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Anlagemarkt : Unternehmen drängen auf den Markt für Wandelanleihen

Die SGL Carbon verkaufte diese Woche Wandelanleihen in Höhe von 190 Millionen Euro Bild: obs

Bei europäischen Wandelanleihen zeigt der Juni die regste Emissionstätigkeit seit Ausbruch der Finanzkrise. Allerdings warnen Experten Unternehmen davor, Wandelanleihen als Eigenkapitalersatz anzusehen.

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          Auf dem Markt für europäische Wandelanleihen zeichnet sich im Juni die regste Emissionstätigkeit seit Ausbruch der Finanzkrise ab. Binnen weniger Stunden gelang es am Donnerstag den deutschen Unternehmen SGL Carbon und Südzucker 190 und 283 Millionen Euro einzusammeln, dank hoher Nachfrage von Anlegern zu für sie günstigen Konditionen. Die Aktienkurse beider Unternehmen brachen am Donnerstag allerdings um mehr als 5 Prozent ein und führten die Liste der größten Kursverlierer im Aktienindex M-Dax an.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Abgabedruck auf die Aktien von SGL Carbon und Südzucker erfolgte offenbar durch Hedge-Fonds, die traditionell eine große Rolle als Wandelanleihe-Investoren spielen. Dabei verfolgen sie die Strategie, nach dem Kauf von Wandelanleihen die zugrundeliegenden Aktien leer zu verkaufen und sich mit fallenden Aktienkursen dann sukzessive wieder mit Aktien einzudecken. Mit dieser „Convertible Arbitrage“ genannten Strategie hatten viele Hedge-Fonds 2008 noch Schiffbruch erlitten. In diesem Jahr war aber keine andere Hedge-Fonds-Strategie mit durchschnittlich 12 Prozent Ertrag erfolgreicher.

          „Wandelanleihefonds erleben derzeit hohe Mittelzuflüsse“

          Hedge-Fonds sind nicht die einzigen Investoren, die sich für Wandelanleihen interessieren. Investmentbanker werben zunehmend erfolgreich auch bei konservativen Anlegern für diese speziellen Unternehmensanleihen. Für Unternehmen haben Wandelanleihen den Vorteil, dass sie nur einen relativ niedrigen Kupon bieten müssen. Die Wandelanleihe von SGL Carbon zum Beispiel ist mit einem Kupon von 3,5 Prozent ausgestattet, obwohl das Unternehmen eine Bonitätsnote von „BB“ hat und damit nicht in die für viele Anleger zum Mindeststandard gehörende Kategorie „Investment Grade“ gehört. Insgesamt ergab sich nach Angaben von Marktteilnehmern für SGL eine Emissionsrendite für die sieben Jahre laufende Wandelanleihe, die rund 6 Prozentpunkte höher ist als die Rendite von Bundesanleihen gleicher Laufzeit.

          Wandelanleihen von bonitätsstärkeren Emittenten wie die ebenfalls sieben Jahre laufende Anleihe von Südzucker tragen einen Kupons von sogar nur 2,5 Prozent. Sie lassen sich dennoch absetzen, weil Anleger dem für Wandelanleihen charakteristischen Wahlrecht zwischen Rückzahlung der Anleihe in bar oder in Aktien des Emittenten zu einem festgelegten Preis einen Wert beimessen. „Für Wandelanleihen steht zurzeit ausreichend Kapital zur Verfügung“, sagt Johannes Gröller von der Investmentbank Morgan Stanley, die bei der Platzierung der SGL-Anleihe half. Peter Albrecht, Fondsmanager für europäische Wandelanleihen von Union Investment, bestätigt: „Gerade Wandelanleihefonds erleben derzeit hohe Mittelzuflüsse.“

          Nicht als Eigenkapital betrachten

          Die Motive der Fondsanleger beschreibt Albrecht so: „Es gibt viele institutionelle Investoren wie Pensionskassen, Versicherer und Kirchen, die durchaus etwas Hunger auf Risiko verspüren, aber auch auf Wertsicherung achten.“ Für diese Anleger seien Wandelanleihen als Zwitterprodukt zwischen reinen Unternehmensanleihen und Aktien gerade in der aktuellen, immer noch schwankungsintensiven Kapitalmarktlage attraktiv. Auch für Privatanleger gibt es Fonds zum Beispiel von DWS und Cominvest, die auf Wandelanleihen spezialisiert sind und seit Jahresanfang Renditen zwischen 4 und 10 Prozent vorweisen können.

          Wegen geringer Risikoneigung der Anleger war der Markt für Wandelanleihen in Europa bis weit in das erste Quartal hinein für Neuemissionen zu gewesen. Der Stahlhersteller Arcelor Mittal war einer der ersten Emittenten im März mit 1,1 Milliarden Euro, der Minenbetreiber Anglo American folgte im April mit 1,5 Milliarden Dollar. Zwischen April und Mitte Mai kamen in Europa dann Wandelanleihen im Volumen von 4,8 Milliarden Dollar an den Markt gegenüber nur 5,1 Milliarden Dollar in der gesamten zweiten Jahreshälfte 2008. Für Juni sprechen Fachleute nun sogar von einer Flut neuer Wandelanleihen. In der vergangenen Woche hatten Firmen wie Air France KLM, J.Sainsbury, Nexans, Publicis, Alliance Oil und Vedanta Wandelanleihen platziert. In Deutschland hatte es in 2009 bisher nur zwei neue Wandelanleihen von Q-Cells und Infineon gegeben. Fachleute erklären sich den plötzichen Ansturm auf den Markt für Wandelanleihen auch mit der Diskussion über eine Kreditklemme. Wegen der Angst vor zögerlichen Banken wählten Unternehmen als Alternahme zum Kredit die Börse, um Kapital aufzunehmen.

          Allerdings herrscht europaweit weiterhin Flaute bei Börsengängen, und auch Eigenkapitalerhöhungen sind selten. „Wandelanleihen haben im Gegensatz zu Kapitalerhöhungen mit Bezugsrecht den Vorteil, dass sie binnen weniger Stunden plaziert werden können. Das ist gerade in Zeiten wie diesen ein großer Vorteil, weil die Kursschwankungen immer noch groß sind“, sagt Josef Ritter, Leiter des Eigenkapitalemissionsgeschäfts der Deutschen Bank. Ritter warnt indes Unternehmen davor, Wandelanleihen als Eigenkapital zu betrachten. „Aus Ratingsicht stellen Wandelanleihen Fremdkapital dar. Wenn Unternehmen nicht nur Liquidität, sondern unmittelbar Eigenkapital benötigen und sich nicht dem Risiko einer Rückzahlungsverpflichtung aussetzen möchten, sollten sie direkt Eigenkapital aufnehmen oder eine Pflichtwandelanleihe wählen.“

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