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Geldpolitik : Uneinigkeit in der Fed

Dunkle Wolken verdichten sich über der amerikanischen Notenbank Fed. Bild: Reuters

Der kurzfristige Leitzins wird durch die amerikanische Notenbank so schnell nicht erhöht werden. Denn innerhalb der Fed herrscht Uneinigkeit hinsichtlich der Zukunftsprognosen. Ein Sitzungsprotokoll offenbart ein verstörendes Bild.

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          Die Wahrscheinlichkeit einer Erhöhung des kurzfristigen Leitzinses durch die amerikanische Notenbank Fed schon auf der Septembersitzung ihrer Führung hat einen weiteren Schlag erhalten. Denn das am Mittwochabend veröffentlichte Protokoll der Sitzung im Juli zeigt zwar, dass die Mehrheit der Führungsmitglieder weiterhin einen mittelfristigen Anstieg der Inflationsrate auf ihren Zielwert von 2 Prozent erwartet. Gleichzeitig aber drückten „viele“ Führungsmitglieder die Ansicht aus, dass die Inflationsrate länger unter der Marke von 2 Prozent bleiben könnte als von ihnen bisher erwartet. Zudem sehen mehrere Mitglieder ein Risiko, dass die Inflationsrate wieder sinken könnte.

          Schon seit Monaten bleibt die Inflationsrate trotz eines mittlerweile im neunten Jahr befindlichen Aufschwungs unter den Erwartungen der Notenbank und vieler Teilnehmer an den Finanzmärkten. Zuletzt betrug sie 1,7 Prozent. Angesichts der unerwartet niedrigen Teuerung hatten viele Finanzhäuser schon in den vergangenen Wochen eine Leitzinserhöhung im September für wenig wahrscheinlich erklärt, während eine Leitzinserhöhung im Dezember von jetzt noch 40 Prozent der Marktteilnehmer nach wie vor für plausibel gehalten wird.

          Und während die Projektionen der Fed für das kommende Jahr drei Leitzinserhöhungen erwarten lassen, dürfte es nach der aktuellen Mehrheitsmeinung des Marktes nur eine Zinserhöhung geben. „Diese Abweichung der Erwartungen wird sich in den kommenden Sitzungen der Fed-Führung schließen müssen“, heißt es in der Großbank BNY Mellon.

          „Ich finde das Protokoll der Sitzung im Juli verstörend“

          „Ich finde das Protokoll der Sitzung im Juli verstörend“, sagte Ward McCarthy, Ökonom in der amerikanischen Investmentbank Jefferies. „Die Fed hat kein Vertrauen in ihre Entscheidungen, und sie hat kein Vertrauen in ihre Fähigkeit, die richtigen Botschaften auszusenden.“ Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen gaben nach der Veröffentlichung des Protokolls leicht nach. Am Devisenmarkt wertete der Dollar leicht ab. Daher sind die Analysten der Investmentbank Morgan Stanley der Meinung, dass die Veröffentlichung des Sitzungsprotokolls eine gute Nachricht für Käufe von Währungen ausgewählter Schwellenländer wie die indische Rupie, den mexikanischen Peso oder den malaysischen Ringgit darstellt.

          Während die Äußerungen des Protokolls zur weiteren Zinspolitik Unsicherheit erzeugt haben, fühlen sich die Marktteilnehmer mit Blick auf eine allmähliche Reduzierung der mehr als 4 Billionen Dollar betragenden Anleihebestände der Fed auf festerem Grund. „Relativ bald“ wolle die Fed mit dem Abbau beginnen, heißt es in Washington. Dies erlaubt den Schluss, dass eine Entscheidung in den kommenden Monaten gefällt werden könnte – eventuell schon in der Sitzung in der zweiten Septemberhälfte.

