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Angst vor Resistenz : Deutsche nehmen weniger Antibiotika

Kinderärztin untersucht einjähriges Mädchen Bild: dpa

Besonders für Babys verschreiben Ärzte immer seltener Bakterienkiller. Ein sparsamer Einsatz soll dafür sorgen, dass die Lebensretter ihre Wirksamkeit behalten. Doch die politisch verordnete Bremse macht sich je nach Region unterschiedlich bemerkbar.

          Antibiotika sind eine wundervolle Sache. Seit fast 70 Jahren, als das Penicillin seinen Siegeszug um die Welt begann, werden diese Bakterien tötenden oder ihre Ausbreitung blockierenden antibiotischen Mittel in der Medizin eingesetzt. Doch es gibt ein Problem: Auch weil Antibiotika sehr oft etwa bei Erkältungskrankheiten verschrieben werden, bilden viele Menschen gegen die hilfreichen Präparate Resistenzen. Schlimmstenfalls wird die Arznei damit bei einer bedrohlichen Infektionskrankheit wirkungslos.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die Bundesregierung hat deswegen eine eigene Antibiotikastrategie entwickelt. Dazu gehört, weniger Antibiotika in der Tiermast einzusetzen, Forschung und Entwicklung sogenannter „Reserve-Antibiotika“ für die ganz schlimmen Fälle voranzutreiben – vor allem aber, auf die Ärzte einzuwirken beim Verschreiben von Antibiotika genauer hinzuschauen. Sie tut das offenbar mit Erfolg.

          Das legen neue Zahlen der Kassenärzte nahe. Demnach ist die Verordnung von antibiotischen Wirkstoffen in den vergangenen Jahren um ein Fünftel zurückgegangen. „Wurden im Jahre 2010 noch 562 Verordnungen pro 1000 Versicherte ausgestellt, waren es 2018 nur noch 446“, stellt das Zentralinstitut der kassenärztlichen Versorgung in einem neuen Bericht fest. Der Rückgang lässt sich in allen Altersgruppen feststellen, am stärksten war er bei Säuglingen – hier hat sich die Zahl der Verschreibungen fast halbiert.

          Tiefgreifender Wandel

          Das ist deshalb relevant, weil Kinder und Jugendliche in Deutschland, im Gegensatz zu den Älteren, mehr Antibiotika verschrieben wurde, als im europäischen Schnitt. Das hat sich nun geändert. „Der starke Rückgang des Antibiotikagebrauchs im gesamten Alterssegment der 0- bis 14-Jährigen markiert einen tiefgreifenden Wandel in der pädiatrischen Versorgung“, sagt Forscher Jörg Bätzing.

          Dominik von Stillfried, der Geschäftsführer des Instituts zieht aus den Daten vor allem zwei Schlüsse: Die kontinuierlich sinkenden Verordnungszahlen zeigten deutlich, dass die Vertragsärzte „einen wesentlichen Beitrag zur Antibiotika-Resistenzstrategie der Bundesregierung leisteten“. Aber er weiß auch, „dass der Antibiotikaeinsatz in der Humanmedizin noch weiter optimiert werden kann.“

          Die Untersuchung basiert laut dem Institut der Kassenärzte auf einer detaillierten Untersuchung der Verordnungshäufigkeit von Antibiotika für gesetzlich Versicherte, also 90 Prozent der Bevölkerung, in den Jahren 2010 bis 2018. Unterschieden wird nach Alters- und Wirkstoffgruppen sowie den 17 Bezirken der jeweils zuständigen Kassenärztlichen Vereinigungen. Dabei zeigen sich, wie bei anderen Verordnungen auch, deutliche regionale Unterschiede.

          Der Antibiotikagebrauch sei in fast allen Bundesländern „relevant“ gesunken. Seit 2014, im Vorjahr hatte es wohl wegen einer Influenza-Welle noch einmal einen Anstieg gegeben, könne man trotz einer hohen Zahl von Infektionskrankheiten keinen Zusammenhang mehr zwischen der Häufigkeit der Erkrankungen und der Verordnungsrate der Antibiotika belegen, schreiben die Forscher. Als Erklärung für die Entkopplung von Verordnungen und Influenzazahlen nennen sie „eine Zurückhaltung bei der Verordnung von Antibiotika für virale Infektionen“.

          Mit Ausnahme von Bremen sei in allen KV-Bezirken ein deutlich rückläufiger Verbrauchstrend zu beobachten. Die meisten Antibiotika würden im Saarland verschrieben, 572 Verordnungen pro 1000 Versicherte. Der Wert lag damit 1,8 Mal höher als in Sachsen, dem Land mit dem niedrigsten Verbrauch mit 317 Verschreibungen auf 1000 Versicherte.

          Regional zeige sich im Westen ein „Hochverbrauchscluster“, das sich von Norden nach Süden über Niedersachsen, Nordrhein, Westfalen-Lippe, Hessen über Rheinland-Pfalz bis zum Saarland erstrecke. Niedrige Verordnungszahlen seien dagegen in Süd- und Ostdeutschland, vor allem in Brandenburg, Berlin, Thüringen und Sachsen beobachtet worden.

          Regionale Krankheiten

          Als Grund für die starken Unterschiede werden nicht spezifisch regionale Krankheitsbilder genannt, sondern das Verschreibungsverhalten der Ärzte. „Die Sensibilisierung von Ärzten und Patienten für das Thema Antibiotika und ihre Bedeutung für die Resistenzentstehung als auch die Stärkung der ärztlichen Fähigkeit in der Arzt-Patienten-Kommunikation bilden wichtige Ansatzpunkte für die Förderung sachgerechter Verordnungsmuster“, schreiben die Experten. In acht Vereinigungen der Kassenärzte, darunter im Saarland, läuft derzeit ein spezielles Modellprojekt zur „Resistenzvermeidung durch adäquaten Antibiotikaeinsatz bei akuten Atemwegsinfekten“.

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