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Interessantes Hobby : Der Investmentbanker und sein Kino

Nun klingt dies alles fast ein bisschen zu reibungslos: der Kauf am Wochenende und die über alle Maßen begeisterte Schwester. Alasdair Warren gibt denn auch zu, dass danach die Probleme begannen. Schließlich hatte er dem Vorbesitzer in die Hand versprochen, den Electric Palace weiter fürs Publikum offen zu halten – egal, was auch komme. „Das Problem war nur: Wir hatten ja keine Ahnung, wie man erfolgreich ein Kino betreibt.“

Zunächst gab es Schwierigkeiten mit der Ausstattung: Sie war hoffnungslos veraltet. Aus vielen Sitzen ragten bereits die Federn heraus, von insgesamt 400 Stühlen musste Warren 300 Stühle austauschen lassen. Auch ein neues Soundsystem musste her, und sogar das Dach bedürfte einer Renovierung. Mit einer Investition von 500.000 Pfund zusätzlich zum Kaufpreis hatte der Investmentbanker gerechnet, am Ende wurden es eine Million Pfund.

„Das war rein der ökonomischen Notwendigkeit geschuldet“

Noch komplizierter aber war eine andere Frage: Welches Programm wollte man den Menschen aus Bridport anbieten? Dieselben Mainstream-Filme wie in London oder doch lieber Arthouse-Kino? Und welche Künstler sollten auftreten – nur Comedians oder auch Leute aus dem ernsten Fach?

Fast zwei Jahre lang hatte der Electric Palace unter seinem neuen Besitzer eine schwere Zeit, so sehr sich Warrens Schwester auch abmühte, einen geeigneten Programm-Mix zu finden. Dann aber gelang der Durchbruch, auf einmal war der Laden voll. Dies hatte weniger mit dem Programm zu tun, das nach Auskunft der Leute in Bridport nie schlecht war. Sondern mit einer technischen Innovation: Auf der runderneuerten Internetseite des Kinos waren nun auch Kartenvorbestellungen möglich, außerdem machte man dort viel mehr Werbung für das eigene Programm als vorher. Plötzlich wurden auch die Menschen aus anderen Orten der Region auf den Electric Palace aufmerksam. „Wir sind heute Cash Break-Even“, sagt Alasdair Warren in der Sprache der Investmentbanker. Anders ausgedrückt: Er muss nun kein Geld mehr nachschießen, das Kino trägt sich selbst.

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Warren spricht so voller Begeisterung von seiner Investition, als habe er in seinem Leben nie etwas anderes tun wollen. „Das macht viel mehr Spaß als das tägliche Bankgeschäft“, gibt er offen zu. Aber er sagt auch: „Ohne meinen gutbezahlten Job wäre ich gar nicht in der Lage gewesen, das Kino zu übernehmen.“ Der ziemlich untypische Investmentbanker Alasdair Warren entspricht auch in diesem Punkt nicht dem Klischee: Geld ist für ihn Mittel zum Zweck, damit zu protzen ist ihm zuwider. Ursprünglich hatte der Brite einst Geologie studiert, nach dem Studium plagten ihn Schulden. Als Seiteneinsteiger fand er Mitte der 1980er Jahre seine erste Anstellung in der Londoner City. „Das war rein der ökonomischen Notwendigkeit geschuldet.“

Wie sehr sein Herz an Bridport hängt, ist zu spüren, wenn Warren den Electric Palace besucht. An diesem Abend tritt der TV-Komiker Reginald D. Hunter auf, das Haus ist ausverkauft. Fast Warrens gesamte Familie ist gekommen, auch seine Mutter, die in der Nähe lebt. Der Hausherr hat mitnichten Plätze in der ersten Reihe reserviert, er sitzt mit seinen Angehörigen weiter hinten.

Alasdair Warren lacht viel während der Vorstellung, aber er schaut sich auch viel um. Er liebe es, in die Gesichter der Menschen zu blicken und die Atmosphäre aufzusaugen, wird er später sagen. Das ist nur allzu verständlich: Wenn es nach dem Wochenende zurück nach London geht, muss Alasdair Warren mit einer viel unangenehmeren Atmosphäre zurechtkommen – in der Deutschen Bank sieht er mit Sicherheit weniger erfreute Gesichter.

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