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Altersvorsorge : Die Rente wird teuer – aber für wen?

Wenn das Rentenniveau künftig sinkt, könnten Systeme der privaten Altersvorsorge Lücken stopfen. Bild: Picture-Alliance

Mehr Alte, weniger Junge: Das Rentensystem kommt unter Druck. Eine Kommission von Experten hat jetzt eine Lösung geliefert – oder jedenfalls fast.

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          Ende der Woche soll es übergeben werden, und daran soll nicht mal die Pandemie etwas ändern. Immerhin geht es um eine der zentralen Zukunftsfragen Deutschlands der kommenden 15 Jahre. Das wichtige Paket enthält die Empfehlung der Rentenkommission, die Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) eingesetzt hat, um ein drängendes Problem zu lösen: Ungefähr von 2025 an, also in fünf Jahren, gehen die geburtenstärksten Jahrgänge Deutschlands in Rente, die Babyboomer. In den Jahren nach 2025 verschiebt sich also das Verhältnis von Rentenzahlern und Rentenempfängern enorm: Heute kommen auf jeden Rentner in Deutschland ungefähr drei Bürger im arbeitsfähigen Alter; 2030 werden es nur noch zwei im arbeitsfähigen Alter sein, die die Rente finanzieren müssen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei reicht das Geld in der Rentenversicherung heute schon nicht mehr aus, um die Ansprüche zu erfüllen, die an die gesetzliche Rente gestellt werden. 110 Milliarden Euro fließen dieses Jahr aus dem Bundeshaushalt in ihre Kasse, als Ausgleich für versicherungsfremde Sozialleistungen der Rentenkasse und als allgemeiner Zuschuss. 110 Milliarden Euro, das ist fast jeder dritte von der Bundesregierung verplante Euro.

          Irgendjemand muss also in Zukunft verzichten. Entweder trifft das die jungen Leute und ihre Arbeitgeber, indem sie mehr in die Rentenversicherung einzahlen, sei es in Form von Beiträgen oder auf dem Umweg über den Staatshaushalt. Konkret bedeutet das: Nimmt man die Rentenversicherung, wie sie jetzt ist, dann steigen die Beiträge von 18,6 auf 22 Prozent. Oder es trifft die alten Leute, die später in Rente gehen oder hinnehmen müssen, dass die Renten langsamer steigen als die Arbeitslöhne – im Rentendeutsch heißt das: Das Rentenniveau sinkt. Die Renten machen heute 48 Prozent des früheren Einkommens aus, in den 30er-Jahren werden es nur noch 44 Prozent sein. Rentenerhöhungen von 3,46 Prozent im Westen und 4,2 Prozent im Osten, wie gerade beschlossen, wird es nicht mehr geben. Beides ist unbefriedigend. Doch irgendjemand muss zahlen. Wer soll es also sein?

          „Klientelpolitik zu Lasten künftiger Generationen“

          Diese Frage hat sich selbst für die Rentenkommission als zu schwierig herausgestellt. Schon seit Wochen machen Berichte von einem Scheitern die Runde, jetzt ist klar: Ein Abschlussdokument wird es nun immerhin geben – allerdings bleibt die Kernfrage unbeantwortet. Die Kommission kann sich offenbar nicht entscheiden, ob die Renten künftig langsamer steigen sollten als die Löhne. Im Kommissionsdeutsch wird das so formuliert, dass für das künftige Rentenniveau eine Bandbreite angegeben wird: von ungefähr dem heutigen Stand bis zu einem spürbar niedrigeren. „Jedes Kind kann sich ausrechnen, dass das Rentenniveau irgendwo in diesem Bereich liegen muss“, ätzt ein Mitglied der Kommission. Es seien einfach zu viele Politiker in der Kommission gewesen, findet der Rentenexperte Axel Börsch-Supan, auch er Mitglied der Kommission.

          Dabei ist die Frage nach der Rente eigentlich schon mal zu größter Zufriedenheit beantwortet – so sieht das zumindest Bernd Raffelhüschen, Freiburger Volkswirt, der schon 2003 in einer Kommission eine Rentenreform mit erfand. Damals wurde die Rente mit 67 ersonnen und der sogenannte „Nachhaltigkeitsfaktor“, der das Rentenniveau automatisch an das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern anpasst – all das geschah unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Damit ging die Last nicht zuletzt an die Alten. Das sei nur gerecht, findet Raffelhüschen: „Wir sind selbst schuld, wir Babyboomer, weil wir so wenige Kinder in die Welt gesetzt haben.“ Und er betont: Selbst nach dieser alten Rentenformel gehe es den Rentnern gut, sie seien immer noch nicht häufiger arm als Kinder.

