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Schwächen der Altersvorsorge : Zu hohe Kosten von Riester-Policen

Gerhard Schick sieht systemische Schwierigkeiten in der deutschen Finanzdienstleistungsbranche. Bild: Wolfgang Eilmes

In Berlin wird um eine Reform der Riester-Rente gerungen. Die Bürgerbewegung Finanzwende hält das staatlich geförderte Vorsorgemodell für nicht reparabel.

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          Die staatlich geförderte Privatrente leidet nicht nur unter den niedrigen Zinsen. Sie trägt auch ein Kostenproblem mit sich herum. Das verschärft sich noch einmal durch den Niedrigzins. Eine am Donnerstag veröffentlichte Studie der Bürgerbewegung Finanzwende zeigt die Ausmaße. Ein Viertel aller eingezahlten Beiträge und Zulagen flossen laut der Untersuchung in den Kostenblock der Anbieter und nicht in die Rendite für die Sparer. Bei jeder dritten untersuchten Police waren es sogar mehr als 30 Prozent.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Für die Untersuchung hat Finanzwende 65 Riester-Policen von Versicherern untersucht. Die Daten stammten aus Muster-Produktinformationsblättern der Anbieter nach den Vorgaben der Produktionsinformationsstelle Altersvorsorge (PIA), die Angebote im staatlichen Auftrag zertifiziert. Angenommen wurde, dass ein 37 Jahre alter Sparer für die nächsten 30 Jahre 1200 Euro inklusive Zulage in die Police einzahlt. Die Autoren kritisieren die hohen Kosten. „Das ist ein Vielfaches von den 10 Prozent, die die Bundesregierung in Modellen unterstellt“, heißt es in der Studie.

          Wegen der hohen Kosten und der schlechten Verzinsung festverzinslicher Kapitalanlagen seien die Ertragsaussichten schlecht. Riester-Produkte mit weniger als 15 Prozent Kostenbelastung seien allerdings zum Teil renditeschwach. „In der Regel liegt die Kundenrendite nach Kosten dann unter 0,5 Prozent. In einem Fall sind es 0 Prozent“, kritisieren die Autoren.

          Prognostizierte Effektivrendite liegt unter der Inflationsrate

          Die 67 Rentenversicherungen kämen im Durchschnitt auf eine mögliche (prognostizierte) Effektivrendite von 1,6 Prozent. Das sei unter der durchschnittlichen Inflationsrate der vergangenen 30 Jahre von 1,8 Prozent. Allerdings kann man hier den Autoren entgegenhalten, dass die Inflation aktuell parallel zu den Niedrigzinsen auch besonders niedrig ist, so dass die reale Rendite aktuell wieder positiv ist. Wie die Inflation bis zum Ende der Laufzeit sein wird, lässt sich nicht voraussagen.

          Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) reagierte prompt auf die Untersuchung. Die Finanzwende-Darstellung zeige nicht Kosten, die vom Beitrag abgezogen werden. Stattdessen würden verschiedene Kosten, die die Kapitalanlage betreffen, einbezogen – darunter Fondskosten, die mit der Wertentwicklung steigen. „Methodisch wird die Differenz zwischen theoretischem Sparkapital ohne Kosten mit einem Kapital mit Kosten verglichen (Reduction in Wealth-Methode)“, sagte der stellvertretende GDV-Hauptgeschäftsführer Peter Schwark der F.A.Z.

          Auf diese Weise würden „prozentuale Mondwerte“ erzeugt. Lange Laufzeiten und hohe Erträge aus Kapitalanlagen wirken durch diese Methode steigernd auf die Kosten.„Anders als suggeriert ist bei einer derartigen fiktiven Kostenquote bei mehr als 100 Jahren Laufzeit und guten Erträgen auch über 100 Prozent der Beiträge denkbar, ohne dass die Leistung damit gleichzeitig Null oder Negativ wäre“, sagte Schwark.

          Die Bundesregierung bemüht sich seit Anfang dieser Wahlperiode darum, ein einfaches, kostengünstiges Standardprodukt in der staatlich geförderten Altersvorsorge einzuführen, das die Nachteile von Riester (hohe Kosten, niedrige Renditen wegen der verpflichtenden Beitragsgarantie) beheben soll. Hier gibt es unterschiedliche Interpretationen: Die vom früheren Grünen-Finanzpolitiker Gerhard Schick gegründete Finanzwende, Verbraucherzentralen und Grüne plädieren für eine staatliche Kapitalsammelstelle.

          Dagegen sprechen sich Branchenverbände aus dem Finanzdienstleistungssektor und Teile der Unionsparteien für eine Wettbewerbslösung mit einem hohen Anteil privater Anbieter aus. Einig sind sich fast alle Akteure, dass die bisherige Fördersystematik mit einer Prüfung der ausgezahlten Zulagen im Nachhinein nicht sinnvoll ist.

          Dazu sagen die Autoren der Finanzwende-Studie: „Das Kostenproblem wird sich nicht wegreformieren lassen.“ Versicherer hätten zwei Jahrzehnte Zeit gehabt, ihre Kostenstruktur zu verbessern. Das sei nicht geschehen. Ein Systemwechsel zu einem staatlich organisierten Vorsorgeprodukt könne die Probleme beheben. Ein Sparer, der in den schwedischen Vorsorgefonds in dem Ausmaß einzahle wie in die untersuchten Versicherungspolicen, komme bei einer angenommenen Wertentwicklung von 5 Prozent im Jahr nach 30 Jahren auf eine um 16.600 Euro höhere Auszahlung.

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