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Anleihekäufe : Mario Draghis Billionen-Experiment

Der Tempel des Poseidon Bild: dapd

Heute beginnt Mario Draghi mit dem Kauf von Anleihen der europäischen Staaten. Das drückt den Kurs des Euro. Und ist ganz schön gefährlich.

          4 Min.

          An diesem Montag beginnt das größte geldpolitische Experiment in der Geschichte des Euro: Die Europäische Zentralbank kauft im großen Stil Anleihen europäischer Staaten auf. Monatlich will die Notenbank dafür 60 Milliarden Euro ausgeben, das soll sich bis Ende September 2016 auf den kaum vorstellbaren Betrag von 1,14 Billionen Euro summieren. Das offizielle Ziel: Die Inflationsrate im Euroraum, die zuletzt negativ geworden war und sich damit weit vom Zielwert der Europäischen Zentralbank von „unter, aber nahe zwei Prozent“ entfernt hatte, soll künstlich nach oben getrieben werden.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zugleich drückt die Notenbank damit aber auch den Kurs des Euro künstlich nach unten. Es geht um eine Abwertung des Euro gegenüber anderen Währungen - mit der Absicht, die Exportwirtschaft in der Eurozone zu beflügeln. Schon jetzt scheint das zu funktionieren: Vergangene Woche erreichte der Kurs des Euro mit 1,0839 Dollar den tiefsten Stand seit gut elf Jahren. Ein Teil der Währungsexperten, beispielsweise die Devisenfachleute der Royal Bank of Scotland, rechnen schon in nächster Zeit mit der Parität, also einem Preis von einem Dollar für einen Euro.

          Die EZB nennt das, was sie tut, zwar nicht Wechselkurspolitik. Sie hat schließlich kein offizielles Wechselkursziel. Sie nimmt das aber gleichsam als angenehmen Nebeneffekt in Kauf. Schließlich hat EZB-Präsident Mario Draghi schon lange versucht, den Euro mit Worten herunterzureden.

          Die Überlegung dahinter: Wenn der Kurs des Euro niedrig ist, werden Exporte aus der Eurozone, von deutschen Autos bis zu griechischem Zement, in Länder außerhalb des Euroraums billiger. Das soll die Konjunktur vor allem in den Krisenländern beflügeln. Zugleich werden Importe in die Eurozone von Öl bis zu technischen Geräten teurer. Das könnte die Inflationsrate in die gewünschte Richtung von zwei Prozent bewegen.

          Bild: F.A.Z.

          Angst vor Finanzblasen ist nicht unbegründet

          Dieses Vorgehen birgt allerdings zwei Gefahren: Zum einen kann die lockere Geldpolitik zur Entstehung von Finanzblasen führen, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, eine Art „Bank der Zentralbanken“, nicht müde wird zu warnen. Zum anderen ist unklar, ob der Anstieg der Inflationsrate, den die EZB damit erreichen will, überhaupt bewirkt wird - und wenn ja, ob er beim angestrebten Ziel von zwei Prozent zu stoppen sein wird.

          Die Angst vor den Finanzblasen ist nicht unbegründet. Schon jetzt läuft die Konjunktur in Europa, auch dank des niedrigen Ölpreises, nicht mehr schlecht. Und die Aktienkurse erreichen sogar einen Höchststand nach dem anderen. Die lockere Geldpolitik könnte deshalb jetzt ausgesprochen prozyklisch wirken. Wenn die Notenbank mit den Anleihekäufen zusätzliches Geld in den Markt pumpt, sucht das nach Rendite. Investoren finden jedoch im Augenblick nur wenig lohnende Anlagen außer Aktien und Immobilien. Das zusätzliche Geld könnte deshalb dazu führen, dass vor allem Aktienkurse und Immobilienpreise weiter steigen, ohne dass die zugrundeliegenden Werte sich verändern. So könnten sich Finanzblasen bilden. Die Sorge der Warner: Wenn diese Blasen platzen, könnte eine Finanzkrise die Folge sein.

          Ob die Staatsanleihekäufe aber tatsächlich einen Anstieg der Inflation bewirken werden, wie es die EZB beabsichtigt, ist unter Ökonomen umstritten. Wenn die Notenbank neues Geld schafft, um die Anleihen zu kaufen, steigt zwar die Geldmenge. Schon der Ökonom Milton Friedman wusste aber, dass die Wege zwischen einer Ausweitung der Geldmenge und einer höheren Inflation oft „lang und verschlungen“ sind. Das gilt im Augenblick vermutlich in besonderem Maße: Bislang jedenfalls haben weder die Zinssenkungen der EZB noch die Käufe von verbrieften Krediten („Asset Backed Securities“, ABS) einen merklichen Effekt auf die Inflationsrate gehabt. Während ein Teil der Ökonomen schon meint, die Inflation als Phänomen sei in den Industriestaaten womöglich auf absehbare Zeit verschwunden, halten andere die niedrigen Inflationsraten für eine Spätfolge der Finanzkrise.

          EZB-Präsident Mario Draghi
          EZB-Präsident Mario Draghi : Bild: dpa

          Eine große Sorge vieler Deutscher ist, ob EZB-Präsident Mario Draghi es schafft, die geldpolitischen Zügel rechtzeitig wieder anzuziehen, wenn tatsächlich Inflation aufkommt. Die hochverschuldeten Staaten dürften dann nämlich ein großes Interesse haben, die Inflation laufenzulassen und die Zinsen niedrig zu halten. Beides zusammengenommen führt dazu, dass sie leichter einen Teil ihrer Schulden loswerden können.

          Weltweiter Abwertungswettlauf möglich

          Sicher ist: Gewisse Auswirkungen hat schon die Ankündigung des „QE“ („Quantitative Easing“) genannten Anleiheprogramms gehabt. Weil die Investoren an den internationalen Finanzmärkten erwarten, dass die Notenbank zusätzliche Nachfrage nach Staatsanleihen schafft, sind die Kurse der Anleihen in den vergangenen Wochen gestiegen und im Gegenzug die Zinsen gesunken. Das gilt zumindest für die meisten europäischen Staatsanleihen - mit Ausnahme von Griechenland. Dessen Anleihen werden wegen ihres schlechten Ratings nach den derzeitigen Plänen der EZB ohnehin nicht gekauft. Außerdem hat die ständig drohende Staatspleite die Zinsen hochgetrieben.

          Spannend bleibt, ob Amerika es sich auf Dauer gefallen lassen wird, dass Europa sich im Welthandel durch die künstliche Abwertung des Euro einen Vorteil verschafft. Den kleineren Ländern in Europa mit einer eigenen Währung wie der Schweiz mit dem Franken oder Dänemark mit der Krone bleibt vermutlich nicht viel anderes übrig, als sich mehr oder minder an dem großen Nachbarn Eurozone zu orientieren. Das sorgt im Augenblick dort schon für genug Probleme.

          Amerika aber könnte dazu übergehen, den Dollar künstlich zu schwächen, wenn ihm dessen Stärke und die damit verbundenen Nachteile im Export zu viel werden. Diskussionen in diese Richtung gab es schon. Die amerikanische Notenbank Fed könnte etwa die erste Zinserhöhung, die sie so lange angekündigt hat, noch ein bisschen aufschieben oder in kleineren Schritten vorgehen als geplant. Die Folgen könnten in der ganzen Welt zu spüren sein. Es könnte ein weltweiter Abwertungswettlauf einsetzen wie zwischen den beiden Weltkriegen. Ein Krieg der Währungen - bei dem am Ende keiner gewinnen kann.

          Geldpolitik : EZB startet eine Billion Euro schweres Kaufprogramm

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