnerstag gesagt, dass die EZB keine Anleihen kaufen werden, deren Rendite unterhalb des Einlagensatzes liege.

          Wie Händler berichteten, kauften die Notenbanken deutsche Bundesanleihen ab einer Laufzeit von fünf Jahren. Französische Staatsanleihen soll sie schon ab einer Fälligkeit in zwei Jahren nachgefragt haben. Die Kaufvolumina sollen eher gering gewesen sein. Ein Anleihehändler berichtete von Aufträgen zwischen 5 Millionen und 25 Millionen Euro. Konzentrierte sich die Nachfrage am Vormittag noch auf deutsche, französische, niederländische und belgische Titel, kamen am Nachmittag auch Titel aus Italien und Spanien hinzu. In den Wochen zwischen Ankündigung und Beginn des Anleihekaufprogramms sind die Renditen der Euro-Staatsanleihen deutlich gesunken. Umgekehrt hat seit Jahresanfang der Dax um 18 Prozent zugelegt.

          Gefährliche Nähe zur monetären Staatsfinanzierung

          Analysten befürchten zudem eine Verknappung des Angebots, insbesondere bei Bundesanleihen. Doch am Montag berichteten Händler von einer Verkaufsbereitschaft auf Seiten der Banken und anderer Investoren. Ein Investmentbanker führte dies auf den „sanften Druck der Notenbanken“ zurück. Viele Banken hätten deutlich bessere Verkaufskurse gestellt, als dies in den Handelstagen zuvor der Fall gewesen sei. „Wenn sie bei 20 Kaufanfragen auf alle mit wenig attraktiven Kursen antworten, besteht die Gefahr, dass die Notenbank am nächsten Tag nicht mehr anfragt“, sagte ein Anleihehändler. Das könnten sich viele Banken gegenwärtig nicht leisten. Investmentbanker sprachen auch von einer intelligenten „Nachfragetaktik“ der Notenbanken.

          Dass dieser sanfte Druck noch weitergehe, darüber kursierten im Handel Gerüchte, die aber von Banken aus der Bietergruppe Bundesemissionen nicht bestätigt wurden. Dem Gerücht zufolge soll die EZB bei diesen Instituten Kontingente für neue Bundesemissionen reservieren. Sollten die Banken diese Bitten mit Hinweis auf bestehende Vereinbarungen mit anderen Kunden ablehnen, würde die EZB auf ihre Befugnisse als oberste Bankenaufsichtsbehörde verweisen. Investmentbanker und Anleihehändler werteten dies als Gerücht, das sie für unwahrscheinlich halten. Zudem wurde auf die Wartefrist der EZB verwiesen: Bevor sie neu emittierte Anleihen erwerbe, müssten mindestens zwei Wochen vergehen, berichtete ein Händler. In diesem Fall müssten die Banken dann die Titel für diesen Zeitraum vorhalten, um sie dann an die EZB zu verkaufen. „Das macht keine Bank, und es wäre für die EZB gefährlich, weil sie dann sehr nahe an der monetären Staatsfinanzierung wäre“, sagte der Chefhändler einer Auslandsbank.

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