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Die Vermögensfrage : Dividendenstrategien – Anlagekonzept für den Ruhestand?

  • -Aktualisiert am

Ruhe-Sitz: Wenn zu Hause aus dem Vermögen Dividenden fließen, entspannt es sich leicht. Bild: Masterfile

Wer in Rente geht, sucht ein Rezept: aus Vermögen regelmäßiges Einkommen beziehen und das Kapital erhalten. Das ist nicht leicht in Zeiten des Nullzinses.

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          Es herrscht vielfach Ratlosigkeit bei Ruheständlern, wie das vorhandene Kapital verlustfrei angelegt werden soll. Geld vermehrt sich nicht mehr von selbst, im Gegenteil, es zerrinnt über die Jahre. Denn die Zinsen sind abgeschafft, und da ist, jedenfalls auf mittlere Sicht, keine Änderung zu erwarten, insbesondere im Hinblick auf die sich weiter verdüsternde Bankenkrise. Im Gegensatz zum Aufbau eines Vermögens, das später für die Altersvorsorge dienen soll und in der Ansparphase Wertschwankungen verkraften kann, führt das im Ruhestand eher zur Unruhe.

          Das Rezept – aus dem erspartem Vermögen ein dauerhaftes Einkommen bei gleichzeitigem Kapitalerhalt zu generieren – suchen viele Vermögensbesitzer und Anleger. Eigentlich ist es ein offenes Geheimnis: Es gibt global substanzstarke börsennotierte Unternehmen, die regelmäßig Gewinne erzielen und diese in Form von Dividenden an ihre Anteilseigner, sprich Besitzer von Aktien, ausschütten. „Dividenden sind die besseren Zinsen“, heißt es inzwischen nicht nur in der Finanzbranche. Die Kunst ist, wie immer, die richtigen Titel zu finden.

          Wer sich nicht selbst auf die regelmäßige weltweite Suche nach den dividendenstarken Aktien begeben möchte, hat die Möglichkeit, spezielle und vor allem global anlegende Dividenden-Aktienfonds ins weitgehend zinslose Depot zu legen. Deutlich über 100 sehr unterschiedliche Dividenden-Aktienfonds sind in Deutschland verfügbar. Aber auch hier kommt es auf die richtige Auswahl an. Denn es gibt auch hier ganz unterschiedliche Anlagekonzepte. Ein breit aufgestelltes Portfolio mit dem klaren Fokus auf regelmäßige Erträge, das lege artis, unter Berücksichtigung der Fondsspezifika wie der Länge eventueller Verlustphasen, zusammengestellt wird, bietet für den Ruhestand eine Eigenschaft, die Aktien nach dem Verständnis vieler Anleger sonst nicht besitzen: Stabilität.

          Mentalitätswandel deutscher Anleger

          Kombiniert man beispielsweise zehn Investmentfonds nach diesen Kriterien, dann können mehr als 1000 globale Dividendenzahler zustande kommen, die über die breite und risikoarme Mischung einen beständigen Einnahmestrom für den einkommensorientierten Anleger liefern sollten. Dann interessieren auch die häufigen Schwankungen bei den Kursen nicht mehr. Auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, eine der Interessenvereinigungen deutscher Aktionäre, stellt einen Mentalitätswandel bei den deutschen Anlegern fest. Die ResearchPlattform „Dividendenadel“ zeigt mit einer 34-seitigen „Dividendenstudie 2016“ die inzwischen beeindruckende qualitative Breite und Stabilität bei den deutschen Dividendenzahlern.

          Dividenden als eine sehr stabile und ertragsstarke Säule der privaten Einkommensstrategie, insbesondere im Ruhestand, ist letztlich keine neue Erkenntnis. Bereits vor 70 Jahren postulierte Benjamin Graham – einer der Erfinder der Value-Strategie, also des Investierens in unterbewertete Aktientitel; Warren Buffet war einer seiner Studenten an der Columbia-Universität – eine einfache Dividendenstrategie. Die Empfehlung war, Aktienwerte mit den höchsten Dividendenrenditen zu wählen und jährlich zu aktualisieren. Inzwischen sind Dividendenstrategien weiterentwickelt worden und etabliert.

