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Nach heftigen Kursverlusten : Der Anleihemarkt bietet wieder Chancen

Fahrer in Colombo stehen für Benzin an. Das Schwellenland Sri Lanka befindet sich in einer Wirtschaftskrise und benötigt die Unterstützung des IWF. Bild: Reuters

Die Rezession droht. Aber die Schuldtitel von Schwellenländern und Unternehmen haben schon viel eingepreist.

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          Ob eine Rezession kommt, ist nicht mehr die Frage. Einzig deren Ausmaß wird derzeit noch diskutiert. Das gilt auch für die Anleihemärkte, bei denen die Inflation und die damit verbundene Zinswende in diesem Jahr für historische Verluste gesorgt haben. Der Bloomberg-Index für Staats- und Unternehmensanleihen (Bloomberg Global Aggregate Total Return) hat seit seinem Höchststand Anfang 2021 mehr als ein Fünftel verloren, der größte Rückgang seit seiner Einführung 1990.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch immer mehr Anleger fragen sich nun, ob die Kursverluste und damit verbunden der Renditeanstieg demnächst ein Ende finden werden. Vor allem bei den Schuldtiteln von Schwellen- und Entwicklungsländern sowie von Unternehmen wittern einige Investoren nun Chancen angesichts der niedrigen Einstiegsniveaus.

          Attraktive Bewertungen

          Mit Schwellen- und Entwicklungsländern, am Finanzmarkt ist dann von Emerging und Frontier Markets die Rede, beschäftigt sich Anthony Simond, Fondsmanager beim schottischen Vermögensverwalter ABRDN. Er hält im Gespräch mit der F.A.Z. die Bewertungen der Staatsanleihen aus Schwellenländern derzeit für attraktiv. Das gelte vor allem für die in harten Währungen, hauptsächlich in Dollar, begebenen Titel.

          Diese weisen seinen Angaben zufolge einen durchschnittlichen Risikoaufschlag (Spread) von 5,0 Prozentpunkten gegenüber US-Staatsanleihen auf. Anfang des Jahres waren es 3,7 Prozentpunkte. Durch die Verkaufswelle hat sich der Spread ausgeweitet. Die durchschnittliche Rendite von Dollar-Anleihen der Schwellenländer betrage jetzt 8 Prozent. Für Hartwährungsanleihen der Frontier Markets seien es sogar 12 bis 13 Prozent.

          „Wir sehen vor allem in den Frontier Markets, also den riskanteren Schwellenländern, Kurschancen, auch wenn es hier größere Risiken eines Zahlungsausfalls gibt“, fügt er hinzu. Aber dazu werde es nicht in allen Ländern kommen. Gegenwärtig sei ein großer Teil der möglichen negativen Ereignisse schon in den Kursen eingepreist. ABRDN bevorzugt Simond zufolge derzeit Anleihen in harter Währung gegenüber denen in lokaler Währung.

          Chancen in Lateinamerika

          Allerdings sieht er auch hier interessante Möglichkeiten, insbesondere in Lateinamerika wie in Brasilien, Chile und Mexiko. „Einige dieser Zentralbanken haben schon vor der Fed mit Zinserhöhungen begonnen“, fügt der Schwellenländer-Fachmann hinzu. In Asien, selbst in China, stelle die Inflation kein großes Pro­blem dar. Das sei in Osteuropa anders, weil diese Länder von russischem Gas abhängig seien und die Energiekrise hier voll durchschlage.

          Bleibt das Thema Zahlungsausfall, das mit Sri Lanka ein aktuelles Beispiel hat und kürzlich die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kristalina Georgiewa, auf den Plan rief, an die großen Gläubiger, insbesondere an China, zu appellieren. Sie müssten Verantwortung übernehmen und verhindern, dass das Schuldenproblem explodiere.

          „Als gefährdet für einen möglichen Zahlungsausfall betrachten wir derzeit El Salvador“, sagt Simond. Das Land versuche durch einen Rückkauf der im Januar 2023 fällig werdenden Anleihe das Ausfallrisiko zu verringern. Ghana weise eine hohe Auslandsverschuldung auf und verhandele mit dem IWF über ein Hilfsprogramm. Das sei auch in Tunesien der Fall, das politisch derzeit wenig stabil sei. Die Länder in Nordafrika würden durch die steigenden Lebensmittelpreise besonders belastet. Das berge die Gefahr sozialer Proteste, warnt Simond.

          Positive Erträge wahrscheinlich

          Auch Bastian Gries, der in der Vermögensverwaltung von Oddo BHF für Unternehmensanleihen mit guten Ratings (Investment Grade) verantwortlich ist, sieht Chancen. Die aktuellen Kursniveaus von Unternehmensanleihen seien für längerfristig orientierte Anleger attraktiv, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. „Auf Sicht von zwölf Monaten sind auf den aktuellen Kursniveaus positive Erträge wahrscheinlich.“

          Die Wachstumsverlangsamung sei in den Unternehmensanleihen weitgehend eingepreist. Der Risikoaufschlag habe sich im Investment-Grade-Bereich seit Jahresanfang um 1,00 Prozentpunkte erhöht, im High-Yield-Bereich, also für die Unternehmen mit schwacher Bonität, um mehr als 2,0 Prozentpunkte. „Der Markt hat die Rezession also schon teilweise vorweggenommen“, sagt Gries. Er hält es aber für möglich, dass sich die Risikoaufschläge weiter erhöhen, wenn die Rezession deutlicher als erwartet ausfällt.

          Telekom- und Pharmaunternehmen mit Potential

          Mit Renditen von durchschnittlich rund 3,3 Prozent liegen Unternehmensanleihen seinen Worten zufolge derzeit um 2,0 Prozentpunkte über Staatsanleihen, das wertet er langfristig gesehen als ein sehr hohes Niveau. Mit der Rezession würden die Ausfallraten im High-Yield-Bereich steigen. Im Investment-Grade-Bereich stehe im Mittelpunkt, wie viele Unternehmen in den High-Yield-Bereich abrutschten. „Doch wir erwarten hier keine große Welle, weil die Unternehmen sich in den vergangenen Jahren schon sehr stark vorfinanziert haben und nun keinen Refinanzierungsdruck haben.“

          Als sehr stabil in einer Rezession betrachtet Oddo BHF Unternehmen aus der Telekommunikation und aus dem Gesundheitswesen. Für die Telekombranche sprächen das geringe Russland-Geschäft, die untergeordnete Bedeutung von Energie und die geringe Abhängigkeit von der Konjunktur. Für Pharma vor allem die demographische Entwicklung. „Kritisch sehen wir den Immobilienbereich, wo die Unternehmen durch den Zinsanstieg unter Druck geraten sind“, sagt Gries. Die hohe Abhängigkeit vom Gas macht aus seiner Sicht auch dem Chemiebereich und einigen Versorgern zu schaffen.

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