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Geldpolitik : Anleihekäufe der Notenbanken bewirken höhere Verschuldung

EZB-Zentrale in Frankfurt am Main Bild: AFP

Die EZB pumpt jeden Monat Milliarden in die Märkte und will ihr Kaufprogramm ausweiten. Doch die Folgen sind gefährlich.

          2 Min.

          Die Notenbanken treiben mit ihrer Geldflut die Schulden nach oben. Davor warnen die Fachleute des auf Anleihen spezialisierten Analysehauses Independent Credit View (ICV) in einer der F.A.Z. vorliegenden Untersuchung. Die Schweizer Analysten betrachten die Anleihekaufprogramme, die in der Geldpolitik als quantitative Lockerung (Quantitative Easing; QE) bezeichnet werden, als Fehlanreiz für Staaten.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Notenbanken haben nach der Finanzkrise eine Politik des billigen Geldes und historisch niedriger Zinsen verfolgt. Die amerikanische Federal Reserve, die Bank von England, die Bank von Japan und seit diesem Frühjahr auch die Europäische Zentralbank (EZB) erwarben oder erwerben in größerem Umfang Staatsanleihen. „Im Banne des günstigen Geldes wird die Haushaltsdisziplin schlicht und ergreifend vertagt“, kritisiert René Hermann, ICV-Partner und Autor der Studie.

          Er sieht durch die Käufe der Notenbanken noch einen weiteren Gefahrenherd, und zwar den der Blasenbildung. Die künstlich tief gehaltenen Zinsen führten zu einem überproportionalen Kreditwachstum. Dabei verweisen die ICV-Analysten auf die zunehmende Verschuldung in Schwellenländern, die bei Staaten, Unternehmen und Haushalten zu beobachten ist. Darüber hinaus fließen ihrer Studie zufolge in den westlichen Industrieländern viele Kredite weiterhin in Immobilien. Eine Blasenbildung zeichnet sich nach Ansicht der Analysten in den Immobilienmärkten von Norwegen, Belgien, Finnland, Schweden, Kanada und der Schweiz ab.

          Zu den schärfsten Kritikern des EZB-Kaufprogramms zählt Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Er hat in der Vergangenheit mehrfach vor den Fehlanreizen dieser extrem expansiven Geldpolitik gewarnt. Auch er befürchtet einen nachlassenden Eifer in den Euro-Krisenländern zur Haushaltskonsolidierung. Zudem gebe es Fehlallokationen, weil Kapital falsch eingesetzt werde, zum Beispiel in nicht überlebensfähige Geschäftsmodelle von Zombie-Banken.

          Monatliche Käufe von 60 Milliarden Euro

          Weitere Risiken sind Übertreibungen an den Finanzmärkten oder die schwächere Ertragslage, unter der Lebensversicherer und andere Altersvorsorgeeinrichtungen aufgrund der extrem niedrigen, teilweise sogar negativen Zinsen leiden. Die Renditen deutscher Bundesanleihen tragen bis zu Laufzeiten von fünf Jahren derzeit ein Minus als Vorzeichen. Negativ sind in Europa darüber hinaus die fünfjährigen Staatsanleihen in der Schweiz, Tschechien, der Slowakei, den Niederlanden, Österreich und Schweden.

          „Die Kreditvergabe mündet immer weniger in produktive Anlagen, weshalb die Schuldenlast nicht abgetragen werden kann und es mehr Schulden braucht, um das Wachstum zu halten“, warnt ICV-Partner Hermann. Seiner Ansicht nach senken die Anleihekäufen auch die Qualität der Zentralbankbilanzen, was in Zukunft die Steuerzahler nicht unerheblich belasten wird. So ist die Bilanz der amerikanischen Federal Reserve seit September 2007 von 869 Milliarden Dollar auf 4,5 Billionen Dollar angeschwollen. Seit dem Ende der dritten Kaufrunde im Oktober 2014 verharrt die Bilanzsumme der Fed auf diesem hohen Niveau. Die Bilanzsumme der japanischen Notenbank hat sich seit Dezember 2009 mehr als verdreifacht.

          Bild: F.A.Z.

          Die Bilanzsumme der EZB liegt aktuell bei 2,66 Billionen Euro und nähert sich ihrem Rekordvolumen von mehr als 3 Billionen Euro wieder an. Das war im Jahr 2012 nach den Liquiditätsspritzen für Banken („Dicke Bertha“) erreicht worden. Doch EZB-Präsident Mario Draghi ist mit den Auswirkungen der monatlichen Käufe von 60 Milliarden Euro nicht zufrieden und erwägt sogar eine Ausweitung des Programms, das bislang bis September 2016 laufen und ein Gesamtvolumen von 1,1 Billionen Euro erreichen soll. Denn zuletzt lag die Teuerung im Euroraum bei null Prozent und damit weit unter der Zielrate der EZB von 2 Prozent. Eine höhere Teuerung und ein damit sinkender Geldwert hilft Schuldnern, weil dadurch der reale Wert ihrer Verbindlichkeit sinkt.

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