          Gewinnsituation und die Ausschüttungspolitik

          Wie sind Dividenden als Betrag und die Dividendenrenditen in Prozent einzuschätzen? Für den einkommensorientierten Investor ist zunächst die Dividendenausschüttung als Betrag von Interesse. Wenn sich die Gewinnsituation und die Ausschüttungspolitik des Aktientitels nicht ändert, fließt jährlich der gleiche Geldbetrag zu, unabhängig vom Kurswert. Kapitalmarktanalysen der Allianz AG zeigen, dass die Gewinne von Aktien in den letzten 10 Jahren um das Zehnfache stärker schwankten als die Dividenden dieser Unternehmen.

          Paradebeispiel für eine stabile Dividendenpolitik: Nestlé
          Paradebeispiel für eine stabile Dividendenpolitik: Nestlé : Bild: AFP

          Immer als Paradebeispiel für eine stabile Dividendenpolitik wird Nestlé genannt. Dabei lag die Ausschüttungsquote im Durchschnitt bei (gesunden) 50 Prozent des Unternehmensgewinns. Als Gegenbeispiel ist die Telekomaktie zu nennen, die ihre „stabile“ Dividende zu Teilen aus der Substanz entnommen hat. Bekannt ist auch, dass Aktien mit einer stabilen Dividendenpolitik in den Korrekturphasen der Märkte weniger schwankungsanfällig sind als solche Aktien, die keine Dividenden ausschütten. Der Grund ist: Zufriedene Aktionäre trennen sich ungern von ihren ausschüttungsstarken Aktien. Stabile Dividendenzahler schütteten in der Vergangenheit im Durchschnitt etwa 40 bis 50 Prozent ihrer Gewinne an ihre Aktionäre aus. Der andere Teil wird für die langfristigen Investitionen der Unternehmen verwendet.

          Dividendenrendite im Fokus

          Für den Neuinvestor, der jetzt Kapital anlegen möchte, steht wahrscheinlich eher die Dividendenrendite im Fokus. Da diese sich aus dem Kurs errechnet, schwankt sie täglich. Nimmt man wieder das Beispiel Nestlé, dann zeigt sich auch hier – nimmt man die letzten acht Jahre – eine stabile Dividendenrendite, die nur zwischen 2,47 Prozent und 3,24 schwankte. Dividendenrendite geht aber auch anders, wenn man die Nummer eins der aktuellen deutschen Top-Ten-Dividendentitel, die KTG Energie AG, mit aktuell 16 Prozent Rendite hernimmt. Das wurde innerhalb weniger Wochen erreicht. Im Mai lagt der Kurs noch bei 9,50 Euro und am 10. Juli bei 3,80 Euro. So schnell kann Rendite gehen. Das ist dann die Herausforderung für den Anleger oder Anlageberater beziehungsweise Fondsmanager, abzuschätzen, ob die Dividende vom Zielunternehmen nachhaltig erwirtschaftet werden kann.

          Bei den großen (Dax-)Unternehmen hat die Dividende einen starken Signaleffekt an den Markt. Dividendenkürzungen oder gar Dividendenausfälle werden von den Märkten immer mit starken Zweifeln an die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens gesehen. Aktuelle Beispiele sind das Abgasdebakel von VW, der Strukturwandel bei der Deutschen Bank und auch die künftige Geschäftspolitik bei den darbenden Stromkonzernen Eon und RWE, die lange als stabile Dividendenzahler galten.

