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Staatsanleihen : Anleger setzen in Venezuela auf Regimewechsel

Das Votum für den Wechsel ist nicht zu übersehen. Bild: F.a.Z.

Venezuelas Staatsanleihen, die nach dem Zahlungsausfall im November 2017 kaum noch etwas wert waren, sind sehr gefragt. Anleger setzen darauf, dass das Maduro-Regime sich nicht mehr halten wird.

          Die Entwicklungen in Venezuela sind derzeit spannend. Wird es Oppositionsführer Juan Guaido gelingen, Präsident Maduro aus dem Amt zu drängen? Wird es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen? Und was wird folgen?

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für einen Großteil der ausländischen Politik scheint klar, dass die Zukunft des südamerikanischen Landes nicht mit Maduro zu gestalten ist und so erfährt Guaido, der sich zum Übergangspräsidenten ausgerufen hat, viel Unterstützung. Erst am Montag verhängten die Vereinigten Staaten Sanktionen gegen Venezuelas staatliche Ölgesellschaft PDVSA. Die Regierung in Washington untersagte heimischen Raffinerien Überweisungen an das Unternehmen. Amerikanische -Firmen, die weiter Öl aus dem südamerikanischen Land beziehen wollen, den Kaufpreis nun auf Sperrkonten einzahlen.

          PDVSA ist die praktisch einzig nennenswerte Einnahmequelle der venezolanischen Regierung, auch wenn die Ölproduktion des ölreichsten Landes der Welt schon lange darnieder liegt und noch nicht einmal zwei Drittel der Förderung des Jahres 2006 beträgt.

          Die Finanzmärkte haben sich klar positioniert: Die Kurse der venezolanischen Staatsanleihen sind seit Jahresbeginn um rund 50 Prozent gestiegen und notieren auf dem höchsten Niveau seit dem November 2017, als das Land die Zahlung von 200 Millionen Dollar an Zins auf seine Dollar-Anleihen schuldig blieb. Noch besser entwickelten sich die Kurse der PDVSA-Anleihen, die teilweise um 80 Prozent stiegen.

          Die Aussage ist klar: Die Finanzmärkte setzen auf einen Machtwechsel und darauf, dass danach die Schulden wieder beglichen werden. Der Kampf um den Regimewechsel und eventuelle Umstrukturierungen werde lang und risikoreich sein, schreibt Carlos De Sousa, Analyst bei Oxford Economics. Das Abwärtspotential der Anleihen sei indes begrenzt. Denn auch wenn die Kurse stark gestiegen sind, so kamen sie doch von einem niedrigen Niveau bei wenig mehr als 10 Prozent des Nominalwerts. Jetzt werden PDVSA-Anleihen zwischen 25 und 30 Prozent des Nominalwerts gehandelt und Staatsanleihen zu 30 bis 35 Prozent – also immer noch mit sehr hohen Risikoabschlägen.

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          Es sei zu früh, um den Sieg der Opposition auszurufen, denn weiter unterstütze das Militär die Regierung Maduro, schreibt de Sousa weiter, der den jüngsten Spekulationen um eine amerikanische Invasion eine Absage erteilt. Am Montag machte ein bei einer Pressekonferenz zufällig lesbarer handgeschriebener Vermerk von John Bolton, dem nationalen Sicherheitsberater Donald Trumps Furore. "5000 Soldaten nach Kolumbien" war da angeblich zu lesen und wurde auch vom Weißen Haus nicht dementiert.

          De Sousa glaubt eher an eine Fortsetzung der Politik der Nadelstiche: Maduro werde wohl amerikanische Diplomaten nicht mit Gewalt ausweisen, aber die Behörden hätten vorgeschlagen, die Stromversorgung der amerikanischen Botschaft zu kürzen. Maduro hatte den Diplomaten 72 Stunden Zeit gegeben, um das Land zu verlassen, aber das amerikanische Außenministerium sagte, es werde dieser Anordnung nicht nachkommen, nachdem Guaidó die Beziehungen aufrechterhalten habe.

          Mit den Sanktionen wurden laut Bolton venezolanische Vermögenswerte in Höhe von 7 Milliarden Dollar blockiert.  Maduro verurteilte das Einfrieren des Guthabens als „Überfall“ und wies PDVSA-Präsident Manuel Quevedo an, vor amerikanischen und internationalen Gerichten gegen die Sanktionen vorzugehen. De Sousa hält die amerikanische Strategie dennoch für riskant, glaubt aber dass die Chancen überwiegen.

          Wie geht es weiter?

          Die Frage ist auch, wie sich Venezuela weiter entwickeln wird, wenn tatsächlich die Regierung Maduro abtreten muss. Das Militär als wesentliche Stütze des Regimes wird kaum bereit sein, auf seine Privilegien und seinen Einfluss zu verzichten. Juan Guiado gilt als Ziehkind des inhaftierten Leonardo Lopez und dessen Partei Voluntad Popular, die sich sozialdemokratisch geriert. Das ist insofern eine Chance als hinter dem Bolivarismus des Chavez-Maduro-Regimes ein handfester sozialer Gegensatz steckt. Andererseits gehörte Lopez früher zur rechtsliberalen Primeo Justicia. Insgesamt handelt es sich hier um eine bürgerliche Intelligenzia. Das Oppositionsbündnis Mesa de la Unidad Democrática besteht aus 16 Parteien, deren Spektrum von links bis Mitte-rechts reicht.

          Die Frage ist also, wie stabil Venezuela nach Maduro werden kann und welche Rolle das Militär spielen wird. Für die Anleihegläubiger sind die Aussichten gut, das zumindest kurzfristig eine neue Regierung alles tun wird, Stabilität zu erreichen und sich nicht durch Zahlungsausfälle ins Abseits zu manövrieren – allzumal Venezuela die Ressourcen hat, um solvent zu sein. Die Frage ist nur, wie rasch und wie gut auch die Seilschaften eines alten Regimes beseitigt werden können, und zwar ohne dass sie durch neue Seilschaften und neue Instabilitäten ersetzt werden.

          De Sousa schätzt, dass Investoren selbst im Falle einer Umschuldung noch 50 Cents für den Dollar erhalten können. Sollte sich allerdings Maduro durchsetzen, könnten es nur 20 Cents sein. Den Ölpreis könnte ein Regimewechsel in Venezuela durchaus drücken, sollte dieser dazu führen, dass die Ölproduktion tatsächlich steigt.

          Deswegen ist auch kaum verwunderlich, dass der Ölpreis auf die Krise mit einem Plus von einem Prozent eher wenig reagiert. Die Situation in Venezuela sei in gewissem Umfang eingepreist, sagte Sungchil Will Yun, Rohstoffanalyst bei HI Investment der Nachrichtenagentur Bloomberg. Maßgeblicher seien die Sorgen um die Entwicklung der Nachfrage.

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