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Kurssturz der Ströer-Aktie : Zweifelhafte Studien bewegen Kurse

Ströer setzt auf digitale Werbung Bild: Setzer, Claus

Gut ein Drittel seines Börsenwerts hatte der Außenwerber Ströer innerhalb einer Stunde verloren. Auslöser war die Analyse eines Finanzinvestors – der vorher auf den Kursverfall gewettet hatte.

          Eine vernichtende Studie des amerikanischen Finanzunternehmens Muddy Waters Capital hat die Aktie des Kölner Außenwerbeunternehmens Ströer SE am Donnerstag zwischenzeitlich um mehr als 30 Prozent einbrechen lassen. Mehr als 780 Millionen Euro Börsenwert gingen verloren. Bei knapp 37 Euro erreichte das im M-Dax notierte Papier seinen niedrigsten Stand seit fast einem Jahr. Dass die Kölner das Urteil entschlossen zurückwiesen, konnte das Vertrauen der Anleger nur zum Teil wiederherstellen. Im Laufe des Nachmittags erholte sich der Kurs ein wenig und schloss 18 Prozent im Minus, bei 44 Euro.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ausgelöst hatte den Rekord-Absturz ein Bericht von Muddy Waters Research, in dem der für seine Frontalangriffe bekannte Investor Carson Block zu einem vernichtenden Urteil kommt. Nicht nur stellt er mehrere Werte aus dem im März vorgelegten Geschäftsbericht in Frage, er wirft dem Unternehmen auch unterschiedliche Insidergeschäfte vor und bezweifelt die Unabhängigkeit des Aufsichtsrats. Das seit einigen Jahren als zweites Standbein neben der Außenwerbung aufgebaute Digitalgeschäft laufe nicht so gut wie behauptet. „Aus unserer Sicht ist Ströer nicht das Unternehmen, wofür es der Markt anscheinend hält“, heißt es in dem Bericht. „Unserer Ansicht nach liegen das organische Wachstum, der operative Cash flow und der freie Cash flow signifikant unter den von Ströer berichteten Angaben.“ Die Unternehmensführung (Corporate Governance) erinnere an chinesische Unternehmen.

          Ströer bekräftigte dagegen am Donnerstag seine Jahreszahlen. Die Geschäftsaussichten seien „ausgezeichnet“, an den Prognosen habe sich seit der letzten Veröffentlichung nichts geändert, sagte ein Sprecher. „Der Bericht ist weit hergeholt, mindestens tendenziös und im Ergebnis vollkommen haltlos“, hieß es in einer Stellungnahme zur „Short-Attacke durch Muddy Waters“. Man prüfe rechtliche Schritte. Muddy Waters hat nach eigenen Angaben über Short-Verträge auf Kursverluste von Ströer gewettet.

          Das Urteil von Muddy Waters läuft auch entgegen der Einschätzungen aller 14 Analysten, die auf dem Finanzportal Bloomberg ihre Urteile abgeben. Sie empfehlen Ströer durch die Bank als Kauf mit einem durchschnittlichen Zielkurs von knapp 72 Euro. Christoph Schlienkamp, der Ströer für das Bankhaus Lampe analysiert, sagte dieser Zeitung, dass er die fundamentalen Daten des Unternehmens weiterhin positiv sehe. Die Vorwürfe an die Unternehmensführung bezögen sich auf Fälle aus dem Jahr 2013, die weitgehend geklärt seien. Dass der Kurs dennoch so stark reagierte, führte er darauf zurück, dass bei Ströer traditionell viele Anleger Leerverkaufspositionen hielten, was eine Abwärtsbewegung leicht verstärke. Hinzu kämen die Computer, die automatisch bei negativen Berichten verkauften. Bei der Wertpapieraufsicht der Bafin hieß es, man überprüfe den Fall.

          Carson Block war früher Jurist der Kanzlei Jones Day in China und hat seit 2011 mehrfach chinesische Firmen angegriffen und einige davon ins Wanken gebracht. Er gilt als einer der einflussreichsten Investoren. Im Dezember hatte eine Studie von Muddy Waters („Trübe Wasser“) einen Kurssturz beim französischen Einzelhändler Casino ausgelöst. Das Unternehmen sei „gefährlich verschuldet“, hieß es. Auch damals hatte Block gegen den Aktienkurs gewettet. Die Aktie hat sich inzwischen fast vollständig erholt.

          Ende Februar war der Kurs des Münchener Zahlungsdienstleisters Wirecard abrupt um ein Viertel eingebrochen. Innerhalb weniger Stunden löste sich so mehr als eine Milliarde Euro an Marktkapitalisierung in Luft auf. Auslöser war damals eine Analyse des völlig unbekannten selbsternannten Research-Hauses Zatarra, in der dem Management Geldwäsche, Betrug und weitere schwerwiegende Verstöße gegen amerikanische Gesetze vorgeworfen werde. Quintessenz des Reports war ein Kursziel von null Euro. Auch hinter diesen vernichtenden Bewertungen vermuten Beobachter Leerverkäufer, die von fallenden Kursen profitieren. Auch hier ermittelt die Bafin, ob Marktmanipulationen vorliegen. Bis heute hat sich der Kurs des Münchener Unternehmens noch nicht wieder erholt.

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