          Schweizer Ruhestandsmodell

          Ein dividendenorientiertes Vorgehen hat sich Werner Gernandt, zertifizierter Fondsberater und langjähriger Vermögensberater aus Heidelberg, auf die Fahnen geschrieben. Zielmarke für die von ihm betreuten Kundendepots ist, einen stabilen Einnahmestrom aus 4 Prozent jährlichen Ausschüttungen vor Steuern zu erwirtschaften. Dazu baut er mit etwa 20 ausgewählten Investmentfonds ein entsprechendes Portfolio auf. Nach Steuern verbleiben so 3 Prozent jährliche Netto-Ausschüttung. Dazu können je nach Kapitalmarktphasen noch Kursgewinne kommen, oder es müssen eben auch die zeitweiligen Kursrückgänge durchgestanden werden. Die Depots bestehen nach seinen Worten aus zwei Rendite-Komponenten: Die Erträge können als laufendes Einkommen verbraucht werden, vorausgesetzt die Unternehmen erwirtschaften und schütten die erwarteten Dividenden aus. Die langfristig erzielbaren Kursgewinne werden nicht entnommen. Sie erhöhen den nominalen Substanzwert und könnten so den zu erwartenden Inflationsverlust auf lange Sicht ausgleichen. Das entspricht dem Ziel, im Ruhestand eine „ewige Rente“ ohne Substanzverzehr zu erreichen.

          Anders dagegen das sogenannte Schweizer Ruhestandsmodell, das einerseits auf Substanzverzehr und andererseits auf Substanzaufbau durch Kursgewinne beruht. Eine Hälfte des Vermögens wird über einen Zeitraum von zehn Jahren vollständig verbraucht, die andere Hälfte in Aktien angelegt. Innerhalb von zehn Jahren sollen die Kursgewinne das Kapital verdoppeln. Das funktionierte über viele Jahre auch recht ordentlich, weil die erforderliche Rendite von rund 7 Prozent im Jahr erwirtschaftet werden konnte. Ein Beispiel: Bei einem Kapital von 240.000 Schweizer Franken werden 120.000 auf einem Geldkonto geparkt und davon jeden Monat 1000 als Kapitalrente ausgezahlt. Nach zehn Jahren ist das Konto leer. Die anderen 120.000 werden in Aktienfonds investiert und erreichen mit der Zielrendite von 7 Prozent im Jahr nach zehn Jahren wieder ein Kapital von 240.000 Franken. Dann kann die gleiche Strategie wieder für die nächsten zehn Jahre fortgesetzt werden. In der jetzigen Kapitalmarktsituation wäre das nichts für schwache Nerven.

          „Multi Asset Income“-Fonds

          Aber man kann es kombinieren. Gernandt nutzt neben Dividenden-Aktienfonds auch die sogenannten „Multi Asset Income“-Fonds; das sind ertragsausschüttende Mischfonds, die in der Regel zwischen 1000 und 3000 Einzel-Wertpapiere haben. Nach seiner Auffassung werden durch die breite Mischung von vielen Einzeltiteln einerseits, aber auch durch die unterschiedlichen Anlageklassen wie Hochzinsanleihen, Schwellenländeranleihen, hypothekenbesicherte Anleihen und Wandelanleihen, die durchaus möglichen Ausfallrisiken auf Fondsebene mit Blick auf den Gesamtertrag fast vollständig beseitigt.

          Letzten Endes gibt es darauf natürlich keine Garantie, aber um der „Nullzinsfalle“ zu entkommen, muss man sich mehr als nur ein paar Gedanken machen. Und wenn man sich beraten lässt, sei es von einer Bank oder Sparkasse, von einem Vermögensverwalter oder einem freien Anlageberater, dann sollte man, zumindest ab sechsstelligem Vermögen und/oder Anlagebetrag sich nicht mit ein bis drei Produktvorschlägen bedienen lassen.

          Bei der besseren Anlageberatung gibt es zwar auch keine Garantie – im Gegensatz zum Kauf eines neuen Flachbildfernsehers. Bei dem läuft die Garantie nach zwei oder mit Zusatzversicherung nach fünf Jahren aus – für die Auswahl wird oft mehr Zeit als für die Kapitalanlage aufgewandt. Bei einem professionellen Anlagekonzept steigt die Ertragschance mit der längeren Laufzeit; also zumindest nach dem Stand der Erkenntnis von heute.

          Rainer Juretzek

          Der Verfasser ist Geschäftsführer der Analytica Finanz Research Beratungsgesellschaft mbH in Bad Homburg.

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