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500 Millionen Euro Schaden : Schlag gegen Betrug auf Trading-Plattformen

Ausländische Handelsplattformen haben Anleger getäuscht. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sind allein in Deutschland Zehntausende Kunden betroffen. Bild: dpa

Deutsche Staatsanwälte lassen Büros auf Zypern, in Bulgarien und der Ukraine durchsuchen. Der Verdacht eines gigantischen Anlagebetrugs steht im Raum – der jährliche Schaden in Europa soll 500 Millionen Euro betragen.

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          In der Niedrigzinsphase nutzten organisierte Banden den Druck vieler Privatanleger und deren Leichtgläubigkeit schonungslos aus. Mit Phishing-Mails, Versprechungen in sozialen Netzwerken wie Facebook und mit vermeintlichen Werbefilmen warben sie zunächst um die Aufmerksamkeit und dann das Geld der Verbraucher. Die fielen auf vertrauenswürdige Aussagen von Prominenten wie Günter Jauch oder den Juroren der bekannten Fernsehshow „Höhle der Löwen“ rein, die überhaupt nichts mit den dubiosen Plattformanbietern wie „Fx-Leader“ zu tun hatten.

          Marcus Jung
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch hinter jedem noch so kleinen Investment, die übliche Einstiegssumme betrug 250 Euro, für die hochriskanten Finanztransaktionen stand der Totalausfall. Die angeblichen Gewinne hat es nie gegeben, sind sich Ermittler aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern sicher. Den jährlichen Gesamtschaden schätzt die Kriminalpolizei auf bis zu 500 Millionen Euro.

          Internationaler Zugriff

          Am Montag gaben Spezialisten für Wirtschaftskriminalität und Cybercrime aus beiden Bundesländern und die Staatsanwaltschaften aus Göttingen und Rostock gemeinsam einen erfolgreichen Schlag gegen einen internationalen Ring von Online-Anlagebetrügern bekannt. Mit Unterstützung von Europol, Eurojust und ausländischer Spezialkräfte wurden vergangene Woche Gewerbe- und Privaträume auf Zypern, in der Ukraine, Bulgarien und in den Niederlanden durchsucht. Gegen verschiedene Geschäftsführer von Online-Tradingplattformen, Buchhalter und Mitarbeiter von Callcentern wird wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs ermittelt. Der bekannteste Name der „bis zu 170 betroffenen Plattformen“ ist „Fx-Leader“. Über den Onlineanbieter für hochriskante Finanzwetten finden sich im Internet zahlreiche Beschwerden wegen angeblichen Betrugs.

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          Selbst die erfahrenen Ermittler aus Braunschweig und Rostock sind von der Dimension des Falls überrascht. Von „Zehntausenden Opfern“ des Kapitalanlagebetrugs spricht Mario Krause, Leiter des Fachkommissariats Cybercrime in Niedersachsen, auf einer Pressekonferenz. „Sie haben vermutlich Hunderte Millionen verloren.“ Nach fast zwei Jahren Ermittlungen gehen die Strafverfolger davon aus, dass die Beschuldigten über mehrere Internetplattformen leichtgläubigen Privatanlegern Geschäfte im Bereich der sogenannten Differenzkontakte angeboten haben.

          Kunden konnten zunächst kleinere Beträge für diese Wetten einsetzen, die wiederum durch hohe Ausfallrisiken gekennzeichnet sind. Laut Stand der Ermittlungen simulierte eine Software aber angebliche Gewinne. Befeuert durch Berater in den Callcentern setzten die Verbraucher schnell fünf- oder sechsstellige Beträge ein. Wer seinen Gewinn ausbezahlt haben wollte, wurde vertröstet - und seine Glückssträhne endete abrupt.

