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Alarmierendes Bild : EZB sieht höheres Risiko für Finanzstabilität

  • -Aktualisiert am

Die Banken geraten immer mehr unter Druck Bild: F.A.Z.

Die Stabilität des Finanzsystems hat in den vergangenen sechs Monaten abgenommen, warnt die EZB. In einigen Ländern sinkt die Kreditvergabe der Banken schon.

          Die Europäische Zentralbank hat am Montag ein alarmierendes Bild von der Stabilität des Finanzsystems gezeichnet. In den vergangenen sechs Monaten hätten die Risiken deutlich zugenommen heißt es in der Zusammenfassung des halbjährlichen Berichts, den der EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio am Montag Journalisten erläuterte. „Unter dem Strich hat sich die Übertragung von Anspannungen zwischen Ländern, quer durch den Bankensektor und zwischen diesen Bereichen so stark intensiviert, dass die Krise systemische Ausmaße erreicht hat, wie sie seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers nicht mehr beobachtet wurden“, heißt es in dem Stabilitätsbericht.

          Hauptrisiken für die Finanzstabilität seien die Finanzierungsschwierigkeiten der Banken, die aus einer schwächeren Konjunktur resultierenden Kreditrisiken und Ungleichgewichte der großen Wirtschaftsräume, die zu einem scharfen weltweiten Abschwung führen könnten. „Das mit Abstand größte Risiko ist jedoch, dass es zu negativen Wechselwirkungen zwischen den anfälligen Staatsfinanzen, dem Finanzsektor und dem Wirtschaftswachstum kommt“, sagte Constâncio.

          Kreditvergabe rückläufig

          Einige der im Bericht zitierten Indikatoren lassen eine gefährliche Lage auf den Finanzmärkten vermuten. So ist ein Index, der nach dem Verständnis der EZB die auf den Märkten vermutete Wahrscheinlichkeit von mehreren gleichzeitigen Zusammenbrüchen großer Banken abbildet, auf ein Rekordhoch gestiegen und liegt deutlich höher als nach dem Lehman-Bankrott vor drei Jahren. Dieser Index beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens zwei Großbanken binnen zwei Jahren gleichzeitig zahlungsunfähig sein werden derzeit mit etwa 25 Prozent. Über die Aussagekraft solcher Panikindikatoren gibt es unterschiedliche Meinungen. In der Arbeit der EZB spielt dieser Index jedoch durchaus eine gewichtige Rolle. Ihn führte die Zentralbank unter anderem in der Begründung für die im Mai 2010 begonnenen Käufe von Anleihen finanzschwacher Euroländer an.

          Die schwierige Finanzierungslage vieler Banken verdeutlicht der EZB-Bericht unter anderem mit dem großen Abstand zwischen besicherten und unbesicherten Leihegeschäften der Banken untereinander. Für dreimonatige Kredite liegt die Risikoprämie derzeit bei einem Prozentpunkt. Verstärkt worden sei der Stress durch den Abzug von Dollarkrediten amerikanischer Geldmarktfonds an europäische Banken. Das Volumen sei von Mai bis November dieses Jahres von 800 auf etwa 500 Milliarden Dollar gesunken. Hinzu komme, dass die Banken im kommenden Jahr große Summen für fällige Anleihen aufbringen müssen. Allein im ersten Quartal müssten 220 Milliarden Euro getilgt werden und in den restlichen drei Quartalen rund 350 Milliarden Euro.

          Diesen Schwierigkeiten sei die EZB nach der letzten Ratssitzung mit weiteren Nothilfen begegnet. So halbierte sie den Mindestreservesatz auf 1 Prozent, was den Liquiditätsbedarf der Banken um rund 100 Milliarden Euro senkt, und die EZB bietet dreijährige Finanzierungsgeschäfte an, das erste an diesem Dienstag. Angesichts dieser Hilfen dürften die Banken ihre Finanzierungsschwierigkeiten nicht als Begründung für die Reduzierung der Kreditvergabe anführen, mahnte Constâncio. Gleichwohl ist die Kreditvergabe, die im Durchschnitt des Euroraums weiter mit geringem Tempo steigt, in einigen Ländern rückläufig. Die Kreditvergabe sei im Vergleich zum ersten Quartal dieses Jahres in Irland, Griechenland, Spanien, Luxemburg und Estland gesunken, außerhalb des Euroraums auch in Großbritannien.

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