https://www.faz.net/-gv6-t1f7

Aktienkurs : Börsenkandidaten halten mit Preis hinterm Berg

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Immer häufiger wird die Preisspanne für die Aktien von neuen Börsengängen erst zwei bis drei Tage vor der Handelsaufnahme festgelegt und den Anlegern mitgeteilt. Die Käufer haben somit größeren Einfluß auf den Preis.

          2 Min.

          Anleger müssen sich daran gewöhnen, daß sie bei einem Börsengang die Preisspanne für die neuen Aktien erst kurz vor dem Ende der Zeichnungsfrist erfahren. Die begleitenden Banken empfehlen an die Börse strebenden Unternehmen zunehmend, sich institutionellen Großanlegern wie Fondsmanagern in persönlichen Gesprächen zunächst ohne Preis zu präsentieren und die Preisspanne erst auf Basis von deren Rückmeldung festzulegen.

          Nach Ansicht von Investmentbankern hat das neue Verfahren zu einer höheren Transaktionssicherheit geführt. Allerdings scheiterte zum Beispiel der Börsengang von Wacker Construction im Juli diesen Jahres dennoch. Die Fondsgesellschaft Union meint, ihre Fondsmanager hätten nun mehr Arbeit, weil sie die bisherige Aufgabe der Konsortialbanken, einen marktgerechten Preis festzulegen, nun mitübernehmen müßten. „Aber dadurch haben wir als Käufer auch mehr Einfluß auf den Preis“, sagt Fondsmanager Thomas Deser.

          2000 spielte der Preis keine Rolle

          Markus Straub von der Schutzgemeinschaft der Kleinanleger beklagt wegen der späten Bekanntgabe harter Fakten ein zunehmendes Informationsgefälle zwischen institutionellen und privaten Anlegern. Er erkennt aber auch Vorteile: „Die Unternehmen bekommen ein besseres Gespür dafür, was möglich ist. An einem funktionierenden Markt ist allen gelegen.“

          1999 und 2000 rissen die Anleger auch Börsenkandidaten mit hohen Jahresverlusten die Aktien aus den Händen. Der Preis schien keine Rolle zu spielen. Nachdem im Jahr 2003 als Folge der vielen Fehlschläge am Neuen Markt überhaupt kein Börsengang stattfand, mußte der Markt im Jahr 2004 mit der Postbank mühsam wiederbelebt werden. Dieser Börsengang war für viele Banken ein Schlüsselerlebnis. Fondsmanager redeten tagelang schlecht über die Postbank und drückten so den Wert. Damals war es üblich, zum Beginn der Werbetour alle Daten des Angebotes - insbesondere die Zahl und die Preisspanne der Aktien - vorzulegen.

          Drei Tage vor dem Handel festgelegt

          Im Frühjahr 2005 wählte die Deutsche Bank beim Solarunternehmen Conergy erstmals ein neues Verfahren. Seither werden bei der überwiegenden Zahl der Börsengänge in Deutschland diese entscheidenden Komponenten erst rund zwei Tage vor der vorbörslichen Zuteilung und drei Tage vor der Handelsaufnahme an der Börse festgelegt. Der Wertpapierprospekt ist zunächst unvollständig und muß später ergänzt werden. Investmentbanker argumentieren, das neue Verfahren sei „marktnäher“.

          Die Entkoppelung von Präsentation und Preisfestsetzung verschaffe Flexibilität, sehr viel länger auf die Kursentwicklung von Unternehmen zu reagieren, die mit dem Börsenkandidaten vergleichbar sind. Zudem sei für die Zeichnungsbereitschaft institutioneller Großanleger oft entscheidend, welchen Eindruck das Management mache. Daher sei es sinnvoll, die Aktienpreise erst nach individuellen Gesprächen festzulegen.

          Preiszugeständnisse im Frühsommer

          Daß sich diese Praxis durchgesetzt hat, zeigt auch, welch eine geringe Bedeutung den Privatanlegern derzeit zukommt. Entfällt 20 Prozent einer Emission auf diese Anlegergruppe, gilt dies als viel. Insofern sei es nur konsequent, wenn sich die Banken auf die Großanleger konzentrierten, geben selbst Privatanlegervertreter hinter vorgehaltener Hand zu. Zudem gelten Privatanleger als wenig preissensitiv. „Nur die wenigsten geben einen Zeichnungsauftrag ab, der durch ein Limit einen Kauf im oberen Teil der Preisspanne verhindert“, schildert ein Wertpapierberater einer Sparkasse seine Erfahrungen.

          Die Bilanz 2006 zeigt bislang keine Tendenz, ob Anleger mit Börsengängen besser fahren, die mit dem neuen oder dem alten Preisfindungsverfahren erfolgt sind. Vielmehr scheint es entscheidend auf das Marktumfeld anzukommen. Im Frühsommer, als es schwierig war, Börsengänge zu plazieren, machten die Emittenten offenbar größere Preiszugeständnisse als im Frühjahr, als das Geschäft rund lief.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Reisende aus China : Entwarnung nach Verdachtsfall in Berlin

          Eine Frau befand sich vorübergehend auf einer Isolierstation, der Test auf das Coronavirus fiel jedoch negativ aus. Die Berliner Gesundheitsbehörde rät Reisenden aus dem Risikogebiet in China dennoch zur Vorsicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.