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Aktienmarkt : Entry Standard übt große Anziehungskraft aus

  • Aktualisiert am

Auch Wolfgang Wismeths Sunline AG notiert im Entry Standard Bild: Sunline AG

Der Neue Markt ist tot, es lebe der Entry Standard. Das neu eingeführte Marktsegement mit geringen Listing-Anforderungen erlebt einen Ansturm kleiner Unternehmen. Indes verlaufen die Kursentwicklungen eher schwach.

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          Der deutsche Aktienmarkt hat 2005 einen Ansturm der kleinen Unternehmen erlebt. Seit Jahresbeginn sind 33 Aktien im Freiverkehr hinzugekommen, die meisten Emittenten hatten dabei zur Erstnotierung eine Marktkapitalisierung von weniger als 50 Millionen Euro.

          Mit der Einführung des Entry Standard als neue Qualitätsstufe im Freiverkehr hat sich die Anziehungskraft des weitgehend unregulierten Marktes für kleine, meist mittelständisch geprägte Firmen noch erhöht. Elf der 200 Unternehmen aus dem Freiverkehr unterwarfen sich sofort nach dem Start im Oktober den etwas schärferen Regeln des Entry Standard. Sieben Unternehmen, die bislang noch nicht an der Börse notiert waren, kamen seither hinzu. Die Wertentwicklung der Aktien läßt indes oft zu wünschen übrig.

          Lediglich fünf echte Börsengänge

          In Finanzkreisen gibt es denn auch die Sorge, einige schwarze Schafe könnten den Ruf des gesamten Segmentes beschädigen. „Der Entry Standard ist ein noch junges Pflänzchen. Alle Marktteilnehmer müssen darauf achten, daß nur börsenreife Unternehmen an den Markt gebracht werden“, mahnt Johannes Eismann, Vorstand der aus der Consors Capital Bank hervorgegangenen CCB Bank in Frankfurt.

          Kritik entzündet sich daran, daß die meisten Unternehmen den Sprung in den Freiverkehr im Jahr 2005 nicht als klassischen Börsengang absolviert haben. Lediglich fünf Unternehmen, Frimag, Ifa Systems, Sunline, Designbau und Eutex, boten Aktien aus einer Kapitalerhöhung öffentlich an; üblicher war eine Privatplazierung im Vorfeld der Notierungsaufnahme. Dann erhielt nur ein ausgewählter Investorenkreis Aktien. „Für Mini-Emissionen bis 20 Millionen Euro ist ein öffentliches Angebot nicht immer effizient“, sagt Andreas Beyer, Vorstandssprecher der Investmentbank VEM Aktienbank in München. „Bis zu einem Volumen von 10 Millionen Euro empfehlen wir immer eine Privatplazierung.“

          Nach Ansicht von Beyer können die Unternehmen mit einer Privatplazierung Unzufriedenheit der Anleger vermeiden. Denn bei der Zuteilung überzeichneter Emissionen muß der Emittent die unbequeme Entscheidung treffen, ob Anleger gar nicht berücksichtigt oder nur einen Bruchteil der gewünschten Aktien bekommen sollen. Besonders unangenehm ist vielen Zeichnern wohl noch der Börsengang von Sunline in Erinnerung. Die Aktienemission war 37fach überzeichnet. Anleger, die 100 Aktien bestellt hatten, erhielten am Ende nur eine einzige. „Im kleinen Kundenkreis lassen sich Mini-Emissionen bequemer plazieren“, sagt Beyer.

          Uneinigkeit um Publizitätspflichten

          Anleger, die nach Notierungsaufnahme die Aktien kaufen, müssen sich indes im klaren darüber sein, daß vielfach kein Börsenprospekt existiert. Damit gibt es in der Regel keine Information über Verpflichtungen der Alteigentümer, wie lange sie ihre Aktien halten werden (Lock-up-Fristen).

          Vielmehr ist es sogar Voraussetzung für Umsatz zum Börsenstart, daß Aktien aus dem bisherigen Gesellschafterkreis verkauft werden. Außerdem sollten sich Anleger des Risikos bewußt sein, daß Unternehmen, die noch kein öffentliches Aktienangebot gemacht haben, sich mit der Veröffentlichung ihrer Gewinn- und Umsatzzahlen nicht leichttun werden. Derzeit wird unter Juristen und Emissionsberatern intensiv diskutiert, wie vorsichtig eine Pressemitteilung formuliert sein muß, um zu vermeiden, daß die Notierungsaufnahme nachträglich von der Wertpapierhandelsaufsicht (Bafin) als öffentliches Angebot gewertet wird. „Ohne Prospekt sollte es keine Kapitalerhöhung im Entry Standard geben“, sagt deshalb Eismann.

          Der Prospekt hat Zukunft

          Auch bei anderen Banken setzt sich die Erkenntnis durch, daß sie ohne Prospekt Haftungsrisiken eingehen. Denn im Entry Standard muß die den Börsengang begleitende Bank anschließend als sogenannter Listing Partner dafür sorgen, daß der Emittent spätestens sechs Monate nach Geschäftsjahresende einen testierten Konzernabschluß vorlegt und zudem wesentliche, als kursrelevant einzustufende Unternehmensnachrichten auf seiner Internetseite quasi ad hoc bekanntgibt. Beyer kündigt an, daß Aragon und Nanofocus, die unter Begleitung der VEM Aktienbank die Notierung aufgenommen haben, einen Prospekt nachreichen werden.

          Ein Prospekt kostet ein Unternehmen schätzungsweise 350.000 Euro. Aber auch Gerald Dietzel von der Investmentbank Equinet in Frankfurt, die für EOP Biodiesel die größte Privatplazierung in diesem Jahr im Volumen von 25 Millionen Euro arrangierte, geht davon aus, daß sich der Prospekt im Entry Standard durchsetzen wird. „Die Investoren wollen es. Und es macht die Kommunikation einfacher“, sagt Dietzel.

          Zudem sollten sich die Unternehmen im klaren sein, daß der Entry Standard nur das Eingangstor und nicht die Endstation an der Börse ist. „Der Entry Standard ist zum Üben. Ziel jedes Unternehmens sollte der Geregelte Markt oder der Amtliche Handel sein.“ Insofern könne es nicht schaden, wenn die Unternehmen die Anforderungen des Freiverkehrs zumindest teilweise übererfüllten.

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