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Interessantes Hobby : Der Investmentbanker und sein Kino

„Ich habe sofort angerufen“

Er selbst hat hier im Alter von zehn oder elf Jahren seinen ersten Kinofilm gesehen, „Der Spion, der mich liebte“ mit Roger Moore in der Rolle des James Bond. Bis heute erinnert sich Warren, wo er damals saß: im Oberrang, erste Reihe, ganz links. Es war damals nicht abzusehen, dass diese besondere Erinnerung ihn Jahre später einmal stolze 1,5 Millionen Pfund kosten würde. Denn so viel hat der Banker insgesamt ausgegeben, seit er den Electric Palace im Jahr 2015 gekauft hat. Wie kommt einer nur auf eine solch verrückte Idee?

Man muss sich dies umso mehr fragen, da Investmentbanker bei aller Kritik dann doch eine Menge Arbeit haben: Wer wie Warren Firmen bei großen Deals berät wie beispielsweise den britischen Tabakkonzern British American Tobacco bei der Übernahme des amerikanischen Konkurrenten Reynolds, kann nicht damit rechnen, pünktlich um 17Uhr Feierabend zu machen. Deswegen Mitleid mit dem Banker zu haben wäre fehl am Platze, schließlich dürfte er für seine Arbeit wohl mehrere Millionen erhalten. Aber wie lässt sich da nebenbei noch ein Kino betreiben?

„Diese Frage habe ich mir nie gestellt“, sagt Warren. Wann immer es geht, entflieht der 51-Jährige dem hektischen Treiben Londons und verbringt die Wochenenden in der Heimat. So war es auch damals im Jahr 2015, als er gemeinsam mit einem Freund durch Bridport schlenderte. „Wir machten unseren Samstagsspaziergang und standen auf einmal vor der Eingangstür des Kinos, das all die Jahre immer geöffnet gewesen war. An diesem Tag aber war es geschlossen, und auf einem Schild stand: zu verkaufen. Daneben war eine Telefonnummer angegeben. Ich habe sofort angerufen.“

Der vorherige Besitzer verkaufte ihm den „Palace“, wie die Einheimischen das Kino nennen, quasi noch am selben Nachmittag für 500.000 Pfund – für einen erfolgreichen Banker ist dies eine durchaus bezahlbare Summe. Auch größere Kinoketten hatten Interesse gezeigt. Aber Warren erhielt den Zuschlag, weil er versprach, den besonderen Charme des Kinos zu bewahren. So ging der Brite am Samstagabend als glücklicher Kinobesitzer ins Bett – der Ort seiner Kindheitserinnerung war gerettet. Erst als er am Sonntagmorgen aufstand, begann er darüber nachzudenken, ob er überhaupt in der Lage sein würde, mal eben ein Kino zu renovieren und zu betreiben.

Investition von 500.000 Pfund

Doch bevor die Zweifel überhandnahmen, besann sich Warren auf einen Wesenszug, der Investmentbankern typischerweise nachgesagt wird – das unerschütterliche Selbstbewusstsein, manche würden auch sagen die Arroganz, dass die Dinge schon so laufen werden, wie man sich das vorstellt. „Von dem Moment an bin ich die Sache wie einen typischen Investmentfall angegangen, mit denen wir in der Bank ständig zu tun haben.“

Auf einmal war ihm klar, was er zu tun hatte. Als Erstes musste er einen Geschäftsführer finden, der ihm die Programmplanung und die Organisation der täglichen Arbeit im Kino abnehmen könnte. Dies hätte sich als eine komplizierte Angelegenheit herausstellen können, aber Alasdair Warren regelte alles noch an eben jenem Sonntag, an dem er zunächst mit Sorgen aufgewacht war. Er rief nämlich seine Schwester an, die damals als Marketing-Fachfrau arbeitete, und verabredete sich mit ihr zum Mittagessen. „Hättest du Lust, den Electric Palace zu betreiben?“ Sie antwortete: „Das wäre die perfekte Aufgabe für mich.“

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