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Neue Anleihen : Bund verschuldet sich wie noch nie

Angesichts des Mittelbedarfs muss auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz husten. Bild: dpa

In der Corona-Krise muss Finanzminister Scholz zusätzlich 120 Milliarden Euro an Anleihen begeben. Das Emissionsvolumen fällt höher aus als in der Finanzkrise.

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          Der deutsche Staat muss zur Abfederung von wirtschaftlichen Folgeschäden der Corona-Krise in diesem Jahr ein Rekordvolumen an neuen Schuldtiteln begeben. Wie die für die Schuldenverwaltung des Bundes zuständige Finanzagentur nun mitteilte, erhöht sich das Emissionsvolumen von ursprünglich geplanten 216 bis 218 Milliarden Euro jetzt auf 335,5 Milliarden Euro. Das ist ein Rekordvolumen. Bislang galt 2009 mit 334 Milliarden Euro als das Jahr mit der höchsten Mittelaufnahme. Damals musste der Bund auf dem Höhepunkt der Finanzkrise den Bankensektor absichern und die Konjunktur anschieben.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Nach der aktuellen Planung betragen die Nettoemissionen nach Tilgungen – auch unterjährigen – rund 104 Milliarden Euro“, teilte eine Sprecherin der Finanzagentur mit. Zuvor hatte der Bund mit einer Netto-Tilgung geplant. Als Grund für den höheren Finanzierungsbedarf nannte Tammo Diemer, Geschäftsführer der Finanzagentur, das Maßnahmenpaket der Bundesregierung zur Bewältigung der Corona-Pandemie. Am Montag hatte das Kabinett einen Nachtragshaushalt von 156 Milliarden Euro beschlossen.

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          Am Dienstag lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe wenig verändert bei minus 0,36 Prozent. Am Montag war sie sogar etwas gefallen, was bei Anleihen mit Kursgewinnen verbunden ist. Doch der Abstand zu dem Rekordtief Mitte März, als die zehnjährige Rendite unter minus 0,9 Prozent gefallen war, hat sich vergrößert. Das lag auch daran, dass der Markt sich auf ein höheres Angebot an Bundesanleihen eingestellt hatte. Das erklärt auch, warum am Dienstag in der Auktion zur Aufstockung einer zweijährigen Anleihe – offiziell Bundesschatzanweisung – die Nachfrage geringer ausfiel als das Angebot. Für die geplante Erhöhung um 4 Milliarden Euro wurden 3,358 Milliarden Euro geboten.

          Renditen sind noch negativ

          Bundesfinanzminister Olaf Scholz kann sich damit trösten, dass er die Rekordemissionen zu einem Zeitpunkt ankündigt, an dem die Renditen der meisten Bundesanleihen noch negativ sind. Das bedeutet, dass die Investoren bereit sind, dem deutschen Staat mehr zu leihen, als sie am Ende zurückbekommen.

          Dass die Renditen weiterhin niedrig bleiben, dafür sprechen die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB). Ähnlich wie in der Reaktion auf die Finanzkrise setzt der Bund auch diesmal auf kurzlaufende Titel, also Geldmarktpapiere (Bubills) mit einer Laufzeit bis höchstens zwölf Monate. Hier zeichnet sich nach Ansicht der Commerzbank-Analysten ein neuer Rekord ab. Sie rechnen mit einem „Bubill-Tsunami“. Die Nettoemission der Geldmarktpapiere kann sich ihrer Ansicht nach ohne weiteres auf 70 bis 100 Milliarden Euro summieren – und damit das Emissionsvolumen des Jahres 2009 deutlich übersteigen. Damals hatte der Bund 63 Milliarden Euro an Bubills emittiert, diese aber im darauf folgenden Jahr fast vollständig zurückgefahren.

          Die Commerzbank-Analysten schließen weitere Erhöhungen der Emissionsplanungen in diesem Jahr nicht aus, was sie mit den Unsicherheiten bezüglich der Corona-Belastungen für die deutsche Wirtschaft und damit für die Steuereinnahmen sowie den für den Wirtschaftsstabilisierungsfonds erforderlichen Mitteln begründen. „Im Fall der Fälle dürften diese jedoch erst gegen August in das Budget einfließen, wenn der neue mittelfristige Haushaltsplan verabschiedet wird.“

          Ungewöhnliches Instrument

          Bislang hat die Finanzagentur die neue Emissionsplanung für das zweite Quartal vorgestellt. Zwischen April und Ende Juni wird sie Bundeswertpapiere im Volumen von 32,5 Milliarden Euro begeben. Im zweiten Halbjahr kämen weitere 87 Milliarden Euro hinzu, darunter auch Mittel für die staatliche Förderbank KfW. Ungewöhnlich ist die Aufstockung von 21 schon begebenen Anleihen über jeweils 2 Milliarden Euro, also insgesamt 42 Milliarden Euro. Hier handelt es sich um Anleihen, die sich im Eigenbestand des Bundes befinden. Die Finanzagentur will diese Titel im Rahmen von Wertpapierpensionsgeschäften zur kurzfristigen Finanzierung einsetzen. Banken gewähren dem deutschen Staat in diesem Fall einen Kredit, für den sie als Sicherheit Bundesanleihen erhalten. Das soll eine flexiblere Finanzierung ermöglichen.

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