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Niedrige Zinsen : Amerika prüft Ausgabe 100-jähriger Anleihen

Steven Mnuchin (rechts) und Donald Trump Bild: AP

Die Zinsen fallen immer weiter. Nun rücken ultralange Laufzeiten in das Blickfeld. Institutionelle Investoren wären darüber froh.

          3 Min.

          Das amerikanische Finanzministerium prüft die Ausgabe von Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 100 Jahren. Eine entsprechende Notiz auf der Website des Ministeriums hat der Ressortchef Steven Mnuchin in einem Interview mit Bloomberg konkretisiert. Nach seinen Angaben könnte die Regierung so von den günstigen Kreditbedingungen profitieren. Erwogen würden Anleihen mit 100 und mit 50 Jahren Laufzeit.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Verunsicherung an den Finanzmärkten treibt die Anleger in sichere Häfen. Dazu kommt, dass viele institutionelle Anleger aus regulatorischen Gründen gezwungen sind, Staatsanleihen und Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating, also mit einem investitionswürdigen Status zu kaufen. Als Investment Grade gelten Anleihen von Emittenten mit einem Rating von mindestens „BBB–“ (S&P) oder „Baa3“ (Moody’s).

          Weil japanische und europäische Staatsanleihen zunehmend negative Zinsen haben, stürzen sich die Anleger verstärkt auf amerikanische Staatsanleihen, was deren Renditen nach unten drückt. Die Verzinsung des 30-jährigen Bonds sank zeitweise auf 1,906 Prozent und war damit so niedrig wie nie zuvor.

          Zudem ist die Zinskurve in den vergangenen Tagen wieder invers geworden, da die Rendite der zweijährigen Anleihe mit 1,516 Prozent über jener der zehnjährigen mit 1,4948 Prozent lag. Eine solche Zinsstruktur gilt an den Finanzmärkten als Rezessionssignal: Die Anleger rechnen längerfristig wegen der schwächeren Konjunktur mit Zinssenkungen.

          Bild: F.A.Z

          Darüber hinaus belastet eine inverse Zinskurve die Erträge der Banken aus der Fristentransformation, weil sie langfristige Ausleihungen nicht mehr günstiger kurzfristig finanzieren können. Allerdings zeigten sich davon die Aktienkurse amerikanischer Banken in den vergangenen Tagen wenig berührt, da sie zulegten.

          Die Idee einer 100-jährigen Anleihe ist nicht neu: Unter Präsident Barack Obama wurde eine entsprechende Anleihe ebenfalls geprüft, der Plan aber verworfen. Das Finanzministerium fürchtete damals Risiken für die langfristige Reputation Amerikas als Schuldner, sollte die Emission nicht komplett untergebracht werden. Die zweite Sorge war seinerzeit, die 100-jährigen könnten die Nachfrage nach 30-jährigen Bonds verdrängen und damit sogar die Finanzierungskosten der Staatsschulden erhöhen. Jetzt hat sich die Nachfragesituation aber entscheidend geändert, mit Investoren aus aller Welt, die in amerikanische Staatsanleihen drängen.

          Vorbild Österreich

          Anleihen mit 100 Jahren Laufzeit haben in Europa in den vergangenen Jahren für Aufsehen gesorgt. Einen solchen Titel hat Österreich vor zwei Jahren begeben, von dem inzwischen 5,8 Milliarden Euro im Umlauf sind. Der Zinskupon beträgt zwar 2,1 Prozent, doch mittlerweile wird der Titel am Markt mit einer Rendite von 0,67 Prozent gehandelt. Dieser Renditerückgang ist auf den Kursgewinn der 100-jährigen Anleihe zurückzuführen.

          Auch andere Euroländer wie Belgien oder Irland haben schon solche ultralangen Anleihen begeben, während sich Frankreich, Italien oder Spanien auf 50 Jahre beschränken. Die „Jahrhundertanleihen“ von Belgien und Irland richteten sich nur an ausgewählte Investoren und haben mit maximal 100 Millionen Euro deutlich geringere Volumina.

          Investoren wie zum Beispiel Lebensversicherer oder Pensionsfonds sind an sehr lang laufenden Anleihen interessiert. Oft werden nur für wenige Altersvorsorgeeinrichtungen solche ultralangen Schuldtitel aufgelegt. Diese Institute geben langfristige Finanzierungsversprechen und können diese nicht auf Dauer mit kurzfristigen Wertpapieren abdecken. Das Interesse an sehr langen Laufzeiten dürfte im Zuge des jüngsten Renditeverfalls zunehmen.

          Der deutsche Staat begibt Anleihen nur mit einer Laufzeit von höchstens 30 Jahren. Hier konnte er vor wenigen Wochen die erste Anleihe in dieser Laufzeit zu einem Zinskupon von null Prozent plazieren. Allerdings lag die Nachfrage in der Auktion deutlich unter dem Angebot, nachdem die Rendite der 30-jährigen Titel am Markt in den negativen Bereich gesunken ist.

          Bund hält sich zurück

          Längere Laufzeiten plant die Finanzagentur, die für den Bund die Schulden verwaltet, bislang nicht. Offenbar hat man Bedenken, in einer solchen langen Laufzeit nicht ausreichend Liquidität schaffen zu können. Mit den sehr späten Fälligkeiten lassen sich die historisch niedrigen Zinsen für einen längeren Zeitraum zwar sichern.

          Jedoch führen die Langläufer nach der Emission zunächst zu einem höheren Zinsaufwand, weil sie mit einem höheren Kupon ausgestattet werden müssen. Mit den 30-jährigen Anleihen fühlt sich der Bund bislang jedenfalls wohl, um seine langfristigen Finanzierungswünsche abzudecken.

          Sollten nun aber die Vereinigten Staaten als wichtigster Emittent im Dollar, der Leitwährung der Weltwirtschaft, erfolgreich eine ultralange Anleihe begeben, könnte das ein Umdenken in der Finanzagentur und im Bundesfinanzministerium auslösen. In Berlin war die Emission der 100-jährigen Anleihe Österreichs vor zwei Jahren sehr aufmerksam verfolgt worden.

          Derzeit beschäftigt sich die Finanzagentur mit einer grünen Bundesanleihe. Auch hier spielt die Bedeutung als wichtigster Anleiheemittent im Euroraum eine wichtige Rolle. Die hohe Liquidität der Bundesanleihen an den Märkten soll in jedem Fall gewahrt werden.

          Auch Mexiko und das abermals von einer Staatsschuldenkrise betroffene Argentinien haben Titel mit einer Laufzeit von 100 Jahren begeben. Im April 2019 hat Nordrhein-Westfalen als erster deutscher Emittent eine 100-jährige Anleihe im Volumen von 2,75 Milliarden Euro an den Markt gebracht. Der Kupon lag bei 2,15 Prozent. Inzwischen ist die Rendite auf 0,96 Prozent gefallen.

          Nicht nur Staaten haben 100-jährige Anleihen im Angebot, sondern auch Unternehmen. Dazu zählen der brasilianische Ölkonzern Petrobras sowie die französischen Versorger Engie und EDF. Mit der niederländischen Rabobank reiht sich auch ein Bank in diese Liste ein.

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