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Bürgerrechte : Amazon-Aktionäre gegen Gesichtserkennung

Amazon-Gründer Jeff Bezoz Bild: dpa

Auf der Hauptversammlung des Online-Händlers wollen Anteilseigner gegen eine umstrittene Software mobil machen. Sie sind nicht die einzigen, die darin ein Überwachungswerkzeug sehen.

          3 Min.

          Aktionärsversammlungen von Unternehmen sind mehr für ihren Symbolcharakter bekannt als für praktische Konsequenzen. Zwar melden sich bei diesen Veranstaltungen oft kritische Anteilseigner zu Wort, und es werden Anträge gestellt, die darauf abzielen, auf die Geschäftspraktiken Einfluss zu nehmen. Aber diese Initiativen scheitern meist, gerade dann, wenn Vertreter des Unternehmens auch einen großen Teil der Stimmrechte kontrollieren. Zudem sind sie in vielen Fällen nicht bindend, das heißt selbst wenn sie eine Mehrheit finden, liegt es noch immer in der Hand der Unternehmen, ob sie realisiert werden oder nicht.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Womöglich werden sich auch Aktionäre des Online-Händlers Amazon.com mit ihren Vorstößen nicht durchsetzen, wenn am Mittwoch in Seattle die Hauptversammlung stattfindet. Es wird insgesamt zwölf Anträge geben, und in allen Fällen empfiehlt der Verwaltungsrat, dagegen zu stimmen. Aber unabhängig vom Ausgang dieses Votums könnten zwei Anträge in diesem Jahr den öffentlichen Druck auf das Unternehmen erhöhen.

          Diese Initiativen drehen sich um eine Software zur Gesichtserkennung namens „Rekognition“, die Amazon seit einigen Jahren vermarktet. Das ist ein brisantes Thema, denn solche Programme werden in den Vereinigten Staaten derzeit kontrovers diskutiert. In der vergangenen Woche hat San Francisco als erste amerikanische Stadt den Einsatz von Gesichtserkennungssoftware durch die Polizei und andere Behörden verboten, in anderen Regionen des Landes gibt es derzeit ähnliche Bemühungen. An diesem Mittwoch wird im Kongress in Washington eine Anhörung zu der Frage stattfinden, welche Auswirkungen solche Technologie auf Bürgerrechte haben.

          Der Online-Händler fand die Vorstöße aus seinem Aktionärskreis offenbar beunruhigend, denn er hat versucht, zu verhindern, dass es überhaupt zu einer Abstimmung kommt. Er stellte einen entsprechenden Antrag bei der Börsenaufsicht SEC, blitzte damit aber ab.

          Unabhängige Überprüfung gefordert

          Im ersten der beiden Anträge wird gefordert, dass Amazon den Verkauf von Gesichtserkennungssoftware an Regierungsbehörden einstellt, solange der Verwaltungsrat nicht mit Hilfe einer unabhängigen Überprüfung feststelle, dass das Produkt keine Verletzung von Bürger- oder Menschenrechten ermögliche. Die zweite Initiative sieht vor, dass Amazon eine unabhängige Studie von „Rekognition“ in Auftrag geben soll, die untersucht, inwiefern die Software die Privatsphäre oder Bürgerrechte verletzt und auch ob dies ein finanzielles Risiko für das Unternehmen darstellt. Dieser zweite Antrag hat die Unterstützung prominenter Aktionärsberatungsgesellschaften wie ISS und Glass Lewis gefunden, deren Urteil oft viel Beachtung findet. Amazon begründete seine Ablehnung des Antrags mit der Auffassung, es sei keine „angemessene Nutzung von Ressourcen, über hypothetische und spekulative Bedenken zu berichten“.

          „Rekognition“ wird von Amazon Web Services (AWS) vertrieben, einer immer wichtigeren Sparte des Konzerns, die er neben seinem Kerngeschäft mit dem Online-Handel aufgebaut hat und die auf Angebote rund um „Cloud Computing“ spezialisiert ist. Das Unternehmen beschreibt die Software unter anderem als Instrument, um Verbrechen zu bekämpfen oder auch um vermisste Personen zu finden. Es sagt, sie könne auf einem Foto bis zu 100 Gesichter erkennen, analysieren und indizieren. Behörden im amerikanischen Bundesstaat Oregon habe sie geholfen, die Zeit zur Identifikation von Verdächtigen von zwei bis drei Tagen auf wenige Minuten zu reduzieren.

          Kritiker sehen in Gesichtserkennungstechnologie ein Instrument zur Überwachung von Menschen, das Bürgerrechte beschneide. Sie argumentieren auch, dass die Programme oft unzuverlässig seien und ihr Einsatz auf Kosten ethnischer Minderheiten gehen könne. In einer Studie des Massachusetts Institute of Technology wurden zum Beispiel aus einer Gruppe dunkelhäutiger Frauen fast ein Drittel fälschlicherweise als Männer identifiziert.

          Aktionäre sind nicht die einzige Interessengruppe, die gegen Amazons Software mobil machen. Im vergangenen Jahr forderten mehrere hundert Mitarbeiter des Konzerns in einem Brief an das Top-Managment um den Vorstandsvorsitzenden Jeff Bezos, den Verkauf von „Rekognition“ an Polizeibehörden sofort einzustellen. Andere Technologiekonzerne, die auf diesem Gebiet aktiv sind, haben sich schon Beschränkungen auferlegt. Google zum Beispiel kündigte im vergangenen Dezember an, solche Programme vorerst nicht mehr auf breiter Front anzubieten, solange politische Fragen ungeklärt bleiben. Microsoft hat es nach eigenen Angaben kürzlich abgelehnt, Gesichtserkennungstechnologie an eine kalifornische Polizeibehörde abzugeben.

          Amazon hat dagegen seine Zusammenarbeit mit Behörden auf diesem Feld bislang vehement verteidigt – und tut dies auch in seiner Begründung dafür, warum das Unternehmen eine Ablehnung der Aktionärsanträge empfiehlt. Es gebe Nutzerbedingungen, die eine Verletzung von Bürgerrechten verbieten, und AWS habe noch nie gehört, dass die Software auf schädliche Art und Weise eingesetzt werde, wie es in einem der Anträge heiße. Vielmehr seien dem Unternehmen „viele vorteilhafte Zwecke“ beim Einsatz des Produkts bekannt, etwa zu Gunsten der öffentlichen Sicherheit. „Neue Technologie sollte nicht wegen ihres Potentials für Missbrauch verboten oder verdammt werden; stattdessen sollte es einen offenen, ehrlichen und aufrichtigen Dialog unter allen beteiligten Parteien geben, um sicherzustellen, dass die Technologie in angemessener Weise angewendet und kontinuierlich verbessert wird.“

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