          Schaden in Deutschland bei 15 Millionen Euro

          Allein in Deutschland konnte zum jetzigen Zeitpunkt ein Vermögensschaden von 15 Millionen Euro nachgewiesen werden, heißt es bei der Pressekonferenz in Braunschweig. Ermittler aus Rostock gehen nach konservativen Schätzungen von mindestens 500 Millionen Euro Gesamtschaden im Jahr für ganz Europa aus. Bei den Plattformen handele es sich um Stellen für reine „Geldabgabe“, warnt Oberstaatsanwalt Harald Nowack aus Rostock. Viel Hoffnung macht er deutschen Anlegern des groß angelegten Schwindels nicht. „Alles, was sie angelegt haben, ist weg.“

          Sein Kollege Martin Recha, zuständiger Staatsanwalt in Göttingen, ergänzt, dass die mutmaßlichen Hintermänner und deren Unternehmen auf Zypern sitzen. Dort konnten die Beamten einen europäischen Haftbefehl gegen einen Beschuldigten vollstrecken, der mittlerweile gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen worden ist. Er soll für die Verteilung der Anlegergelder und die Organisation der Geldflüsse verantwortlich gewesen sein. Die deutschen Behörden haben einen Auslieferungsantrag gestellt. Die zypriotischen Behörden haben Konten der Plattformbetreiber eingefroren. Dennoch sieht Recha kaum Chancen, überhaupt Kapital zurückzuholen. Das Geld sei unmittelbar nach der Einzahlung auf andere weltweite Konten transferiert worden. Oft habe zeitnah ein Umtausch in eine Kryptowährung stattgefunden, „da eine Spur zu verfolgen, ist fast unmöglich.“ Eine Frage, wie viel Geld auf den Konten in Zypern vorhanden ist, kann Recha nicht beantworten.

          Die Ermittler nahmen ihre Arbeit auf, nachdem Anleger in Göttingen und Rostock Strafanzeigen gegen die Betreiber der Trading-Plattformen gestellt hatten. Im Fall aus Niedersachsen soll der Kunde erst stutzig geworden sein, nachdem er schon 250.000 Euro auf der Plattform eingezahlt hatte, berichten die Kriminalbeamten. In einer frühen Phase der Ermittlungen gab das Fachkommisariat Cybercrime aus Braunschweig Hinweise an die Bafin weiter. Da die Finanzaufsicht aber keine eigenen Ermittlungsbefugnisse wie die Polizei hat, blieb ihr das Mittel der Untersagung von Geschäften. So untersagte die Bafin im Jahr 2020 gleich mehreren Anbietern den Handel mit hochriskanten Finanzinstrumenten wie Differenzkontrakten (Contracts for Difference, kurz CFD) für den deutschen Markt. Neben Capital Letter, SwisCapital, SCK Securities und Qoin Capital findet sich dort auch die aktuell im Fokus stehende „Fx-Leader“.

          Finanzaufsicht warnt seit Jahren

          Schon Ende 2018 habe man gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt und den Landeskriminalämtern Verbraucher vor den Gefahren von unlizenzierten Handelsplattformen gewarnt, sagt eine Bafin-Sprecherin der F.A.Z. auf Nachfrage. Verbraucher investierten dabei angeblich in finanzielle Differenzkontrakte und binäre Optionen auf Rohstoffe, Aktien, Indizes, Währungen („Forex“) oder Kryptowährungen. „Fakt ist: Die eingezahlten Gelder werden in Wahrheit nie einer Kapitalanlage zugeführt. Die komplette Handelsplattform einschließlich des vermeintlichen Kundenkontos ist ein Fake“, sagt die Bafin-Sprecherin. Als Finanzaufsicht gehe man entschlossen gegen solche Handelsplattformen vor.

          Derweil richtet Oberstaatsanwalt Nowack in Braunschweig zum Ende der Pressekonferenz einen Appell an deutsche Verbraucher, insbesondere Kunden von Trading-Plattformen im Internet. In der aktuellen Niedrigzinsphase sollten sich alle Privatanleger genau überlegen, wo sie ihr Vermögen hinbringen. „Informieren Sie sich bitte so gut es gut, bevor Sie Ihr Geld im Internet einem Unbekannten anvertrauen!“

          Wer Opfer des Betrugsfalls ist oder sich unsicher ist, kann sich unter https://www.polizei-praevention.de/ informieren. 

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