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Krisensignal : Die Nervosität an den Börsen steigt

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Das Krisensignal des amerikanischen Bondmarktes erfasst auch Europa Bild: dpa

Weil Investoren sich vor einer Rezession fürchten, wirken schlechte Nachrichten von Unternehmen wie ein Brandbeschleuniger. Die Aktie des Kohlefaserspezialisten SGL Carbon brach daher um 30 Prozent ein.

          Die Nervosität an den Börsen ist so groß, dass schlechte Nachrichten für tiefe Einbrüche der Aktienkurse der betroffenen Unternehmen sorgen. Jüngstes Beispiel ist der Kohlefaserspezialist SGL Carbon: Nach einer Gewinnwarnung und dem Rücktritt des Vorstandschefs ist der Aktienkurs am Donnerstag um fast ein Drittel eingebrochen. Mit 3,714 Euro rutschten die Papiere unter ihr bisheriges Rekordtief aus dem Jahr 2002 und notieren erstmals überhaupt unter 4 Euro. Im SDax sind sie in diesem Jahr unter den größten Verlierern mit einem Abschlag von fast 40 Prozent.

          Besonders verunsichert waren Investoren, weil Vorstandschef Jürgen Köhler erst vor wenigen Tagen die Ziele für 2019 bestätigt hatte. Anleger wurden daher an diesem Donnerstag von der Gewinnwarnung vom Vorabend auf dem falschen Fuß erwischt, reagierten entsprechend entsetzt und sprachen von Vertrauensverlust. Die Wiesbadener senkten nicht nur die Prognose für das laufende Jahr, sondern kassierten auch gleich den Ausblick für 2020 bis 2022 komplett ein.

          Analyst Christian Obst von der Baader Bank schrieb in einer am Donnerstag vorliegenden Studie, die Hiobsbotschaften von SGL könnten bedeuten, dass die komplette Zukunft des Unternehmens, zumindest die derzeitige Struktur, überarbeitet werden wird.

          Auch die Aktien des Mobilfunkkonzerns 1&1 Drillisch sowie der Muttergesellschaft United Internet brachen um fast 14 beziehungsweise 8,6 Prozent ein. Die beiden Firmen senkten wegen der hohen Kosten für den Aufbau eines 5G-Netzes ihre Prognosen für das Gesamtjahr. Dass der Kurseinbruch der drei Unternehmen so heftig ausfiel, dürfte über die individuellen Probleme hinaus auch an der insgesamt steigenden Nervosität gelegen haben. So verschreckt die von den amerikanischen Börsen am Mittwoch ausgehende Angst vor einer Rezession auch den europäischen Markt.

          DAX ®

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          Dax und EuroStoxx50 gaben am Donnerstagvormittag 0,7 und 0,5 Prozent auf 11.4316 beziehungsweise 3272 Zähler nach. „Das ständige und willkürlich anmutende Hin und Her beim Handelsstreit zwischen den USA und China, die Regierungskrise in Italien, das Brexit-Chaos, die Proteste in Hongkong: Zu viele Problemfelder belasten momentan die Stimmung der Investoren“, sagte Thomas Metzger, Chef der Vermögensverwaltung beim Bankhaus Bauer.

          Für Unsicherheit sorgte weiterhin die inverse Zinskurve amerikanischer Staatsanleihen. Am dortigen Markt liegt die Rendite der zweijährigen Papiere unter der der zehnjährigen Anleihen. Das gilt als Rezessionssignal: In den Renditen spiegelt sich wider, dass die Investoren die kurzfristigen Risiken für die Wirtschaft höher einschätzen als die langfristigen.

          Einige Analysten warnten davor, nun in Panik zu geraten, weil der Vorlauf dieses Signals mehr als ein Jahr betragen könne, sagte David Iusow, Analyst beim Brokerhaus DailyFX. „Doch der Markt hat in der Regel recht. Die Anzeichen eines globalen Wirtschaftsabschwungs sind nicht nur am US-Anleihemarkt zu erkennen, sondern kommen nun dort an, wo andere Signale bereits sind.“ So signalisiere der Goldpreis ebenfalls, dass die Flucht in sichere Häfen längst begonnen habe. Mit 1519,26 Dollar kostete eine Feinunze des Edelmetalls 0,2 Prozent mehr als am Vortag. Seit Jahresanfang ist der Preis aber um fast ein Fünftel gestiegen.

          Investoren hoffen nun auf ein Einschreiten der amerikanischen Notenbank. „Die Fed muss aus schierer Notwendigkeit ihre Geldpolitik deutlich stärker anpassen als sie es erwartet hat“, sagte Stephen Innes, Partner beim Analysehaus Valour Markets. Anleger gehen nun davon aus, dass die Federal Reserve bei jedem ihrer drei folgenden Zinsentscheide in diesem Jahr den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte nach unten schrauben wird.

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