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Aktienmärkte in Corona-Krise : Die Kraft der Ignoranz

  • -Aktualisiert am

Ein verzweifelter Händler im März an der New Yorker Börse Bild: dpa

Die Aktienmärkte scheinen sich zu stabilisieren, viele Folgen der Corona-Pandemie schon eingepreist zu sein. Doch einiges wird dabei bequem ausgeblendet.

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          Ist das jetzt die ersehnte Stabilisierung? Kommen jetzt die normalen Verhältnisse am Aktienmarkt wieder? Immerhin schloss der amerikanische Aktienmarkt am Dienstag wenig verändert und auch der deutsche Markt bewegt sich am Mittwochmorgen nur wenig, statt deutlich fester oder leichter.

          Vor allem aber fallen die Volatilitätsindizes, die die Kursschwankungen messen, weiter deutlich. Am 18. März erreichte der amerikanische Vix-Index auf den S&P-500-Index einen Rekordwert von 85,47, der höchste Wert seit 1990. Bis dahin reicht die Rückrechnung nach der heute angewendeten Berechnungsmethode. Im langjährigen Mittel liegt der Wert typischerweise bei 16.

          Nach der alten Berechnung, die sich auf den S&P-100-Index bezog, stammt der Rekordwert weiter mit 150,19 vom legendären 19. Oktober 1987. Zum Vergleich: Der alte Index erreichte im März 2020 einen Wert von 100,89. Selbst beim sogenannten Volatilitäts-Crash im Februar 2018, als diese urplötzlich anstieg, erreichte der Vix nur den Wert von 37,3. Das bisher letzte Mal, dass der Volatilitätsindex ein ähnlich hohes Niveau erreichte, war im November 2008.

          Ähnlich sieht es an der deutschen Börse aus. Der V-Dax New erreichte am 16. März einen Wert von 93,3 und damit auch einen neuen Höchststand seit 1992, weiter reicht die Berechnung des 1994 eingeführten Index nicht zurück.

          Doch inzwischen sind die Werte deutlich gefallen. Sowohl der Vix als auch der V-Dax New sind um gut 40 Prozent gefallen. Dabei darf man allerdings nicht übersehen, dass die Volatilität damit immer noch auf deutlich erhöhtem Niveau liegt, wenngleich natürlich die heftigen Kursänderungen der vergangenen 45 Tage (Dax) und 30 Tage (S&P-500) dort einfließen.

          Dennoch lässt sich festhalten: Die Kursschwankungen haben nachgelassen. Am Mittwoch sieht alles fast schon normal aus. Ein Minus des Dax von 1,4 Prozent ist unerfreulich, aber nicht tragisch, ebenso wenig ein Abschlag von 0,2 Prozent im Terminhandel auf den S&P-500; und auch in Asien hielten sich die Schwankungen innerhalb der Grenzen des Üblichen.

          Was aber bewegt die Märkte? In erster Linie die Anzahl der Neuinfektionen sowie der neuen Todesopfer durch die Lungenkrankheit Covid 19. Und just das zeigt, dass doch noch keine Normalität herrscht. Den Börsen reicht, wenn die Lage hier ein bisschen besser aussieht, dann geht es nach oben. Offenbar setzen die Märkte weiter auf eine rasche wirtschaftliche Erholung, ignorieren die Bewältigung der immensen Folgen der Krise und gehen von einer baldigen Rückkehr zu dem aus, was sie als normal erachten: Aufwärts.

          Es ist nicht so, dass es dafür nicht auch gute Gründe gäbe. Das Schlimmste könnte zumindest in den westlichen Ländern tatsächlich vorbei sein, meint der Optimist und richtet seinen Blick auf eine bevorstehende Lockerung der Beschränkungen. Die katastrophalen Wirtschaftsdaten, die jetzt folgen, sind erwartet und eingepreist. Und wenn dann etwa der Kurs des Reiseveranstalters Expedia um 55 Prozent gefallen ist, dann ist das eine gute Einstiegsmöglichkeit, wenigstens auf lange Sicht. So billig wie jetzt war die Aktie schon seit acht Jahren nicht mehr.

          Doch nicht immer ist die Rechnung so einfach. So stieg etwa der Kurs der Boeing-Aktie am Montag um fast 20 Prozent. Klar, auch die Aktie des Flugzeug-Herstellers war seit sieben Jahren nicht mehr so günstig zu haben. Und die Corona-Krise sei ja nicht die Schuld der Unternehmen. Wenn sie dann mal vorbei sei, werde wieder geflogen und dann würden auch wieder Flugzeuge gebraucht. Boeing habe sich zudem auf die Krise besonders vorbereitet, seine Liquiditätslinien in Anspruch genommen und staatliche Hilfskredite zugesagt bekommen.

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