          Doch die Lage blieb nicht so. Nach Schröder kamen große Koalitionen und beschlossen die Mütterrente, die vorgezogene Rente (anfangs mit 63) für Leute, die viele Beitragsjahre haben. Zuletzt hat sich die Koalition auf eine Grundrente geeinigt: Wer 33 Jahre eingezahlt hat, bekommt niedrige Renten künftig aufgestockt, selbst wenn die Rente nur deshalb so gering ist, weil die Betroffenen Teilzeit gearbeitet haben. „Das war Unfug“, schimpft Raffelhüschen also über die Rentenpolitik der großen Koalition, er nennt sie „Klientelpolitik zu Lasten künftiger Generationen“.

          Ist die Rente wirklich so mickrig?

          Nun brauchte man die Rentenkommission nicht, wenn das alle so sähen wie Raffelhüschen. Der ist zwar dieses Mal gar nicht in der Rentenkommission dabei, harte Gegner hat er darin aber trotzdem, allen voran die SPD und die Gewerkschaften. Für Letztere beriet Annelie Buntenbach mit, Vorständin im Deutschen Gewerkschaftsbund. Sie findet, die Rentner hätten schon genug verzichtet: Seit 2005 gibt das Land für seine Rentner immer weniger Geld aus, obwohl die Zahl der Rentner steigt. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Katja Mast, stößt ins selbe Horn: Ihr ist nicht sicher genug, dass die Rente auch künftig über der Grundsicherung liegt. „Die Auskömmlichkeit der Rente ist eines unserer zentralen Ziele“, sagt sie. Und wenn man länger arbeitet? Von zwei zusätzlichen Jahren eines länger arbeiten, wie es Experten fordern, auch nachdem 2031 die Rente mit 67 erreicht ist? Das finden beide nicht gut und erinnern daran, dass arme Leute kürzer leben. Dabei steigt auch deren Lebenserwartung immer weiter.

          Ist die Rente wirklich so mickrig? Immer wieder wird erzählt, dass Altersrentner aus der gesetzlichen Rente durchschnittlich nur 900 Euro im Monat bekommen. Das klingt nach wenig, doch in der Zahl sind auch viele Versicherte mit Minirenten berücksichtigt, die das System nach einigen Berufsjahren verlassen haben, weil sie zum Beispiel verbeamtet wurden oder selbständig. Die bekommen anderswoher noch Geld. Insgesamt haben Rentnerhaushalte in Deutschland ein Nettoeinkommen von mehr als 2200 Euro im Monat, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat.

          Neue Beamte in die gesetzliche Rente?

          Wenn das Rentenniveau künftig sinkt, könnten Systeme der privaten Altersvorsorge Lücken stopfen. Es gibt inzwischen mehrere Vorschläge für einfache Vorsorgefonds, teils staatlich organisiert, die selbst bei Verbraucherzentralen Zustimmung finden. Immerhin werden am Kapitalmarkt langfristig die höchsten Renditen erzielt, selbst die größten Crashs waren immer nach wenigen Jahren ausgemerzt. Arbeitgeber-Vertreter Alexander Gunkel plädiert dafür, bei den Einkommenstarken mehr von der Rente der privaten Vorsorge zu überlassen. Langfristig würden für Teile des Gehalts oberhalb des Durchschnitts keine Beiträge mehr gezahlt, es gäbe dann auch keine Rente dafür. Die Idee: Auf diese Weise fließt der hohe Steuerzuschuss eher in die Taschen der Geringverdiener.

          Wer heute schon mehr bekommt als die 2200 Euro monatlich, das sind die Pensionäre. Deren hohe Alterseinkünfte sorgen oft für Ärger. Hier kommt aus der Rentenkommission wirklich ein Vorschlag: Neue Beamte sollen in die gesetzliche Rentenversicherung mit aufgenommen werden. Praktisch ändern würde das nicht viel. Damit die neuen Beamten im Alter immer noch gut versorgt sind, könnte der Staat eine Zusatzversorgung aufbauen, so wie eine betriebliche Altersvorsorge. Für Angestellte gibt es das schon. Die Rentenversicherung würde davon aber nur in einer Übergangszeit profitieren, nämlich solange der Staat gleichzeitig für die bisherigen Beamten Pensionen zahlt und für die neuen Beamten Beiträge. Solange wäre das Modell also eine weitere Umverteilung vom Staatshaushalt in die Rentenkasse. Später würde das für die Rentenkasse sogar teuer, denn Beamte leben länger und bekommen insgesamt mehr Geld raus. Doch immerhin würden sich die Wähler dann nicht mehr so oft darüber aufregen.

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