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Zocker-Report : Spekulation mit Börsenmänteln blüht wieder

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Sibra: Früher Sinalco, jetzt soll (angeblich) Karstadt rein Bild: picture-alliance/ dpa

Das Gezocke mit Börsenmänteln hat im Januar neue Ausmaße erreicht. Ein früherer Zeitungsverlag, eine Immobiliengesellschaft und der ehemalige Sinalco-Produzent kommen wieder zu Ehren.

          Der Januar war trotz des kurzen Schrecks aus Japan ein guter Aktienmonat. Beim Dax steht ein Plus von rund 3,6 Prozent zu Buche, beim MDax und SDax sind es acht Prozent und beim TecDax stolze zwölf Prozent.

          Auch jenseits der Indizes zeigen sich die Märkte extrem optimistisch. Die spekulationsfreudigen Anleger haben sich neue Favoriten erkoren und ihnen zu satten Kursgewinnen, zumeist im dreistelligen Prozentbereich verholfen.

          Gewinner des Monats: Michael Zäh Verlag

          Wie immer findet sich darunter ein Rudel von Konkursaktien mit mehr oder weniger handfesten Mantelspekulationen. Ganz vorne steht dabei die Michael Zäh Verlags AG, die es auf ein Plus von nicht weniger als 365 Prozent gebracht hat.

          Das Unternehmen machte 1998 mit der kostenlosen Zeitung zum Sonntag (ZuS) von sich reden, die sich in einer Zeit finanzieren konnte, als die Werbekunden noch die Medienmacher auf Schritt und Tritt um Platz in der Publikation anbettelten. 2001 wurde aus der ZuS eine Tageszeitung. Doch die Attacke auf den Monopolisten „Badische Zeitung“ schlug fehl. Nach den ersten Nummern flaute das Interesse ab. 2001 entließ der mehrheitlich beteiligte Offenburger Reiff-Verlag die gesamte Redaktion.

          Zäh soll auch „handfeste ökonomische Fehler“ begangen haben, laut einem Bericht der „taz“ soll die Michael Zäh AG schon vor dem Börsengang im Jahr 2000 noch als GmbH überschuldet gewesen sein.

          Zwei Kursraketen mit Verbindungen

          Grund für den Kursanstieg ist ein öffentliches Kaufangebot der Nortrax Treuhand AG an die Aktionäre zu 15 Cent je Aktie, das am Freitag ausläuft. Hinter der Nortrax steht der Bremer Rechtsanwalt Olaf HasseIbruch, seines Zeichens früherer Aufsichtsrat bei der Carthago Biotech AG und der Carthago Capital Beteiligungen.

          Auch die Aktie der Carthago Biotech stieg im Januar um nicht weniger als 131 Prozent. Die als Beteiligungs-Holding konzipierte Carthago Biotech hat letztlich kein nennenswertes operatives Geschäft. 2004 erzielte sie durch Zinserträge und Wertpapiergeschäfte einen Überschuß von 104.000 Euro. Anfang September veräußerte Carthago Capital Beteiligungen 80 Prozent der Carthago Biotech an eine „Hamburger Investorengruppe“.

          Carthago Capital Beteiligungen ist auf den Handel mit Börsenmänteln spezialisiert und sitzt wie Nortrax in Bremen. Vorstand der Carthago Biotech ist übrigens Lukas Lenz, der wiederum im Aufsichtsrat der Sparta Beteiligungen sitzt, die laut Website in Deutschland Marktführer im Geschäft mit der Akquisition und Restrukturierung von Börsenmänteln ist.

          Wie genau nun das alles zusammenpaßt, läßt sich so einfach nicht beantworten. Für spekulationsfreudige Anleger ist dies alles indes Grund genug, auf eine Belebung der Gesellschaften und Kursgewinne zu spekulieren - die indes nicht automatisch anfallen müssen und nicht in absehbarer Zeit (Beim Handeln mit Börsenmänteln ist viel Fachwissen gefragt).

          Ilka mit unbekanntem Ziel verkauft

          Das gilt auch für andere Börsenmäntel, zum Beispiel die ILKA Holding. Diese wurde im vergangenen Jahr vom Mehrheitsaktionär, dem Nahrungsmittelhersteller Vogeley verkauft - angeblich an die Münchener Aurelius Investkapital, die darauf spezialisiert sein soll, Gesellschaften zu übernehmen, die in eine finanzielle Schieflage geraten sind.

          Dafür spricht auch, daß mit der Rechtsanwältin Astrid Winter eine der Aufsichtsrätinnen von Aurelius in den Aufsichtsrat der Ilka gewählt wurde. Vorstand der Aurelius ist übrigens Dirk Markus, ehemals Vorstand der Arques Industries für Finanzen und Restrukturierung. Die Firmensitz der Aurelius Investkapital und der Kanzlei RP Richter&Partner, für die Winter arbeitet, liegen in unmittelbarer Nachbarschaft. Im Januar stieg die Ilka-Aktie um 122 Prozent.

          Karstadt IVG und Sibra: Allianz der Immobilienträume

          Bekanntere Namen ranken sich um die nächste Mantelspekulation: die Sibra Beteiligungs-AG, die mehrheitlich zur Immobiliengesellschaft IVG gehört. 2001 sollte der Mantel des früheren Sinalco-Produzenten an die Star 21 Networks AG verkauft werden. Dies scheiterte. Jetzt knüpfen sich viele Spekulationen daran, die aber auch nicht mehr als nette Theorien sind.

          Einige weissagen, daß die IVG nach Zulassung die Sibra zu einem REIT umwandeln will. Wieder andere spekulieren darauf, daß IVG die Karstadt-Immobilien kauft und in die Sibra einbringt.

          Diese Story hat wiederum einiges in sich. Denn dies hat die Karstadt-Aktie im Januar trotz weiter negativer Trends im operativen Geschäft um 90 Prozent nach oben getrieben. Bis September sollen die Immobilien verkauft werden, es gebe bereits 25 Interessenten. Nach dem Kursanstieg ist die Aktie mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 611 für das laufende Geschäftsjahr und KGVs von 27 und 34 für 2007 und 2008 ausgesprochen gut bezahlt.

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