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Amerikanische Bundesstaaten : Verkaufsdruck lastet auf Kommunalanleihen

  • -Aktualisiert am

Reizte Anleger mit der Warnung, dass steigende Gesundheitskosten New Jersey in die Insolvenz treiben könnten: Chris Christie Bild: dapd

Die Renditen für langlaufende Anleihen amerikanischer Bundesstaaten und Städte sind auf den höchsten Stand seit dem Höhepunkt der Finanzkrise geklettert - es gibt Anzeichen von Anspannung auf dem bislang eher als langweilig geltenden kommunalen Anleihemarkt.

          Die Unsicherheit auf dem Markt für amerikanische Kommunalanleihen wächst. Nach einer erneuten Verkaufswelle in der vergangenen Woche sind die Renditen für langlaufende Anleihen amerikanischer Bundesstaaten und Städte mit bester Bonität auf den höchsten Stand seit dem Höhepunkt der Finanzkrise geklettert. Nach Angaben des Datenanbieters Thomson Reuters lag die durchschnittliche Rendite von Kommunalobligationen mit der Bestnote AAA und einer Laufzeit von 30 Jahren am Donnerstag bei 5,01 Prozent. Das letzte Mal hatten Anleger Ende Januar 2009 wegen der erhöhten Risiken so hohe Renditen gefordert. Die Renditen von Anleihen steigen, wenn die Preise fallen und umgekehrt.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Bundesstaaten und Kommunen finanzieren mit den für Investoren überwiegend steuerbegünstigten Anleihen allgemeine Ausgaben oder bestimmte Projekte wie den Bau von Straßen. Die Unsicherheit der Anleger wurde durch Warnungen vor einer neuen Finanzkrise wegen der hohen Verschuldung amerikanischer Bundesstaaten wie Kalifornien oder Illinois geschürt. Der Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, reizte Anleger am Donnerstag mit der Warnung, dass die steigenden Gesundheitskosten für Angestellte im öffentlichen Dienst seinen Bundesstaat in die Insolvenz treiben könnten. Er kündigte höhere Beiträge für die Krankenversicherung an.

          Parallelen zwischen aktueller Lage und Situation vor der Krise

          Es gibt weitere Anzeichen von Anspannung auf dem bislang eher als langweilig und solide geltenden kommunalen Anleihemarkt. So musste die Behörde für Wirtschaftsförderung in New Jersey wegen schleppender Nachfrage von Investoren das Volumen einer Anleiheemission um 40 Prozent kürzen und einen höheren Zinssatz bieten als erwartet. Die größte amerikanische Fondsgesellschaft Vanguard legte wegen der ungewohnten Turbulenzen Pläne für drei neue kommunale Anleihefonds auf Eis. „Wir glauben, dass der Aufschub angesichts der starken Schwankungen auf dem Markt für Kommunalanleihen vernünftig ist“, sagte eine Sprecherin von Vanguard. Privatanleger ziehen nach Angaben des Informationsdienstes Lipper FMI seit neun Wochen in Folge Geld aus kommunalen Anleihefonds ab. Das führt zu weiterem Verkaufsdruck, da Fonds Papiere verkaufen müssen, um Anteile an Anleger zurückgeben zu können. Privatanleger gelten als das Rückgrat des Marktes. Einige Marktteilnehmer fürchten, dass der Preisverfall zu einer Panik unter Investoren führen und sich wie in der Finanzkrise auf andere Anlageklassen ausweiten könnte.

          Die prominente Analystin Meredith Whitney hatte im Dezember in einem Fernsehbericht Parallelen zwischen der aktuellen Lage der Bundesstaaten und der Situation der Banken vor der Krise gezogen. Whitneys Prognosen sind vielbeachtet, weil sie vor drei Jahren als einige von wenigen die von Ramschhypotheken ausgehende Gefahr für Banken und Finanzmärkte richtig eingeschätzt hatte. Whitney bezeichnete die Verschuldung der Bundesstaaten und Kommunen neben dem Häusermarkt als das derzeit größte Problem für die amerikanische Konjunktur. In der vergangenen Woche warnte sie im Wirtschaftssender CNBC erneut vor einer Flut von Kreditausfällen bei kommunalen Anleihen. Sie prognostiziert 50 bis 100 oder sogar mehr Ausfälle im Volumen von Hunderten Milliarden von Dollar. Das wäre ein erheblicher Teil des Marktes, der insgesamt auf ein 2.800 Milliarden Dollar kommt. Es wären innerhalb nur kurzer Zeit auch mehr Ausfälle als in den vergangenen vierzig Jahren. Nach Angaben der Kreditbewertungsagentur Moody’s sind von 1970 bis 2009 nur 54 von insgesamt 18.400 Kommunalobligationen, die ein Rating trugen, nicht bedient worden.

          „Kein Anhänger der Theorie, dass es viele Ausfälle geben wird“

          An der Wall Street sind Prognosen zunehmender Ausfälle kommunaler Anleihen mittlerweile Konsens. Aber es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen über das Ausmaß des Problems. „Ich bin kein Anhänger der Theorie, dass es viele Ausfälle geben wird“, sagte Bill Gross, der einflussreiche Chefanleger von Pimco, der zum deutschen Allianz-Konzern gehörenden großen Rentenfondsgesellschaft, dem Wirtschaftssender Bloomberg. Die Ausfallraten würden letztlich weit unter dem befürchteten Niveau bleiben, glaubt Gross, der weiter Kommunalanleihen kauft – und nur um die Papiere von Illinois einen Bogen macht. Illinois hat in der vergangenen Woche eine Erhöhung der Einkommensteuer verabschiedet, was Marktteilnehmer etwas beruhigte.

          Meredith Whitney hält den Optimismus von Bill Gross aber für übertrieben. „Unsere Analyse kommt zu einem anderen Ergebnis“, sagt sie. Es gebe eine Unzahl von Gouverneuren, die Zahlungsausfälle erwarten. „Wie viele Beispiele braucht Bill denn noch?“

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