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Hauptversammlung : Aktionäre verlieren Geduld mit Pro Sieben Sat 1

Pro-Sieben-Sat-1-Chef Max Conze will die digitale Reichweite seiner Sender erhöhen. Bild: Dominik Gierke

Weniger Dividende, weniger Fernsehzuschauer: Dem Vorstand des Medienkonzerns misslingt die Trendwende.

          Vor einem Jahr gab es Applaus für Max Conze. Damals stellte sich der jugendlich wirkende Manager in der Hauptversammlung des Medienkonzerns Pro Sieben Sat 1 den Aktionären vor. Blaues Sakko, offenes Hemd, weiße Turnschuhe, dazu ein Loblied auf das Fernsehen und seine Zuschauer. Er werde, sobald er den Vorstandsvorsitz übernehme, „die Zuschauer in den Mittelpunkt“ stellen, versprach der gebürtige Bielefelder, der seine Karriere außerhalb der Medienwelt gemacht und zuletzt für den britischen Staubsaugerproduzenten Dyson gearbeitet hat. Zur Vorbereitung auf seine neue Stelle hatte der medienunerfahrene Conze einige Menschen daheim besucht, um ihr Nutzungsverhalten kennenzulernen. Er erzählte von „Sabine, die mit ihrem kleinen Kind fernsieht“, und von „Stefan und Angelika, die mit unserem Frühstücksfernsehen aufstehen“. Vielen Aktionären gefiel das.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Ein Jahr später war es ruhig in der Hauptversammlung. Niemand klatschte, als Conze sein Versprechen erneuerte, „meine gesamte Leidenschaft und Energie in meine neue Aufgabe“ zu setzen. Der 49 Jahre alte Vorstandschef bat dieses Mal um Geduld. Zu miserabel ist die Bilanz, gemessen am Aktienkurs, der unter Conze nochmals um 40 Prozent nachgegeben hat, und einer von 1,93 auf 1,19 Euro gekürzten Dividende. Noch dazu musste der Vorstand mit ansehen, wie der italienische Fernsehkonzern Mediaset die niedrige Börsenbewertung des deutschen Wettbewerbers vor zwei Wochen zum Einstieg nutzte und sich mit fast 10 Prozent zum neuen Großaktionär aufschwang.

          Jetzt spekulieren Beobachter wie Aktionäre über die Absicht des Mailänder Unternehmens, das zum Medienimperium des umtriebigen früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gehört. „Lernen Sie schon Italienisch?“, fragte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Conze gab sich bedeckt. Italienisch sei eine „wunderschöne Sprache“, sagte er nur und nannte das Mediaset-Engagement ein „positives Signal und Vertrauensbeweis in unsere Strategie und Führungsmannschaft“.

          Aktionär beklagt „Schieflage des Unternehmens“

          Der Aufsichtsratsvorsitzende Werner Brandt ließ auch die Frage unbeantwortet, ob und wann ein Mediaset-Vertreter in das Gremium einziehen wird. Und während die Mailänder ganz offen von einer europäischen Fernsehallianz reden, sagte Vorstandsmitglied Conrad Albert nur, dass Mediaset ein aus zwei Gemeinschaftsprojekten bekannter Partner sei, mit dem man die Zusammenarbeit unabhängig von dessen Kapitalbeteiligung fortsetzen werde. Mehr erfuhren die Anteilseigner dazu nicht.

          So durfte es nicht verwundern, dass einige der 960 anwesenden Aktionäre die Geduld mit der Führungsetage verloren. Kritik gab es weniger für den runderneuerten Vorstand als vielmehr für den langjährigen Chefaufseher Brandt. Der habe dem Treiben viel zu lange zugesehen, sagte Privataktionär Johannes Witt, der auch Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Börse ist. Er kritisierte die hohe Vergütung für den Vorstand und zeigte zudem wenig Verständnis dafür, dass Brandt den Amtsantritt von Conze mit einem sogenannten Sign-on-Bonus von 3 Millionen Euro honoriert hat. Die geplante Wiederwahl von Aufsichtsratschef Brandt sei den Aktionären angesichts der „Schieflage des Unternehmens“ nicht zuzumuten, erklärte Witt seinen Gegenantrag in der Hauptversammlung – dem die Kapitalmehrheit gleichwohl nicht folgte.

          Kurzvideos für Facebook

          Conze versprach nun, den Abwärtstrend im klassischen Fernsehgeschäft durch eine steigende Digitalreichweite auszugleichen. In zwei neue Projekte setzt er große Erwartungen: Da ist zum einen die gemeinsam mit dem amerikanischen Discovery-Konzern aufgebaute Streaming-Plattform „Joyn“, die Conze den Aktionären auf seinem Smartphone noch in einer Beta-Version vorstellte, die aber schon vom kommenden Dienstag an für jedermann erhältlich sein soll. Auf der App sind dann die Angebote von 54 Partnersendern gebündelt, darunter auch die der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ARD und ZDF. Ziel sei, in zwei Jahren zehn Millionen Nutzer zu erreichen, sagte Conze und musste auf Nachfrage einräumen, dass die Gewinnschwelle voraussichtlich erst in drei bis vier Jahren erreicht werde – und das auch nur auf Basis des bereinigten Ergebnisses vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda).

          Zum anderen gab Conze ein Abkommen mit dem amerikanischen Online-Netzwerk Facebook bekannt. Für Facebook Watch werden die Münchner Kurzvideos produzieren, um mehr junge Zuschauer zu erreichen. Applaus gab es auch dafür nicht.

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