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Lehren aus der Krise : Ist unser Finanzsystem heute sicherer?

Hohe Schulden sind weiterhin eine brisante Gefahr

Trotz solcher Verbesserungen würde aber kaum jemand so weit gehen wie die amerikanische Notenbankpräsidentin Janet Yellen, die kürzlich eine neuerliche Finanzkrise zu ihren Lebzeiten (die Dame ist rüstige 70 Jahre alt) ausgeschlossen hat. Was die sonst so zurückhaltende Yellen zu solchem Übermut getrieben hat, ist nicht klar. Zumal sich seit 2007 eines gar nicht so groß verändert hat – die Abhängigkeit der Banken vom Immobilienmarkt ist noch immer hoch. Hauskredite machen zwei Drittel der Bankbilanzen weltweit aus. Sollten die Immobilienpreise in der Welt deutlich fallen, würden viele Banken womöglich abermals ums Überleben kämpfen.

Solch ein Szenario ist gar nicht so weit entfernt, wie dies angesichts deutlich steigender Häuserpreise in Deutschland derzeit erscheinen mag. „Das Finanzsystem ist heute erheblichen Zinsänderungsrisiken ausgesetzt“, sagt Isabel Schnabel. „Ein abrupter Zinsanstieg könnte die Solvenz des Bankensystems bedrohen, es wäre mit einem Einbruch der Preise von Anleihen, Aktien und Immobilien zu rechnen.“ Das Gefährliche an einer solchen Situation sei, dass alle Finanzmarktteilnehmer gleichzeitig davon getroffen würden. In der Tat zeigen Studien des Wirtschaftshistorikers Moritz Schularick, dass in einem solchen Falle insbesondere bei Immobilien ein wirksamer Schutz nicht existiert. Er hat herausgefunden: Die Hauspreise in einem Land sinken im Falle eines solchen Schocks einheitlich – alle Hausbesitzer, egal in welcher Region, sind davon betroffen.

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Das hat mit folgender Spirale zu tun, die dann oft in Gang kommt: Schnell steigende Zinsen führen dazu, dass viele Menschen ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen oder sich keine Anschlussfinanzierung mehr leisten können. Dann müssen gleichzeitig viele Häuser verkauft werden, was wiederum zu fallenden Hauspreisen führt. Und schon stehen die Banken vor großen Problemen, denn die Immobilien dienen ihnen als Sicherheit.

Dies weist auf eine altbekannte, aber noch immer brisante Gefahr hin: Hohe Schulden, seien es nun Immobilienschulden oder Schulden anderer Art, können das Finanzsystem noch immer in Windeseile destabilisieren. Wie prekär die Lage ist, zeigt eine kleine Rundreise um die Welt. Italien hat gerade die höchste Staatsverschuldung seiner Geschichte gemeldet, fast 2300 Milliarden Euro. In Amerika sind es dagegen vor allem Privatleute, die Sorgen bereiten. Auf die beeindruckende Summe von 12 700 Milliarden Dollar ist die Schuldenlast amerikanischer Haushalte zuletzt gestiegen, auch das ein Höchstwert. Immer mehr Amerikaner sind mit den Raten für ihre Autokredite in Rückstand, manch einer nennt das schon eine neue Subprime-Krise. Und in China und vielen anderen Schwellenländern sind es in erster Linie die Unternehmen, die rekordhohe Schulden anhäufen.

Gefahr im deutschen Sparkassensektor?

Deutschland ist von vergleichbaren Verhältnissen weit entfernt, muss sich aber nach Meinung mancher Ökonomen mit einem besonderen landesspezifischen Risiko auseinandersetzen. „Eine Gefahr könnte meiner Meinung nach vom Sparkassensektor ausgehen“, sagt Reint Gropp vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. „Dies sind zwar für sich genommen kleine Banken, aber zusammen betrachtet sind sie groß.“ Bildlich kann man sich das so vorstellen:

Die Sparkassen sind wie viele kleine Fische, die gemeinsam einen Fischschwarm bilden. Jeder einzelne Fisch ist unscheinbar, zusammen bilden sie aber eine beeindruckende Gruppe. Nun bestreiten die Sparkassen zwar stets, dass sie gleichgerichtet handeln, aber über einen Haftungsverbund sind sie aufs engste miteinander verwoben. Die Risiken, die daraus erwachsen, werden darum häufig mit dem Ausdruck „too many to fail“ (frei übersetzt: zu viele, um sie pleitegehen zu lassen) bezeichnet in Abgrenzung zu „too big to fail“ (frei übersetzt: zu groß, um eine Pleite zuzulassen).

Wenigstens vor einer neuerlichen Schieflage der IKB muss man sich derzeit aber wohl nicht fürchten. Zehn Jahre nach dem Kollaps konzentriert sich die Bank, mittlerweile zu hundert Prozent im Besitz des Finanzinvestors Lone Star, allein auf die Finanzierung mittelständischer Firmen. Die gute Nachricht lautet: Im vierten Jahr hintereinander schreibt die einstige Krisenbank schwarze Zahlen.

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