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Stimmung an der Börse : An der Wall Street liegen die Nerven blank

Besorgte Blicke: Gerade dominieren unter Anlegern die Sorgen. Bild: AFP

Selbst stark steigende Unternehmensgewinne führen zu Kursverlusten – mäßige Bilanzen strafen die Anleger stark ab: Wie schlimm steht es um die Börse?

          An der Wall Street liegen die Nerven blank. Nach einer Woche mit überdurchschnittlichen Kursschwankungen sorgten am Freitag enttäuschende Quartalszahlen von zwei der bedeutendsten amerikanischen Technologiekonzerne für schlechte Stimmung. Der Online-Einzelhändler Amazon und der Internetkonzern Alphabet, die Muttergesellschaft von Google, hatten am Donnerstag nach Börsenschluss zwar besser als erwartete Gewinne ausgewiesen. Die Umsätze lagen allerdings leicht unter den Prognosen der Analysten.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Gerald Braunberger

          Die Aktienkurse der beiden Unternehmen gerieten daraufhin im nachbörslichen Handel umgehend unter Druck, obgleich mehrere Kaufempfehlungen von Analysten rasch folgten. An diesem Freitag notierten die Kurse von Amazon und Alphabet im frühen Handel der elektronischen Börse Nasdaq mit Abschlägen von 7 beziehungsweise 4 Prozent. Der Composite-Index der Nasdaq fiel um 3 Prozent. Das breiter gefasste amerikanische Aktienmarktbarometer S&P 500 gab um 1,5 Prozent nach. Auch an den europäischen Börsen einschließlich Frankfurt war die Stimmung schwach; die meisten Aktien verzeichneten deutliche Kursverluste.

          Den Quartalszahlen von Amazon und Alphabet wurde an der Wall Street diesmal eine besonders hohe Bedeutung zuteil, weil Anleger immer mehr in Frage stellen, ob die unterstellten Wachstumsaussichten der Unternehmen deren hohe Bewertung rechtfertigen. Das hat Konsequenzen für den allgemeinen Trend der Börse, weil die großen Technologiewerte, darunter auch Apple und Microsoft, in den vergangenen Jahren die größte Triebfeder der amerikanischen Aktienmärkte waren.

          „Ein wilder Ritt“

          Technologiewerte, die zumeist an der Nasdaq notiert sind, haben gemessen an ihrem Börsenwert das größte Gewicht im breit gefassten Aktienindex S&P 500. Apple war zudem das erste Unternehmen, dessen Börsenwert in diesem Jahr die Marke von 1 Billion Dollar übersprang. Amazon, vor Microsoft und Google die Nummer zwei auf der Liste der größten Börsenschwergewichte, war zeitweilig auch in die Billionen-Sphäre vorgedrungen. Nach den jüngsten Verlusten ist der Börsenwert von Amazon allerdings wieder auf zuletzt rund 870 Milliarden Dollar geschrumpft.

          „Technologiewerte waren über das vergangene Jahr die großen Helden in der Bilanzsaison, aber die Stimmung im Markt hat sich insgesamt verändert“, sagte JJ Kinahan, der die Marktstrategie des Online-Wertpapierhauses TD Ameritrade verantwortet. „Wir setzen unsere Erwartungen zurück und finden, dass diese Bewertungen ein wenig hoch sind“, sagte Kinahan. Die nervöse Stimmung unter Börsianern machte der Marktstratege an der hohen Kursvolatilität insbesondere an der Nasdaq fest. Der Nasdaq-Composite ist im Oktober bereits an sechs Tagen um jeweils mindestens 2 Prozent geschwankt. Erst am Donnerstag hatte das Tech-Barometer die Börsensitzung mit einem Plus von 3 Prozent beendet, weil unter anderem der Softwarehersteller Microsoft mit seinen Quartalszahlen überzeugt hatte. Nur einen Tag vorher, am Mittwoch, war der Nasdaq-Composite jedoch um mehr als 4 Prozent abgesackt – der schwächste Tag für Technologieaktien seit 2011.

          „Es war ein wilder Ritt in dieser Woche“, sagte Paul Brigandi, Chefhändler beim Wertpapierhaus Direxion nach der kräftige Erholung vom Donnerstag. Für Brigandi sind allerdings anhaltend positive Quartalsergebnisse eine Voraussetzung für weiter steigende Kurse – eine Hoffnung, die Amazon und Alphabet zunächst aber enttäuscht haben. Die verbleibende Hoffnung ruht jetzt auf dem iPhone-Hersteller Apple, der seine Quartalszahlen am kommenden Donnerstag nach Börsenschluss veröffentlichen wird.

          „Der Markt bestraft gerade ziemlich stark“

          Die vierteljährliche Bilanzsaison spielt eine wichtige Rolle für Anleger, weil die Gewinnentwicklung der Konzerne langfristig den Trend der Aktienkurse bestimmt. Die Gewinne der im S&P 500 abgebildeten Gesellschaften sind weiterhin robust, aber nach zwei Quartalen mit starkem, von Steuersenkungen beflügeltem Gewinnwachstum, rechnen Analysten für das dritte Quartal mit einer leichten Abschwächung des Wachstums.

