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Anleger : Schuldenkrise senkt deutsche Anleiherendite

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die abermalige Zuspitzung der Euro-Staatsschuldenkrise drückt die Anleiherenditen der solidesten Schuldner. Viele Anleger suchen die Sicherheit deutscher Staatsanleihen. Zugleich verliert der Euro gegenüber dem Dollar an Wert.

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          Die Zuspitzung der griechischen Schuldenkrise wirkt zwiespältig auf den Anleihemarkt: Die Finanzierung neuer Staatsschulden wird für schwache Schuldner wie Spanien und Italien teurer. Für die überschuldeten Staaten Griechenland, Irland und Portugal sind die Kosten so hoch, dass sie auf Hilfsprogramme angewiesen sind. Zugleich haben sich in den vergangenen Wochen für die stabileren Eurostaaten, insbesondere Deutschland, die Konditionen spürbar ermäßigt. Seit Mitte April ist die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von 3,5 auf 3,1 Prozent gesunken. Zugleich ist der Außenwert des Euro unter Druck geraten. Gegenüber dem Dollar ist er seit Anfang Mai von knapp 1,49 auf gut 1,41 Dollar je Euro gesunken.

          „Das ist eine Flucht in Qualität“, sagt Jan Holthusen, Anleihe-Fachmann der DZ Bank. Während der Finanzkrise galten zeitweise nur noch amerikanische und deutsche Anleihen als wirklich sichere und liquide Anleihen, die jederzeit veräußert werden können. Bei jeder Zuspitzung der Staatsschuldenkrise bevorzugen viele Anleger die vermeintlich sichersten Schuldner. Diesen Ruf haben neben Deutschland im Euroraum die Niederlande und Finnland. Frankreich muss dagegen schon rund 0,35 Prozentpunkte mehr an Zinsen für langfristige Anleihen bieten als Deutschland. Die wieder gewachsene Risikoscheu könnte auch die jüngste Schwäche des Euro erklären. Während der gesamten Finanzkrise galt der Dollar stets als bevorzugte Rückzugswährung für Phasen großer Turbulenz. Die Schwäche des Euro wird allerdings auch durch enttäuschte Zinsspekulationen verstärkt. Vor der jüngsten Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) hatten viele Anleger auf eine rasche zweite Zinserhöhung im Juni und ein höheres Tempo der EZB spekuliert. Nun ist absehbar, dass die Erhöhung auf 1,50 Prozent frühestens im Juli kommen wird. Diese Erkenntnis hat auf den Devisen- und Anleihemärkten größere Kurskorrekturen ausgelöst, wenngleich immer noch als sicher gilt, dass die EZB im Gegensatz zur amerikanischen Fed entschlossener gegen Inflationsrisiken vorgehen wird. Bis zum Jahresende werden zwei Zinserhöhungen auf 1,75 Prozent erwartet, nachdem die EZB die Zinswende im April begonnen und den Leitzins erstmals seit Beginn der Staatsschuldenkrise auf 1,25 Prozent erhöht hat.

          Wirtschaftliche Erholung im Euroraum gilt als intakt

          Einige Analysten der Banken erklären die Schwächephase des Euro, der zuvor binnen vier Monaten von 1,30 auf 1,50 Dollar gestiegen war, auch mit pessimistischeren Wachstumserwartungen. Am Donnerstag wurde diese Sichtweise durch schwache Daten zur Industrieproduktion begünstigt. Im Euroraum ist die Industrieproduktion im März überraschend gefallen. Im Vergleich zum Vormonat sei die Produktion um 0,2 Prozent gesunken, teilte die europäische Statistikbehörde Eurostat mit. Volkswirte der Banken hatten mit einem Anstieg um 0,2 Prozent gerechnet. Auch der Rückgang des Ölpreises in den vergangenen Tagen wird als Beleg für eine sich abzeichnende Abschwächung des Wachstums gewertet.

          Gleichwohl gilt die wirtschaftliche Erholung im Euroraum und insbesondere in Deutschland als intakt. Gerade hat der Internationale Währungsfonds die Rolle Deutschlands als Zugpferd der europäischen Wirtschaft hervorgehoben. Deshalb schätzt Jan Holthusen von der DZ Bank die mögliche Abkühlung der Konjunktur derzeit auch nur als Randaspekt auf dem Anleihemarkt ein.

          Zinseinnahmen eines ganzen Jahres

          Als Belastung für die wirtschaftlichen Aussichten nennen Analysten von J.P. Morgen die schwachen Daten vom amerikanischen Arbeitsmarkt und die schlechtere Stimmung der amerikanischen Einkaufsmanager. Das seien Warnsignale, dass die Abkühlung stärker als erwartet ausfallen könnte, heißt es in einer Studie der Bank. Analysten von Morgan Stanley erwarten dagegen, dass das Wachstum der Weltwirtschaft trotz der Zweifel auf den Finanzmärkten robust bleiben werde. Unter anderem wegen der immer noch stimulierenden Wirkung der Geldpolitik könne sich der relativ junge Aufschwung fortsetzen. Sorgen sollten sich die Anleger lieber über die steigenden Inflationsraten machen. Die Teuerung könne stärker zunehmen, als dies bisher auf den Kapitalmärkten erwartet werde.

          Ein Anstieg der Renditen wäre für Inhaber von Anleihen mit Kursverlusten verbunden. Ein Zinsaufschlag von nur einem halben Prozentpunkt führt zu Kursverlusten von etwa 3,5 Prozent. Eine Korrektur auf dem Anleihemarkt kann also leicht die Zinseinnahmen eines ganzen Jahres aufzehren.

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