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Sprung aufs Parkett : Börsenpläne werden einspurig

Zielort Börse: Oft verhandeln Eigentümer von Unternehmen aber parallel über einen Verkauf Bild: dpa

Ein Unternehmen kündigt den Börsengang an? Skepsis ist angebracht: Oft verhandelt der Eigner parallel über einen Verkauf. Momentan aber sind die Zwei-Spur-Verfahren seltener.

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          Wenn Unternehmen einen Börsengang anstreben, meinen die Eigentümer das jetzt ernster als früher: Sie verfolgen weniger intensiv den Plan B eines Direktverkaufs. Das beobachten Fachleute der Investmentbank UBS. Zwar bleibt fast jeder Ausstieg aus einem Unternehmen grundsätzlich ein zweispuriges Verfahren: Denn wenn ein Interessent ungewöhnlich viel mit einer direkten Offerte bietet, werden Eigentümer das in der Regel schon aus Treuhandpflicht gegenüber Investoren prüfen müssen – ob sie nun Private-Equity-Eigentümer sind oder börsennotierte Unternehmen.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber sie verfolgen inzwischen weniger dezidiert „Dual-Track-Verfahren“, also die parallele Vorbereitung auf zwei Spuren: von Direktverkauf an Interessenten (Mergers&Acquisitoins, M&A) und Börsengang (Initial Public Offering, IPO). Die anhaltende Kapitalmarkhausse und die vielen Sprünge aufs Parkett in jüngster Zeit motivieren dazu, sich auf den IPO zu konzentrieren, wenn man sich erst einmal für ihn entschieden hat.

          „Per Definition ist jeder IPO-Prozess ein Dual-Track-Prozess. Und selbstverständlich wird sich jeder Private-Equity-Eigentümer – auch wenn er auf einen IPO fokussiert ist – immer eine M&A-Alternative anschauen, in dem er hundert Prozent verkaufen kann“, sagt Philip von Malsen-Plessen zwar, der für UBS das Übernahme- und Kapitalmarktgeschäft in Deutschland leitet. Die Möglichkeit, vollständig zu verkaufen, ist ein allgemeiner Vorteil der Direktvariante gegenüber dem Börsengang, über den ein Eigner zunächst nur einen Teil abgibt. „Dennoch sehen wir in der jüngsten Vergangenheit: Getrieben durch die Marktentwicklung auf der IPO-Seite, ist sicherlich der Fokus auf IPO-Exits deutlich gestiegen“, so von Malsen-Plessen. Die Marktbewertung der Vergleichsunternehmen sei praktisch in allen Sektoren deutlich gestiegen – was einen Ausstieg per Börsengang attraktiver mache.

          Börsenpläne mit einem Korn Salz nehmen

          Zu anderen Zeiten sind IPO-Ankündigungen mit einem großen Korn Salz zu nehmen – selbst wenn Unternehmen öfters beteuern, dass sie eine Sparte wirklich aufs Parkett bringen wollen. Im vergangenen Jahr wurde das am Beispiel der Siemens-Antriebseinheit Flender besonders deutlich. Der Münchener Dax-Konzern hatte sie ausdrücklich für eine Abspaltung per Börsengang vorgesehen – und einen Direktverkauf nur als rechtlich zu prüfende Option im Fall sehr guter Offerten dargestellt. Eine kleinere Zahl Interessenten, die sehr konkretes Interesse bekundeten, bekamen dann aber Verkaufsdokumente zugeschickt: dem Vernehmen nach durchweg Private-Equity-Gesellschaften.

          Selbst als die erste Bieterrunde schon lief, bekräftigte ein Konzernsprecher auf Anfrage, geplant sei ein Börsengang per Abspaltung. Einen Monat später gab Siemens das Geschäft für 2 Milliarden Euro an die Beteiligungsgesellschaft Carlyle ab. Manchmal schützen Konzerne von vornherein Börsenpläne vor, während sie in Wahrheit einen Verkauf anstreben – der Gang an die Börse ist dann nur die Hintertür oder die Kulisse, um den Preis zu treiben. In anderen Fällen legen sie das Verfahren von vornherein explizit ergebnisoffen aus, wie vor drei Jahren im Fall des Wohnmobilherstellers Hymer, der am Ende mehrheitlich an einen amerikanischen Wettbewerber ging.

          „Wenn schon Börsengang, dann mit Speed“

          Während im vergangenen Jahr die Stimmung für Börsengänge noch verhalten war, folgt jetzt in Frankfurt ein IPO dem nächsten. Der Markt sei positiv, sagt Armin Heuberger, der für UBS das Kapitalmarktgeschäft Deutschland und Österreich leitet. Er verweist auf die schnelle Erholung an den Aktienmärkten nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie und auf die Niedrigst- bis Nullzinspolitik der Zentralbanken. Auch er befindet, dass Unternehmenseigner inzwischen weniger auf Zwei-Spur-Verfahren setzen. „Ich sehe das nicht mehr so wie früher – vor einigen Jahren noch –, wo Dual Track wirklich bis zum letzten Moment ausgereizt wurde.“ Zu Beginn müsse sich ein Eigner zwar immer beide Exit-Optionen anschauen, aber: „Ich denke schon, dass man sich im Vorfeld die Karten legt und dann sagt: ,Wir wählen M&A‘ oder ,Wir gehen auf IPO und dann voll Speed auf IPO.‘“

          Im Börsengangs-Geschehen haben in den vergangenen Monaten leere Börsenmäntel eine Renaissance erlebt: Spacs („Special Purpose Acquisition Companies“), die an der Börse zunächst Kapital einsammeln, um anschließend auf die Suche nach einer Unternehmensakquisition zu gehen. Das Zielunternehmen wird im Anschluss mit der Hülle verschmolzen und schließlich über den Spac an die Börse gebracht. Sie sind vor allem in Amerika beliebt, häufen sich aber inzwischen auch in Europa. „Wir sehen die Niederlande und Deutschland als Vorreiter, was die Listings für die europäischen Spacs angeht“, sagt Heuberger. Für die Zahl in Europa in diesem Jahr sieht er einen „Korridor von 30 bis 60“ und in Frankfurt „zehn bis zwanzig“. Bei der Investmentbank Citi sagt deren Leiter des deutschen Investmentbankings, Sven Baumann, es würde ihn nicht wundern, wenn Frankfurt in diesem Jahr noch bei bis zu zehn lande.

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