          Wenige Reaktionen waren am Donnerstagnachmittag nach der Veröffentlichung des Protokolls der jüngsten Sitzung des Zentralbankrats der Europäischen Zentralbank am Anleihemarkt zu verzeichnen. Allerdings fiel am Devisenmarkt der Kurs des Euros gegenüber dem Dollar vorübergehend auf seinen niedrigsten Stand in diesem Monat, nachdem das Protokoll erstmals die kräftige Aufwertung des Euros seit dem Frühjahr thematisiert. Denn auch wenn vom Zentralbankrat zumindest ein Teil der Aufwertung der vergangenen Monaten auf eine überdurchschnittlich kräftige Erholung der Wirtschaft in der Eurozone zurückgeführt wird, wurden auch Risiken eines wirtschaftlich nicht begründeten Überschießens des Wechselkurses thematisiert. Die derzeit guten Finanzierungsbedingungen in der Eurozone dürften nicht für selbstverständlich gehalten werden, heißt es in dem Protokoll. Allerdings blieb die Wirkung auch am Devisenmarkt letztlich überschaubar. Im Verlaufe des Nachmittags machte der Euro dann wieder einen Teil seiner Verluste wett.

          EZB plant geldpolitische Wende

          In den vergangenen Tagen kursierten in Frankfurt Gerüchte, EZB-Präsident Mario Draghi werde entgegen ersten Überlegungen auf der in der kommenden Woche im amerikanischen Jackson Hole stattfindenden geldpolitischen Konferenz keine Rede halten, die Änderungen der aktuellen Geldpolitik in Aussicht stellt. Draghi habe seinen Kollegen anlässlich der Sitzung des Zentralbankrats im Juli zugesagt, er werde sich erst öffentlich äußern, wenn der Rat im Herbst über Änderungen beraten habe. Dass die EZB eine geldpolitische Wende für den kommenden Herbst plant, ist allerdings schon seit mehreren Monaten kein Geheimnis und auch unabhängig vom Inhalt der Rede Draghis in den Vereinigten Staaten.

          Nach wie vor ist am Markt die Ansicht weit verbreitet, dass die EZB entweder nach der Sitzung im September oder nach der Oktober-Sitzung eine Reduzierung ihrer monatlichen Anleihekäufe von derzeit 60 Milliarden Euro ab Jahresbeginn 2018 ankündigen wird. „Die EZB hat es nicht eilig“, heißt es in einer Analyse der Helaba: „Für den späteren Termin sprächen nicht nur die geopolitischen Unsicherheiten, sondern der dann bessere Konjunktur- und Inflationsausblick auf das kommende Jahr. Zudem könnte der neuerliche Warnschuss des Bundesverfassungsgerichts einer (zu) frühen Entscheidung in gewisser Weise entgegenstehen. So hat die EZB schon in der Vergangenheit stets den Eindruck vermeiden wollen, auf politischen Druck zu reagieren.“ Andere Marktteilnehmer hoben hervor, die EZB wolle ihre geldpolitische Wende mit großer Vorsicht einleiten.

          Andererseits ist nicht auszuschließen, dass die EZB – ohne dies jemals öffentlich zuzugeben – den September-Termin für die Ankündigung einer leichten Straffung der Geldpolitik nutzt, um kurz vor der Bundestagswahl der Bundesregierung ein kleines „Dankeschön“ für die Unterstützung in den vergangenen Jahren mitzugeben.

          „Ich bin besorgt“

          Der Vize-Vorsitzende der Fed, Stanley Fischer, warnt vor einer Lockerung der nach der Finanzkrise geschaffenen Regeln für die Banken. Als „gefährlich und extrem kurzsichtig“ bezeichnete er solche Vorhaben in einem Gespräch mit der „Financial Times“ – und bezog sich besonders auf Ansinnen der amerikanischen Regierung. „Es dauerte 80 Jahre nach 1930, um eine Finanzkrise zu bekommen, die diese Ausmaße hätte haben können“, sagte er und fügte mahnend hinzu: „Und jetzt nach zehn Jahren möchte jeder zurückkehren zum Status quo vor der Großen Finanzkrise. Und ich finde das wirklich extrem gefährlich und extrem kurzsichtig.“ Er unterstütze zwar, von kleinen Geldhäusern Regulierungsdruck zu nehmen, ganz und gar nicht aber von den großen, als systemrelevant angesehenen Banken. „Ich bin besorgt, dass das amerikanische politische System uns in eine Richtung bewegen könnte, die sehr gefährlich ist.“ ala.

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