https://www.faz.net/-gv6-7acbu

Angst vor Kreditklemme : Verwerfungen am chinesischen Geldmarkt

Auch die Kurstafeln in Schanghai verraten nicht, wie sich China entwickelt Bild: REUTERS

Um eine Kreditklemme zu vermeiden, will die chinesische Zentralbank frisches Geld zur Verfügung stellen. Doch die Warnungen vor einem Crash bleiben.

          Die Lage am chinesischen Geldmarkt scheint sich etwas zu entspannen. Dennoch warnen Fachleute weiterhin vor einer bevorstehenden Kreditklemme. Auch von einem möglichen „Crash“ ist die Rede. Am Donnerstag hatten die Zinsen im Interbankenmarkt besorgniserregende Höhen erreicht. Die Rückkaufsätze (Repo) für ein- und siebentägige Ausleihungen stiegen in der Spitze auf 13,9 und 12,5 Prozent. Für Transaktionen über Nacht mussten bis zu 25 Prozent bezahlt werden. Das war der höchste Stand seit 2006. Am Freitag mehrten sich die Zeichen, dass die Zentralbank PBOC die Liquidität zur Verfügung stellen könnte, die sich die Banken untereinander nur noch zu hohen Zinsen anvertrauen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Zwar scheint es noch keine grundsätzliche Entscheidung zu geben, sondern nur einzelne Liquiditätsspritzen an ausgewählte Banken. Aber schon diese zeigen Wirkung: Der Zinssatz über Nacht fiel beim Fixing am Freitag um mehr als 4,4 Punkte auf 8,4 Prozent, der steilste Rückgang seit 2007. Die Siebentageszinsen betragen 8,5 Prozent - 2,3 Punkte weniger als am Vortag. „Das Schlimmste ist vorüber. Die PBOC wird wahrscheinlich als Geldgeber letzter Instanz einspringen, intervenieren und so die Märkte beruhigen“, sagte Chen Qi, Analyst der UBS in Schanghai, der Agentur Bloomberg.

          Liquiditätsengpass dauert an

          Jenseits von Zinssenkungen gibt es zwei Möglichkeiten, wie die Währungshüter die Situation beruhigen könnten. Am Dienstag wird ein weiterer Termin fällig, zu dem Geschäftsbanken ihre Mindestreserve überweisen müssen. Das ist jener Teil ihrer Einlagen, den sie in der Zentralbank zu parken verpflichtet sind und deshalb nicht verleihen können. Falls die PBOC diese Anforderung verringert, würde mehr Liquidität frei. Die Notenbank könnte aber auch ihre Offenmarktgeschäfte ausweiten. Das sind Wertpapiertransaktionen zur Steuerung der Geldmenge. Am gängigsten sind sogenannte umgekehrte Pensionsgeschäfte: Geldmarktverträge, in denen die Zentralbank den Geschäftsbanken Liquidität zur Verfügung stellt, besichert durch Wertpapiere. Die Notenbank schreibt diese Geschäfte aus, und die Geldhäuser bieten dafür. Dadurch entsteht ein Zinssatz. Will die Bank mehr Geld in den Interbankenmarkt pumpen, weitet sie die Ausschreibungen bei Fälligkeit aus. Das könnte demnächst passieren; zuletzt hatte die Zentralbank auf diese Weise im Februar eingegriffen.

          Obwohl die großen Zinsausschläge zunächst vorbei seien, dürften die Durchschnittssätze weiterhin hoch bleiben, vermuten Analysten. „Wir erwarten, dass der Liquiditätsengpass andauert“, sagte Chen. Damit wolle die Zentralbank die Geldhäuser vor riskanten Arbitrage-Geschäften schützen, also vor Kredittransaktionen, die Zinsdifferenzen ausnutzen, argumentiert Lu Ting, China-Ökonom der Bank of America in Hongkong. Gerade kleinere Banken hätten die niedrigen Geldmarktzinsen bisher dazu genutzt, auf Pump hochrentierliche Anleihen zu kaufen. Dafür würden sie jetzt „bestraft“.

