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Altersvorsorge : Lebensversicherer verzeichnen eine Kündigungswelle

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Die Zahl der Lebensversicherten, die ihre Verträge kündigen, ist sprunghaft gestiegen. Im vergangenen Jahr haben sie Verträge mit einem Rückkaufswert von insgesamt 12,4 Milliarden Euro gekündigt.

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          Die Zahl der Lebensversicherten, die ihre Verträge kündigen, ist sprunghaft gestiegen. Im vergangenen Jahr haben sie Verträge mit einem Rückkaufswert von insgesamt 12,4 Milliarden Euro gekündigt. Im Jahr 2002 lag die Stornosumme noch bei 9,2 Milliarden Euro. Für die Versicherten ist die vorzeitige Kündigung ein Verlustgeschäft. Selbst wenn das Vertragsende unmittelbar bevorsteht, liegen die Rückkaufswerte meist weit unter der zu erwartenden Ablaufsumme, denn die Versicherungsgesellschaften behalten beim Storno die für den Schlußgewinn vorgesehenen Erträge ein. Außerdem werden Stornogebühren fällig. Bei Verträgen die weniger als zwölf Jahre laufen, müssen darüber hinaus Kapitalertragsteuern nachgezahlt werden. Hinzu kommt, daß die Anleger in den ersten Jahren der Vertragslaufzeit hohe Abschlußkosten bezahlt haben, die nicht erstattet werden.

          Daß dennoch viele Versicherte kündigen, erklärt der Branchenverband GDV mit der wachsenden Arbeitslosigkeit und der allgemeinen wirtschaftlichen Misere. Das dürfte allerdings nicht der einzige Grund sein. Auch das zum Teil hemmungslose Abwerben von Kunden trägt zur Stornowelle bei. Mit dem weitgehenden Wegfall des Steuerprivilegs für Lebensversicherer dürfte ab dem kommenden Jahr die Stornoquote deutlich zurückgehen, erwartet Carsten Maschmeyer, Vorstandsvorsitzender des zweitgrößten deutschen Finanzvertriebs AWD. Bislang sei immer wieder zu beobachten, daß man sich im Wettbewerb gegenseitig die Verträge abjage. Aufgrund der neuen Situation gingen für dieses Vorgehen die Argumente aus. Vielmehr gebe es nun gute Argumente für die Bestandsbetreuung.

          Altersvorsorge erfordert langfristige Bindung

          Daß in Deutschland nicht einmal jeder zweite Lebensversicherung zu Ende geführt wird, wirft auf die Vertriebspraktiken der Branche ein ungutes Licht. Gabriele Hoffmann, Sprecherin des GDV weist die Kritik zurück: "Angenommen, es würde die Hälfte der Verträge nicht zu Ende geführt, dann hieße das aber auch, daß jeder zweite Vertrag durchgehalten wird." Altersvorsorge erfordere eine langfristige Bindung. Bei einer Vertragsdauer von mitunter mehreren Jahrzehnten könne sich die Zahlungsfähigkeit ändern. Dennoch sei die Bindung sinnvoll.

          Erstaunlich sind die Gründe, aus denen sich die Versicherten für verlustreiche Stornierungen entscheiden. Cash.life, ein Aufkäufer von Versicherungspolicen, hat diesbezüglich Interessenten und Kunden befragt. Demnach steht bei 19 Prozent der Befragten hinter der Stornierungsabsicht die Vorstellung, sie könnten das Geld besser anlegen. Das ist bei langfristigen Zinsen von weniger als 5 Prozent in den meisten Fällen aber eine Illusion. 13 Prozent der Befragten wollen eine Reise oder ein Auto finanzieren. In diesen Fällen dürfte selbst ein teurer Verbraucherkredit günstiger sein als die Stornierung.

          Günstigere Auswege als Kündigung

          Die Kündigung einer Lebensversicherung ist am ehesten bei den gut 20 Prozent der Befragten nachvollziehbar, die arbeitslos sind oder Schulden abbezahlen. Aber auch für solche Fälle gibt es günstigere Auswege. Wenn das Geld für die monatlichen Prämien fällt, können die Betroffenen zum Beispiel die Zahlungen aussetzen und später nachholen. Denkbar ist auch eine Beitragssenkung mit geringerer Versicherungssumme. Nach einigen Jahren Vertragslaufzeit kann auch eine Freistellung beantragt werden. Dabei wird die Versicherungssumme reduziert, die Erträge werden weiterhin gutgeschrieben.

          Auch für Versicherte, die unbedingt ihr Geld zurückerhalten wollen, gibt es bessere Möglichkeiten als die Stornierung. Seit einigen Jahren hat sich in Deutschland ein Markt für den Verkauf von Lebensversicherungspolicen gebildet. Einer der größeren Anbieter ist Cash.life. Die Gesellschaft hat im vergangenen Jahr Policen im Wert von knapp 180 Millionen Euro aufgekauft. Die Maklergesellschaft Barwert Policenbörse vermittelt solche Abschlüsse.

          Die Versicherten treten ihre Policen an den Käufer ab und erhalten eine Auszahlung, die um 1 bis 3 Prozent über dem von der Versicherungsgesellschaft angebotenen Rückkaufswert liegt. Lukrativ ist das Angebot vor allem für Versicherte, die kündigen wollen und deren Kapitallebensversicherung jünger als zwölf Jahre ist: Storniert der Versicherte, zieht die Versicherungsgesellschaft die nachträglich fällige Kapitalertragsteuer vom Rückkaufwert ab und überweist das Geld ans Finanzamt. Beim Verkauf erhält der Versicherte dagegen den vollen Rückkaufswert zuzüglich eines kleinen Aufschlags. Die Steuer wird nicht fällig, weil der Käufer den Vertrag fortführt und die Prämien weiter überweist.

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