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Erleichterung nach der Wahl : „Das größte Risiko ist aus Finanzmarktsicht ausgeräumt“

Banken in Frankfurt: Die Finanzmärkte reagieren gelassen auf die Bundestagswahl. Bild: dpa

Am Morgen nach der Bundestagswahl legen die Aktienkurse zu. Auch wenn vieles noch unklar ist, äußern viele Börsianer sich zuversichtlich.

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          Die Finanzmärkte haben am Montag freundlich auf die Bundestagswahl reagiert. Der deutsche Leitindex Dax verzeichnete ein Plus von rund einem Prozent 15.663 Punkte, auch der M-Dax der mittelgroßen Werte legte zu.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor allem eine rot-grün-rote Koalition hatten manche Börsianer gefürchtet, wie Andreas Billmeier von der Fondsgesellschaft Western Asset sagte. Dass die jetzt nicht kommen wird, scheint allein schon Ursache gewisser Erleichterung zu sein.

          „An den Finanzmärkten wird der Wahlausgang gelassen aufgenommen“, sagte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank am Morgen. „Ein Linksbündnis scheidet aus. Das größte Risiko ist aus Finanzmarktsicht somit ausgeräumt. Damit steht aber auch fest: Mit einem deutlichen Bruch der bisherigen Regierungsarbeit ist nicht zu rechnen." Und Jens Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg kommentierte: „Aus Marktsicht dürfte es eine gute Nachricht sein, dass eine Linkskoalition rechnerisch unmöglich ist und folglich als Drohkulisse der Verhandlungen zwischen SPD, CDU, Grünen und FDP abgeräumt wurde.“ Ohne die Linkspartei dürfte es keine Mehrheit für Steuererhöhungen oder für neue Regulierungen wie eine Mietpreisbremse geben, was bei vielen Investoren für ein Aufatmen sorge, sagte Michael Holstein, der Chefvolkswirt der DZ Bank.

          Es gibt immer einen, der das nicht mitmacht

          Analysten und Ökonomen meinten zudem, aus dem Wahlergebnis herauszulesen, dass jetzt durch die möglichen Koalitionen weder eine hohe zusätzliche Besteuerung von linker Seite, noch eine sehr restriktive Politik bei den Staatsausgaben von konservativer Seite möglich sei, weil immer ein Koalitionspartner gebraucht werde, der das nicht mitmache. Denkbar wären noch eine Koalition aus SPD, Grünen und FDP (Ampel), aus CDU, Grünen und FDP (Jamaika) oder CDU und SPD, die sogenannte Große Koalition (Groko).

          „Ampel oder Jamaika? Mit beiden jetzt möglichen und wahrscheinlichen Konstellationen können die Börsen gut leben. Auch eine Fortsetzung der Groko wäre für die Börsen keine Katastrophe“, sagte Thomas Altmann, Fondsmanager bei QC Partners. Das es trotzdem wahrscheinlich eine gewisse Verschiebung der Regierung nach links geben werde, dürfte die Fiskalpolitik in den kommenden Jahren die Konjunktur nicht so stark bremsen wie bislang erwartet, schreiben die Analysten der Commonwealth Bank of Australia.

          Das größte Risiko für die Finanzmärkte stecke jetzt darin, dass die Koalitionsverhandlungen im „Sumpf der Details“ steckenblieben, sagt Ulrich Kater, der Chefvolkswirt der Dekabank. Ansonsten sei es ein „Wahlergebnis von Maß und Mitte“. Es seien nun weder zu starke wirtschaftspolitische Ausschläge nach links, noch deutliche Steuersenkungen zu erwarten. Die großen Aufgaben der Investition in Nachhaltigkeit und Infrastruktur sei allen denkbaren Koalitionen gemein, wenngleich noch ehrgeizigeren Klimazielen im Ergebnis eher eine Absage erteilt worden sei. „Mit dieser politischen Neuausrichtung können die Finanzmärkte gut leben“, meinte Kater.

          „CDU/CSU werden abgestraft, die SPD wird stärkste Partei“, schreibt das Bankhaus Metzler. Trotzdem habe es am Sonntagsabend erste Berichte gegeben, die Olaf Scholz doch nicht als den strahlenden Sieger zeigten, sondern eher als einen besorgten. Grund hierfür sei ein Vorstoß der FDP, vorab Gespräche mit den Grünen, die eher enttäuscht hätten, zu führen. „Somit ist dann plötzlich auch Jamaika wieder eine ernst zu nehmende Option, und nicht nur die von etlichen Auguren erwartete Ampelkoalition„, schreibt Metzler. „Das insbesondere von den Märkten gefürchtete Bündnis Rot/Rot/Grün kommt aufgrund fehlender Mehrheit ohnehin nicht infrage – es bleibt also spannend.“

          David Folkerts-Landau, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sagte: „In den kommenden Jahren erfordern die Folgen des amerikanisch-chinesischen Konflikts, der Brexit und die Notwendigkeit, eine stärkere EU zu schaffen, eine stärker gestaltende Politik der nächsten Regierung. Diese neue Rolle, die von vielen  internationalen Beobachtern seit Langem von Deutschland gefordert wird, kommt zu einer Zeit, in der die wirtschaftliche Position des Landes bedroht ist – durch eine ungünstige demografische Entwicklung, strukturelle Umbrüche infolge der Digitalisierung und vor allem durch die große Herausforderung, in den nächsten zwei Jahrzehnten Klimaneutralität zu erreichen.“  Die neue Regierung stehe also vor der doppelten Herausforderung, die neue internationale Rolle Deutschlands zu  definieren und die richtige Balance zwischen Marktwirtschaft und einem starken, lenkenden Staat zu finden.“

          „Viele Anleger und Unternehmer dürften erleichtert sein, dass ein rot-grün-rotes Bündnis im neuen Bundestag voraussichtlich keine Mehrheit hat“, sagte Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank. Das stärke die Verhandlungsposition der FDP, ohne die niemand eine stabile Regierung bilden könne, wenn man von  einer großen Koalition absehe. „Ein wirtschaftspolitischer Linksschwenk ist damit vom Tisch“, meinte Krämer. „Aber auch ein marktwirtschaftliches Reformprogramm ist sehr unwahrscheinlich, weil die Grünen als unabdingbarer Partner jeder Koalition wirtschaftspolitisch anders ticken als die FDP.“ Eine wirtschaftspolitische Trendwende zeichne sich damit nicht ab.

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