          Unklar ist, wie es zu der plötzlichen Geldknappheit kommen konnte. Der ehemalige amerikanische Schachgroßmeister und heutige Hedgefonds-Manager Patrick Wolff sagte der Agentur Reuters, Chinas Wirtschaft und Finanzmärkte seien nach wie vor zentralstaatlich gelenkt. Das führe zwangsläufig zu Korruption und zur Fehlallokation von Kapital. „Viele Unternehmen stehen vor einer Kreditklemme.“ Das gefährde auch die Aktienmärkte. „Wir haben immer gesagt, dass die Vereinigten Staaten der sicherste Ort für Investitionen sind, während in China die Zeichen auf Crash stehen.“

          Eigentlich hat der kurzfristige Geldmarkt nicht unmittelbar etwas mit dem langfristigen Kreditmarkt zu tun, über den sich Unternehmen und Verbraucher bei Geschäftsbanken eindecken. Eine Liquiditätsklemme ist noch keine Kreditklemme. Über kurz oder lang kann die Misere aber durchschlagen: weil es an flüssigem Geld für Kreditnehmer fehlt oder für Geldgeber lukrativer ist, vom hohen Interbankenzins zu profitieren.

          Deutsche Bank vermutet entspanntere PBOC

          Die Analysten und Anleger beunruhigt vor allem aber eines: Das Misstrauen der Geldhäuser untereinander und die Zurückhaltung der Notenbank drücken ein wachsendes Unbehagen über die Verlässlichkeit der jeweils anderen aus. Derlei fehlendes Vertrauen war schon oft Auslöser schwerer Verwerfungen. Auch der Lehman-Insolvenz mit der Weltfinanzkrise als Folge gingen überschießende Zinsen am Interbankenmarkt voraus.

          Finanzexperten wie der Chefvolkswirt der Deutschen Bank für China, Jun Ma, vermuten, dass im Juni verschiedene Faktoren zusammengekommen sind, welche die Lage verschärft haben. Ende Mai mussten die großen Staatsunternehmen ihre Steuern bezahlen. Sie überwiesen dafür Geld von ihren Hausbanken an den Staat, der es bei der Zentralbank anlegte. Dadurch war es dem Geldmarkt entzogen. Zugleich mussten Banken Anfang und Mitte Juni schon zweimal ihre Mindestreserven überweisen. Drittens legen sie der Zentralbank demnächst ihre Halbjahreszahlen vor und wollen dort gut dastehen, wobei die kurzfristige Geldaufnahme hilft. Hinzu kommt, dass angeblich die China Everbright Bank eine Fälligkeit am Geldmarkt vorübergehend nicht bedienen konnte. Das sorgte für Aufregung, auch wenn es dementiert wurde. Zudem ist seit Jahresbeginn gegen getürkte Exportrechnungen viel spekulatives Geld aus dem Ausland nach China geflossen. Seit Mai unterbinden die Behörden diese Scheingeschäfte, so dass jetzt deutlich weniger Liquidität in den Kreislauf fließt. Die Verunsicherung am Geldmarkt habe der PBOC gezeigt, dass ihre Ausrichtung etwas zu straff sei, urteilt Jun Ma. Vermutlich werde sie jetzt „einige Monate lang eine entspanntere geldpolitische Haltung einnehmen“.

          Weitere Themen

          Eurokurs verliert gegenüber wichtigen Währungen

          Devisenmarkt : Eurokurs verliert gegenüber wichtigen Währungen

          Die Aussicht auf noch billigeres Geld von der Europäischen Zentralbank lässt den Schweizer Franken steigen. Auch der Dollarkurs legt dank der Schuldenbremse in Amerika zu. Das britische Pfund aber gibt seine Gewinne wieder ab.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.