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EZB : Minimales Signal

Hessen, Frankfurt: Die Lichter in den Büros der Europäischen Zentralbank (EZB) leuchten im letzten Licht des Tages. Bild: dpa

Die Notenbank reduziert das Tempo ihrer Anleihekäufe. Eine Grundsatzentscheidung, den Krisenmodus zu verlassen, hat sie noch verschoben.

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          Die Europäische Zentralbank verringert das Tempo ihrer Anleihekäufe. Ist das eine Sensation? Nein. In einer Umfrage unter Volkswirten vor der Sitzung des EZB-Rates hatte eine Mehrheit mit diesem Schritt gerechnet. Und doch dürfte dies von EZB-Präsidentin Christine Lagarde und dem EZB-Rat als Signal gemeint sein, dass man den Anstieg der Inflation und der eigenen Inflationsprognosen nicht auf die leichte Schulter nimmt. Das ist wichtig: Zu Recht warnen Ökonomen wie Volker Wieland vom Sachverständigenrat, die EZB müsse aufpassen, dass sie den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik nicht verschläft.

          Angst vor einer Panikreaktion

          Immerhin ist die Inflation im Euroraum im August auf 3 Prozent geklettert. Bis zum Jahresende dürften noch höhere Raten zu erwarten sein. Es ist zwar plausibel, dass sich die Inflation im nächsten Jahr, wenn allerhand Sonderfaktoren rund um die Pandemie auslaufen, wieder abschwächen wird. Aber Überraschungen in der Vergangenheit lassen vorsichtig sein, ob das so präzise vorherzusagen ist. Unter anderem ist unklar, ob die Gewerkschaften sich darauf einlassen, mit dem Verweis auf die Sonderfaktoren auf einen Inflationsausgleich bei den Löhnen zu verzichten. Der Druck der Arbeitnehmer wird steigen, je stärker sie den Kaufkraftverlust im täglichen Leben spüren, an den Preisen im Supermarkt, an der Tankstelle oder den Mieten.

          Verständlicherweise ist die EZB noch unsicher, wie der Corona-Herbst ausgeht. Es zeigt sich aber auch wieder einmal, dass große Eingriffe wie das Anleiheprogramm PEPP leichter einzuführen als abzuschaffen sind. Die Angst vor einer Panikreaktion der Märkte nach Entzug der Unterstützung scheint größer zu sein als die Sorge über Nebenwirkungen eines zu ausgiebigen Einsatzes. Dabei akzeptieren viele Ökonomen Anleihekäufe zwar mittlerweile als geldpolitisches Instrument für Krisen – die Gefahren eines Dauereinsatzes aber sollten nicht unterschätzt werden. Zu Recht mahnt Bundesbankpräsident Jens Weidmann, das erste „P“ im Kürzel des Krisenprogramms PEPP („Pandemic Emergency Purchase Programme“) stehe für „pandemic“, also der Pandemie zugehörig, und nicht für „permanent“ im Sinne von dauerhaft.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

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