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Das nächste Gamestop? : Aktienkurs von AMTD Digital durchbricht Schallmauer

Rasanter Kursanstieg: Erinnerungen an Gamestop werden wach. Bild: Reuters

Von 7,80 auf 2550 Dollar innerhalb weniger Wochen: Das Hongkonger Unternehmen bezeugt seine Unwissenheit. Auch in den anfänglich verdächtigten sozialen Medien findet sich nur Ratlosigkeit über den kometenhaften Aufstieg.

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          „Wir sind uns keiner wesentlich veränderter Umstände, Vorkommnisse oder anderer Angelegenheiten bezüglich unseres Geschäfts be­wusst, die sich seit dem Börsengang zu­getragen haben“, heißt es in einer Pressemitteilung von AMTD Digital vom 2. Au­gust. Ge­sucht wird eine Rechtfertigung für die geradezu rasante Entwicklung des Börsenkurses des am 15. Juli in New York an die Börse gegangenen Softwareentwicklers aus Hongkong.

          Gregor Brunner
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am besagten Tag im Juli plazierte das Unternehmen 16 Millionen Hinterlegungsscheine an der Wall Street zu einem Preis von 7,80 Dollar. Am 2. August er­reichte der Kurs der Scheine einen vorläufigen Höhepunkt mit 2550,30 Dollar. Das bedeutet einen Kursanstieg von 32.696 Prozent innerhalb von zwei Wochen. Am selben Tag brachte es das Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 386,7 Milliarden Dollar auf Rang 13 der wertvollsten Unternehmen der Welt. Damit war es wertvoller als der Ölkonzern Ex­xon Mobil, die Walt Disney Corporation oder der Einzelhändler Walmart.

          KGV von 13.160

          Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der Scheine betrug 13.160. Das heißt, das Un­ternehmen brauchte mit seinem derzeitigen Gewinn je Aktie 13.160 Jahre, um den Preis einer Aktie zu „bezahlen“. Mittlerweile ist der Kurs wieder auf rund 1100 Dollar gefallen, was, gemessen am Börsengang, immer noch ein stattliches Plus ist.

          AMTD ist Hersteller von Software­lösungen, unter anderem für Finanzunternehmen und Werbezwecke. Auf seiner Webseite vermarktet es sich als Anbieter digitaler Plattformen für die genannten Branchen. Zudem unterhält AMTD einen eigenen Investmentfonds, der in Technologieunternehmen investiert. Zusammengefasst kann das Unternehmen als Fintech beschrieben werden, das Finanzdienstleistungen und Software bereitstellt.

          AMTD Digital existiert seit 2019, hat einer jüngsten Mitteilung zufolge 51 Mitarbeiter und gehört zur AMTD Idea Group. Nach anfänglich hohem Wachstum steigerte das Unternehmen seinen Umsatz nur noch um 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Wie AMTD der amerikanischen Börsenaufsicht mitteilte, steht das Unternehmen in diesem Jahr bisher auf 4 Prozent Wachstum. Angesichts des hohen KGV, welches am 3. Au­gust noch bei 5855 lag, scheinen die Fi­nanzdaten von AMTD die Kursbewegung nicht zu rechtfertigen.

          „Betrug steht also auf dem Plan“

          Ebenso kurios: Die Scheine wurden An­fang August kaum mehr gehandelt. Wurden Mitte bis Ende Juli teilweise noch über 300.000 Transaktionen täglich festgestellt, wechselten sie Anfang Au­gust noch 1000- bis 4000-mal täglich den Besitzer. Amerikanische Medien vermuteten hinter dem steilen Aufstieg der Pa­piere eine weitere koordinierte Aktion der Privatanleger in sozialen Medien wie Reddit oder Twitter. Nutzer des Reddit-Forums Wallstreetbets waren Anfang 2021 mitverantwortlich für Rekordkurszuwächse der Aktien des Videospielehändlers Gamestop.

          Wirft man einen Blick auf Wallstreetbets geben sich die Nutzer ebenso unwissend wie AMDT selbst. Verwunderungen über die Zu­schreibungen machen die Runde. „Wir waren das?! Warum war ich nicht eingeladen??“, fragt ein Nutzer aufgebracht.

          Vereinzelt sind Beiträge von Nutzern zu sehen, die während der vergangenen Wochen noch zu verhältnismäßig günstigen Preisen den Einstieg geschafft haben. Feierlaune und Reklamierungen des Er­folgs für das Forum bleiben jedoch bisher aus. Eher suchen die „Affen“, wie sich die Nutzer selbst gern nennen, ebenso nach einer Erklärung wie andere Beobachter auch. „Ich verstehe. Betrug steht also auf dem Plan“, titelt ein Nutzer und fügt dem Beitrag ein Candlestick-Chart der AMTD-Papiere mit dem kaum existenten Handelsvolumen bei.

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