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Angst vor Minuszinsen : Was der EZB-Entscheid für Sparer bedeutet

Bild: AFP

Die Banken wollen den Strafzins der EZB nicht an die Kunden weiterreichen. Dennoch könnten die Einlagenzinsen weiter sinken.

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          An diesem Donnerstag hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Einlagenzins für Banken erstmals in ihrer Geschichte negativ werden lassen. Sie will damit die Kreditvergabe anzukurbeln. Jetzt können die Finanzinstitute ihre nicht benötigte Liquidität nicht mehr für null Prozent bei der Notenbank parken, sondern müssen dafür 0,1 Prozent Zinsen zahlen. Dieser Einlagensatz der EZB ist einer der drei Leitzinsen und gilt als wichtiger Referenzwert im Interbankenmarkt. Letztlich orientieren sich die Kreditinstitute aber auch in der Festlegung ihrer Zinskonditionen an solchen Sätzen.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Viele Sparer sorgen sich daher, dass die Einlagenzinsen ihrer Bank nach dem Schritt der EZB nicht etwa nur noch magerer werden. Theoretisch könnte auch der Sparzins für Bankkunden negativ werden - nämlich, wenn die Institute an den Einlagen nicht mehr so interessiert wären. Die Anleger müssten dann sogar noch Zinsen oder Gebühren zahlen, um Geld bei den Kreditinstituten anlegen zu dürfen. Das Geld würde allein dadurch immer weniger wert - ganz abgesehen von der Inflation, die ohnehin schon für meist negative Realzinsen sorgt. In Deutschland lag die Inflationsrate nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Mai bei 0,9 Prozent. Die EZB senkte am Donnerstag ihre Inflationsprognose für den Euroraum auf nun 0,7 Prozent. Im März waren die Währungshüter noch von 1,0 Prozent ausgegangen. Zum Vergleich: Für ein klassisches Sparbuch werden nach Angaben der FMH-Finanzberatung in Deutschland derzeit 0,2 Prozent an Zinsen geboten.

          Sparzins in Zukunft noch schmaler?

          Zwar treffen zum Beispiel die Sparkassen grundsätzlich alle geschäftspolitischen Entscheidungen völlig selbständig. Doch der Präsident des Deutschen Sparkassen-Giroverbandes (DSGV), Georg Fahrenschon, äußert sich zu diesem Thema sehr dezidiert. „Wir werden das sicher nicht an unsere Kunden weitergeben. Wir können den Sparern nicht sagen: Jetzt musst du für dein Vermögen auch noch Strafe zahlen.“ Auch der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, Uwe Fröhlich, gibt Entwarnung: „Mit negativen Zinsen im Kundengeschäft ist zwar nicht zu rechnen. Zu befürchten ist jedoch - insbesondere im Zusammenspiel mit einer weiteren Zinssenkung der EZB -, dass der Sparzins künftig noch schmaler ausfallen wird, als er ohnehin schon ist.“ Bei normalen Zinssätzen stelle der Zins eine angemessene Entschädigung für den Konsumverzicht dar. Bei Zinsen nahe null hingegen verliere der Sparer unter Berücksichtigung der Inflation an Kaufkraft, entsprechend würden die Sparanreize geschwächt.

          Die Reaktion der Bankenverbände auf die heutige Zinsentscheidung war sehr negativ. Von einer „Placebopolitik auf Kosten der Sparer“ spricht Fröhlich: „Für die in Deutschland verwurzelte Sparkultur dagegen ist die Entscheidung ein schlechtes Signal.“ Nach Ansicht des DSGV hat sich die EZB auf einen „gefährlichen Weg“ begeben. „Statt der erhofften Impulse für die Wirtschaft in den Krisenländern werden durch die erneute Zinssenkung die Sparer in ganz Europa weiter verunsichert und Vermögenswerte zerstört“, sagt Fahrenschon. Die Maßnahmen machten die Finanzmärkte auch nicht stabiler - „im Gegenteil, das überreichliche Geld quillt schon jetzt aus allen Ritzen und sucht sich immer riskantere Anlagemöglichkeiten“.

          Spätere Zinssenkung nicht ausgeschlossen

          Fragt man einzelne Institute, ist das Bild nicht ganz so eindeutig. Einige Institute wollen sich noch nicht festlegen. Bei der Frankfurter Sparkasse wiederum schließt man einen negativen Zins oder entsprechende Gebühren für die Einlagen der Kunden aus. „Dies ist keine Option“, sagt ein Sprecher und verweist auf das Geschäftsmodell des Instituts, das darin bestehe, Einlagen anzunehmen, um damit Kredite vergeben zu können. Das restliche Geld werde am Kapitalmarkt angelegt: „Aufgrund des niedrigen Zinsniveaus sehen wir zudem keinen Spielraum, unsere Einlagenzinsen zu senken.“ Für das klassische Sparbuch mit einer dreimonatigen Kündigungsfrist zahlt die Frankfurter Sparkasse aktuell 0,2 Prozent.

          Auch die ING Diba, einer der Marktführer für Tagesgeld, findet beruhigende Worte. „Wie die Zinspolitik des Instituts in der Vergangenheit zeigt, gibt es keine direkte Kopplung zwischen den Bank-Sparzinsen und dem Einlagenzins der EZB“, sagt ein Sprecher der Direktbank. Sparzinsen für Kunden würden von einer Vielzahl von Faktoren bestimmt - unter anderem von Marktbedingungen, Finanzierungskosten der Banken und der Wettbewerbsposition. „Für unsere Sparprodukte gibt es aktuell keinerlei Planungen, Gebühren oder Negativzinsen einzuführen“, sagt der ING-Diba-Sprecher weiter. Bis auf weiteres werde zum Beispiel der Tagesgeldzins von 1 Prozent beibehalten. Eine Zinssenkung zu einem späteren Zeitpunkt sei jedoch nicht ausgeschlossen.

          Ein Sprecher der Commerzbank sagte im Vorfeld der Entscheidung, sie wollten die Entscheidung und die Reaktionen des Marktes abwarten, bevor daraus konkrete Schlussfolgerungen gezogen und mögliche Anpassungen vorgenommen würden. Es sei aktuell aber nicht davon auszugehen, dass der Kunde einen negativen Einlagenzins bezahlen müsse. Auch sei mit keinen signifikanten Anpassungen der Einlagenzinsen zu rechnen, die ja ohnehin sehr niedrig seien. Denn es entspreche nicht dem Geschäftsmodell der Commerzbank, ihr Geld bei der Notenbank anzulegen, sondern vielmehr Kredite zu vergeben. Auch die Deutsche Bank plant derzeit nicht, im Kundengeschäft Gebühren für Einlagen einzuführen. Eine Option bleibt Sparern ohnehin immer: Sie können ihr Geld abheben und es im Banksafe oder zu Hause horten. Das bringt dann gar keine Zinsen - positive wie negative.

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