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Die Vermögensfrage : Dividendenstrategien – Anlagekonzept für den Ruhestand?

  • -Aktualisiert am

Schweizer Ruhestandsmodell

Ein dividendenorientiertes Vorgehen hat sich Werner Gernandt, zertifizierter Fondsberater und langjähriger Vermögensberater aus Heidelberg, auf die Fahnen geschrieben. Zielmarke für die von ihm betreuten Kundendepots ist, einen stabilen Einnahmestrom aus 4 Prozent jährlichen Ausschüttungen vor Steuern zu erwirtschaften. Dazu baut er mit etwa 20 ausgewählten Investmentfonds ein entsprechendes Portfolio auf. Nach Steuern verbleiben so 3 Prozent jährliche Netto-Ausschüttung. Dazu können je nach Kapitalmarktphasen noch Kursgewinne kommen, oder es müssen eben auch die zeitweiligen Kursrückgänge durchgestanden werden. Die Depots bestehen nach seinen Worten aus zwei Rendite-Komponenten: Die Erträge können als laufendes Einkommen verbraucht werden, vorausgesetzt die Unternehmen erwirtschaften und schütten die erwarteten Dividenden aus. Die langfristig erzielbaren Kursgewinne werden nicht entnommen. Sie erhöhen den nominalen Substanzwert und könnten so den zu erwartenden Inflationsverlust auf lange Sicht ausgleichen. Das entspricht dem Ziel, im Ruhestand eine „ewige Rente“ ohne Substanzverzehr zu erreichen.

Anders dagegen das sogenannte Schweizer Ruhestandsmodell, das einerseits auf Substanzverzehr und andererseits auf Substanzaufbau durch Kursgewinne beruht. Eine Hälfte des Vermögens wird über einen Zeitraum von zehn Jahren vollständig verbraucht, die andere Hälfte in Aktien angelegt. Innerhalb von zehn Jahren sollen die Kursgewinne das Kapital verdoppeln. Das funktionierte über viele Jahre auch recht ordentlich, weil die erforderliche Rendite von rund 7 Prozent im Jahr erwirtschaftet werden konnte. Ein Beispiel: Bei einem Kapital von 240.000 Schweizer Franken werden 120.000 auf einem Geldkonto geparkt und davon jeden Monat 1000 als Kapitalrente ausgezahlt. Nach zehn Jahren ist das Konto leer. Die anderen 120.000 werden in Aktienfonds investiert und erreichen mit der Zielrendite von 7 Prozent im Jahr nach zehn Jahren wieder ein Kapital von 240.000 Franken. Dann kann die gleiche Strategie wieder für die nächsten zehn Jahre fortgesetzt werden. In der jetzigen Kapitalmarktsituation wäre das nichts für schwache Nerven.

„Multi Asset Income“-Fonds

Aber man kann es kombinieren. Gernandt nutzt neben Dividenden-Aktienfonds auch die sogenannten „Multi Asset Income“-Fonds; das sind ertragsausschüttende Mischfonds, die in der Regel zwischen 1000 und 3000 Einzel-Wertpapiere haben. Nach seiner Auffassung werden durch die breite Mischung von vielen Einzeltiteln einerseits, aber auch durch die unterschiedlichen Anlageklassen wie Hochzinsanleihen, Schwellenländeranleihen, hypothekenbesicherte Anleihen und Wandelanleihen, die durchaus möglichen Ausfallrisiken auf Fondsebene mit Blick auf den Gesamtertrag fast vollständig beseitigt.

Letzten Endes gibt es darauf natürlich keine Garantie, aber um der „Nullzinsfalle“ zu entkommen, muss man sich mehr als nur ein paar Gedanken machen. Und wenn man sich beraten lässt, sei es von einer Bank oder Sparkasse, von einem Vermögensverwalter oder einem freien Anlageberater, dann sollte man, zumindest ab sechsstelligem Vermögen und/oder Anlagebetrag sich nicht mit ein bis drei Produktvorschlägen bedienen lassen.

Bei der besseren Anlageberatung gibt es zwar auch keine Garantie – im Gegensatz zum Kauf eines neuen Flachbildfernsehers. Bei dem läuft die Garantie nach zwei oder mit Zusatzversicherung nach fünf Jahren aus – für die Auswahl wird oft mehr Zeit als für die Kapitalanlage aufgewandt. Bei einem professionellen Anlagekonzept steigt die Ertragschance mit der längeren Laufzeit; also zumindest nach dem Stand der Erkenntnis von heute.

Rainer Juretzek

Der Verfasser ist Geschäftsführer der Analytica Finanz Research Beratungsgesellschaft mbH in Bad Homburg.

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