          Die Aktienfachleute an der Wall Street kalkulieren nach Angaben des Informationsdienstes Factset für die S&P-500-Konzerne aktuell mit einem Wachstum der Gewinne um 19,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Überdurchschnittlich viele Unternehmen übertreffen die Prognosen, aber die Überraschungen fallen kleiner aus als üblich“, schreibt Factset-Analyst John Butters in einem aktuellen Marktkommentar. Zudem reagierten die Aktienkurse selbst in Fällen, in denen Unternehmen die Prognosen der Analysten übertroffen haben, ungewöhnlich negativ. „Der Markt bestraft sowohl positive als auch negative Überraschungen überdurchschnittlich stark“, beobachtet Butters.

          In der Regel liegen die Quartalsergebnisse am Ende der Bilanzsaison aber über den Prognosen. Butters hält es für wahrscheinlich, dass das Gewinnwachstum im dritten Quartal über 20 Prozent steigen wird. Im ersten und im zweiten Quartal dieses Jahres waren die Gewinne der großen amerikanischen Konzerne um jeweils 25 Prozent gestiegen.

          Die Anleger wappnen sich

          Neben den Quartalszahlen machen den Börsianern eine Reihe weiterer Unwägbarkeiten Sorgen. So hat der Dollar in diesem Jahr gegenüber vielen anderen Währungen aufgewertet, was die Exporte amerikanischer Aktiengesellschaften belastet und deren im Ausland erwirtschaftete Erträge schmälert.

          Zudem verunsichern Aktienanleger die auf mehr als 3 Prozent gestiegenen Renditen für amerikanische Staatsanleihen. Das macht sichere Anleihen im Vergleich zu Risikopapieren wie Aktien attraktiver. Außerdem verteuert sich mit einem steigenden Zinsniveau die Finanzierung von Unternehmen über Kredite oder Anleihen. Dazu kommen sich Börsianer auch wegen der unwägbaren Konsequenzen des Handelsstreits zwischen den Vereinigten Staaten und China, der angesichts der damit einhergehenden Strafzölle möglicherweise das Wachstum der globalen Wirtschaft bremsen könnte.

          Die Anleger wappnen sich daher vor weiter schwankenden Kursen. Die beste Kursentwicklung an der Wall Street weisen in diesem Monat Versorger auf, Titel, die wegen ihrer hohen Dividenden als Zufluchtsort in unsicheren Zeiten gelten. Andere Anleger ziehen sich zurück. So verzeichnen viele Fondsgesellschaften derzeit umfangreiche Mittelabflüsse, weil Anleger Anteile verkaufen. Und weil in vielen Fonds, und besonders in börsengehandelten Indexfonds, viele große Technologiewerte enthalten sind, geraten diese Aktien besonders stark unter Druck. In der Folge werden dann kleinere Unternehmen von der Baisse voll erfasst. Ein Beispiel ist der deutsche Chiphersteller Siltronic, der über mehrere Jahre zu den Lieblingen von Fondsmanagern zählte, die sich auf kleine und mittlere Werte spezialisieren. Auch der Kurs von Siltronic befindet sich deutlich unter Druck.

          Mit der Rolle börsengehandelter Indexfonds in Krisen befasst sich auch die Deutsche Bundesbank in einem Aufsatz in ihrem neuen Monatsbericht. Insgesamt kommt die Bundesbank zwar zu dem Ergebnis, dass derzeit die von den Indexfonds ausgehenden Risiken für die Stabilität gering seien. Dies führt die Bundesbank vor allem auf das im Vergleich zu allen Fonds noch geringe Gewicht der Indexfonds zurück.

          Einige Zahlen mögen dies verdeutlichen. Zur Jahresmitte belief sich das ausstehender Vermögen aller Investmentfonds in der Welt in der Welt auf 37,1 Billionen Dollar, von denen 5,1 Billionen Dollar, also lediglich 13,7 Prozent, auf Indexfonds entfielen. Aber die Zuwachsraten der Indexfonds sind erheblich, wie die Bundesbank schreibt: „So vereinigten Indexfonds noch Anfang 2009 lediglich 700 Milliarden Dollar (5,4 Prozent) am ausstehenden Vermögen aller Investmentfonds auf sich. Seitdem hat sich ihr Anteil an allen Fondsprodukten deutlich erhöht, was auf in den vergangenen Jahren deutlich höhere Wachstumsraten bei Indexfonds zurückgeht.“

          Und mit ihrer wachsenden Bedeutung sind die Indexfonds nicht mehr irrelevant mit Blick auf die Finanzstabilität. „Die Analyse verschiedener Flash Crashs deutet jedoch darauf hin, dass Potentiale zur kurzfristigen Verstärkung von Phasen ausgeprägter Anspannungen an den Finanzmärkten bestehen“, analysiert die Bundesbank, die auch auf die Möglichkeit knapper Liquidität in Stressphasen an den Finanzmärkten hinweist. Als Remedur empfiehlt sie: „Bei einem Anstieg der Kursschwankungen in Stressphasen scheinen Handelsunterbrechungen einen Beitrag zur Marktstabilisierung leisten zu können.“ Über Einschränkungen der Möglichkeit, jederzeit handeln zu können, würden sich allerdings nicht alle Marktteilnehmer freuen.

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