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Aktienhandel : Der vermutlich teuerste Tippfehler der Welt

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Hätte er nur zweimal hingesehen Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Ein falscher Tastendruck kann im Aktienhandel manchmal eine verheerende Wirkung haben. Die Japaner führen die Hitliste der folgenreichen Fehleingaben an: 300 Millionen Euro Schaden verursachte der Mitarbeiter eines Handelshauses.

          Jeder Mensch macht Fehler - das Kunststück liegt darin, sie zu machen, wenn keiner zuschaut. An der Börse allerdings ist das recht schwierig, vor allem wenn der Fehler in Form einer Fehleingabe am Computer über sämtliche Handelsbildschirme gejagt wird - dann sind rasch mehrere Millionen Euro im Feuer.

          Das letzte Opfer eines solchen Tastaturirrtums war ein amerikanischer Anleger, dessen Google-Aktien vor gut einer Woche im Wert von 380 Dollar zu 38 Dollar über den Tisch des Börsenhauses gingen - für ganze zwei Minuten wurden die Google-Aktien an der Wachstumsbörse Nasdaq zu Kursen zwischen 37,81 Dollar und 38,05 Dollar gehandelt, weil ein Händler mit seinen Fingern auf dem Ziffernblock seiner Tastatur gestolpert war. "Ich war mir sicher, daß er einen Herzinfarkt bekommen würde", wird der Berater des fraglichen Google-Anlegers zitiert.

          Dabei war er damit noch gut bedient - schwer zu sagen, wie sich die Anleger des Zeitarbeit-Unternehmens J-Com gefühlt haben müssen, als ein Händler im Dezember vergangenen Jahres eine Aktie des Unternehmens für 610.000 Yen verkaufen sollte. Als die Order für 610.000 Aktien zu einem Yen über die Bildschirme flimmerte, schlug das Programm zwar Alarm, doch der Auftrag ging dennoch an die Börse. Zu allem Übel setzte die Börse die Aktie nicht vom Handel aus, so daß den entsetzten Händlern J-Com-Aktien im Wert von drei Milliarden Euro um die Ohren flogen. Der ganze Spaß kostete das Handelshaus 300 Millionen Euro - das dürfte der vermutlich teuerste Tippfehler der Welt sein.

          Dax fiel um 15 Prozent nach falschem Tastendruck

          Überhaupt scheint die japanische Börse ein Eldorado für fehlgeleitete Tastaturvirtuosen zu sein: Im Jahr 2001 verkaufte dort ein Händler 610.000 Aktien der Dentsu Inc. Zu 16 Yen - leider wollte er nur 16 Aktien zu 610.000 Yen verkaufen. Da auch hier die Börsensoftware versagte und Tipp-Ex auf Bildschirmen nicht funktioniert, kostete die Bank der ganze Spaß hundert Millionen Euro - das dürfte wohl Platz Nummer zwei in der Bestenliste der Tippfehlleistungen sein. Da nehmen sich die fünf Millionen Euro, für die ein Händler in Tokio geradestehen mußte, der statt 2 ganze 2000 Aktien an den Markt warf, fast bescheiden aus; die 3,7 Millionen Euro aus einer anderen Fehleingabe bekommen da Portokassencharakter.

          Der wohl beliebteste unter den Börsentippfehlern ist die Wertpapierkennummer (WKN), die als Ordergröße eingegeben wird, gefolgt von der Idee, die Papiere zum Preis der WKN zu verkaufen, sagen Aktienhändler. Japanische Verhältnisse in Deutschland hingegen sind eher unwahrscheinlich, glaubt Matthias Jasper: "Wir haben in Deutschland sehr gute Sicherungsmechanismen", sagt der Leiter des Aktienhandels bei der WGZ-Bank. Bei zu hohen Ordergrößen gebe es zuerst eine Sicherheitsabfrage, dann komme möglicherweise eine Volatilitätsunterbrechung, ein Anruf von der Börse und unter Umständen noch eine erweiterte Volatilitätsunterbrechung hinzu. Dennoch - wo gehandelt wird, fallen auch Späne, so wie 2001, als ein falscher Tastendruck an der Terminbörse Eurex dem Dax-Future, dem Terminkontrakt auf den Deutschen Aktienindex Dax, 15 Prozent vom Kurs abhobelte. Ärgerlicherweise folgten viele automatische Verkaufsprogramme dem Index nach unten, so daß sich der Fehler sozusagen multiplizierte - wir irren eben allesamt, nur jeder ein wenig anders.

          In Deutschland sind die Vertipper fein raus

          Dabei ist nicht jeder Tippfehler gleich schwerwiegend: Wer beispielsweise aus Versehen einen Kaufauftrag zu 100 statt zu 10 Euro stellt, muß nicht befürchten, daß er sie auch zu diesem Preis bekommt - man bekommt sie lediglich so, als hätte man den Kaufauftrag unlimitiert erteilt. Je kleiner diese Fehler sind, um so weniger erkennt man diese als Fehler. Händler sagen, daß pro Jahr in der Regel nur drei bis fünf offensichtliche Fehler über die Schirme flimmern - wer sie macht, sieht man allerdings nicht, und eine Rückabwicklung gibt es in der Regel nicht.

          In Deutschland müssen die Händler die Kosten ihrer Fehleingabe in der Regel nicht tragen, angelsächsische Institute sind da weniger zimperlich - hier gilt die Devise "Fehler kosten dein eigenes Geld". Wie teuer für den betreffenden Händler der Fehler war, der im Jahr 2001 dem britischen FTSE-100-Index eine satte Verkaufswelle bescherte, ist nicht bekannt, nur die Höhe der Verluste: Der Index fiel um 3,5 Prozent. Weniger ein Tippfehler, eher eine Zweckentfremdung war es, die an der Londoner Börse 1998 den Terminkontrakt auf französische Anleihen auf Tauchfahrt schickte: Angeblich hatte sich ein Händler aus Versehen auf die Tastatur gestützt.

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