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Währungshüter vor Zinssenkung? : „Es scheint, als beuge sich die Notenbank dem Druck Trumps“

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Da fand ihn Donald Trump noch gut: Notenbankchef Jerome Powell nach seiner Nominierung im Weißen Haus im November 2017. Bild: dpa

Nächste Woche wird die wichtigste Zentralbank der Welt erstmals seit zehn Jahren die Zinsen senken, sagen Anleger voraus. Fachleute zweifeln, dass es dafür gute Gründe gibt.

          Die amerikanische Notenbank steht nach einhelliger Auffassung erstmals seit einem Jahrzehnt wieder kurz vor einer Zinssenkung. Die Währungshüter werden voraussichtlich am Mittwoch die Zügel lockern – die Anleger an den Finanzmärkten erwarten, dass die Währungshüter die Leitzinsen mindestens um einen Viertelprozentpunkt auf die dann neue Spanne von 2,0 bis 2,25 Prozent herabsetzen.

          Hintergrund ist der vom Präsidenten Donald Trump angefachte Handelsstreit, der für Verunsicherung sorgt. Außerdem wächst die amerikanische Wirtschaft langsamer als zu Jahresbeginn.

          Weitere Argumente für eine Lockerung liefert den Währungshütern um den Notenbankpräsidenten Jerome Powell die Inflation, die für einen Aufschwung ziemlich niedrig ist. Allerdings herrscht Vollbeschäftigung und eine unmittelbar drohende Rezession nicht in Sicht.

          Powell ist daher gefordert, eine Zinssenkung nicht so erscheinen zu lassen, als sei er vor dem Präsidenten eingeknickt. Denn: Trump drängt ihn schon lange dazu – und warf ihm mehrfach öffentlich vor, Fehler zu machen.

          Alle Augen auf Powell

          Während die Europäische Zentralbank derzeit eine lockerere Geldpolitik vorbereitet, wird die Federal Reserve wie zuvor die Notenbanken in der Türkei, Südkorea und Indonesien Nägel mit Köpfen machen, prognostizieren die Ökonomen der Commerzbank: „Die amerikanische Notenbank dürfte diese erste Zinssenkung in zehn Jahren als Versicherung gegen eine mögliche Abschwächung verkaufen.“

          Powell hatte während einer Anhörung vor dem Repräsentantenhaus zuletzt schon klare Signale gegeben, dass der Leitzins bald sinken dürfte. Um nachhaltiges Wachstum zu sichern.

          Noch voriges Jahr hatte die Fed angesichts der brummenden Wirtschaft sehr zum Ärger Trumps den Leitzins vier Mal angehoben, zuletzt im Dezember 2018. Wenn sie nun die Zinsen senkt, dürfte sich Trump bestätigt fühlen, denn obwohl sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt, kann von Krisenzeiten, die eine Zinssenkung zwingend erscheinen lassen, wohl keine Rede sein. „Man bekommt immer stärker den Eindruck, dass die amerikanische Notenbank gegen eine Phantom-Rezession kämpft“, sagt Nord LB-Volkswirt Tobias Basse. Insbesondere der Arbeitsmarkt in den Vereinigten Staaten zeigt sich weiter sehr robust.

          „Verschlafen Sie es nicht wieder“

          Die Fed, die neben Vollbeschäftigung auch für stabile Preise sorgen soll, blickt jedoch mit Sorge auf die schon lange niedrige Teuerungsrate. Sie achtet besonders auf Preisveränderungen bei persönlichen Verbraucherausgaben, wobei Energie- und Nahrungsmittelkosten ausgeklammert werden. Hier betrug die Steigerungsrate zuletzt 1,6 Prozent, während die Währungshüter mittelfristig 2 Prozent anstreben.

          Ökonom Bastian Hepperle vom Bankhaus Lampe findet überraschend, dass die schon seit langem gesunkenen Inflationserwartungen nun plötzlich im Fokus der Fed stehen: „Es scheint eher, als beuge sie sich dem von Präsident Donald Trump ausgelösten politischen Druck.“

          Alle Augen dürften daher darauf gerichtet sein, wie Powell den Zinsbeschluss vor der Presse begründen wird. Dabei dürfte er auch darauf angesprochen werden, ob die Forderungen Trumps nach einer Zinssenkung und die Androhung seiner Absetzung bei ihm Eindruck hinterlassen haben: Trump hat der Federal Reserve und Powell immer wieder vorgeworfen, mit zu hohen Zinsen den Aufschwung zu gefährden. Die Fed habe mit ihren kräftigen und zu schnellen Zinserhöhungen mächtig danebengelegen. „Verschlafen Sie es nicht wieder“, twitterte er jüngst. Die für einen Präsidenten ungewöhnlichen Angriffe auf die unabhängige Notenbank gipfelten in der Aussage, die Währungshüter seien „ahnungslos“.

          Zudem könne Powell als Fed-Chef abgelöst werden. Ein ähnliches Schicksal hatte den türkischen Notenbankchef ereilt, dessen Nachfolger die von Staatschef Recep Tayyip Erdogan vehement geforderte Zinssenkung umgehend umsetzte.

          Nach Ansicht von KfW-Ökonom Tobias Rehbock steckt die Fed nicht nur wegen des auf ihr lastenden politischen Drucks in einer schwierigen Situation: „Die Industrie-Rezession im ersten Halbjahr und die enttäuschende Entwicklung der Inflation geben berechtigte Anlässe für eine geldpolitische Lockerung.“ Dagegen fielen die Indikatoren für den privaten Verbrauch zuletzt wieder sehr kräftig aus. „In der Abwägung wäre aus unserer Sicht eine Zinssenkung nicht notwendig. Die Marktteilnehmer rechnen aber fest mit einem Zinsschritt nach unten am kommenden Mittwoch - vermutlich nicht der letzte in diesem Jahr.“

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